13.09.2007 - 19:00 Uhr

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„Mandy, 19, hat Langeweile“ – Eine professionelle SMS-Flirterin erzählt

Text: eva-bader - Illustration: Gabriel Holzner

Es muss nicht immer Jamba! sein: Andere Premium-Dienste fürs Handy locken nicht mit Musik und Games, sondern mit der Hoffnung auf Zuneigung: Flirt-SMS.
Hinter den ansprechenden Profilen von Anna aus Russland und der süßen Krankenschwester Jenny stecken allerdings komplett andere Menschen, die sich mit dem Aufbau und Halten des Kontaktes ein Zubrot verdienen.
Die teuren SMS-Dienste wurden in mehreren Prozessen als Betrug eingestuft. Seit dem Telekommunikationsgesetz (TKG) von 2004 und einem Urteil des Landesgerichtes Hannover 2005 sind die Anbieter verpflichtet, nur auf Verlangen zu flirten sowie in jeder Erst-Kurznachricht die Kosten klar offen zu legen. Machen sie auch. Das Erstaunliche: Die Branche wächst trotzdem weiter.
Jetzt.de hat sich mit einer selbstständigen Flirtdienst-Betreiberin unterhalten, die anonym bleiben möchte.

Wie kriege ich einen halbwegs vernünftigen Mann dazu, mir für 1,99 Euro das Stück SMS zu schicken? Ganz einfach. Wir haben da ein Portal mit spezieller Software. Da sucht man sich ein Foto aus, stellt es in eine Dating-Seite und erfindet eine Story dazu. So etwas wie: Mandy, 19, ist gerade mit dem Abi fertig und weiß nicht, wie es weitergehen soll. Wenn man dann Emails von Männern bekommt, bittet man sie um ihre Handynummer und beginnt eine Konversation. Manche schreiben einem auch gleich eine SMS. Wir brauchen dazu natürlich kein Handy, sondern machen das mit Eingabemaske und Tastatur. Das machen die dann, obwohl sie die Gebühren kennen? Ja! Sie werden vorab informiert, dass sie jede von ihnen gesendete SMS 1,99 Euro kostet. Steht auch ganz deutlich in den AGBs der Webseiten. Das ist ihnen aber egal. Die meisten hören dann einfach wieder auf, wenn sie ihre nächste Telefonrechnung sehen. Aber manchen ist es das auch wert, die sehen halt das Foto und wollen diese Frau kennen lernen. Eines der Mädels hat seit drei Jahren einen Stammkunden, der hat schon über 7000 SMS geschickt – und in der ersten Zeit haben die SMS noch drei Euro gekostet. Manchmal passiert es auch, dass sich ein Kunde nach langer Zeit wieder meldet und schreibt: „Tut mir leid, dass ich so lange nichts von mir hab hören lassen, ich musste erst meine Telefonschulden abstottern.“ Die machen das schon sehenden Auges. Was für Dating-Seiten benutzt ihr zum Knüpfen von Kontakten? Ungefähr zehn Single-Börsen. Große Partnersuchdienste wie Neu.de sind zwar für uns gesperrt, aber die kleineren Flirtseiten reichen vollkommen. Geht es da nicht die ganze Zeit um „Zieh mal dein Höschen aus“? Nein, gar nicht. Es geht tatsächlich um Partnerschaft. Die Kontakte stammen ja auch von diversen Partnersuch-Seiten. Klar kann man die Männer auch über Sexseiten kontaktieren, aber da geht es um nichts Längerfristiges. Das bringt einem nicht viel ein. Man muss schon eine Bindung aufbauen und was Spannendes zu erzählen haben. Zum Beispiel? Oh, da gibt es die ganze Bandbreite. Das blonde Partygirl geht immer. Manche der Mädels bedienen aber auch besondere Nischen wie Fetisch oder Gothic, das kann man sich ganz frei aussuchen. Eine erzählt, dass sie als Pathologin auf so einer Leichenfarm arbeitet, wo überall Tote in verschiedenen Verwesungsstadien herumliegen. Das finden ihre Stammkunden total interessant. Es ist wie schauspielern, und eine psychologische Seite hat es auch. Wie reagiere ich, wenn mich die Männer endlich mal in Realität treffen wollen? Da muss man kreativ sein und sich etwas ausdenken, warum das nicht geht. Man könnte im Ausland arbeiten oder einen eifersüchtigen Freund haben. Wenn sie herausfinden, dass sie dich wirklich nicht treffen können, hören sie normalerweise auf zu schreiben. Nicht immer. An einem deutschen Flughafen, dessen Namen ich jetzt nicht nennen möchte, gibt es einen Flugbegleiter, der felsenfest davon überzeugt ist, dass er seinen Flirt öfter mal vorbeilaufen sieht. Die hat erzählt, sie arbeitet dort auch als Flugbegleiterin, möchte aber ihre Identität geheim halten. Was für Frauen arbeiten bei Ihnen? Die meisten sind Studentinnen und finanzieren sich damit nebenher. Das Schöne an dem Job ist ja, dass man ihn überall machen kann – die gehen dann zwischen den Vorlesungen mal in den Computerraum, loggen sich ein und beantworten ein paar SMS. Es gibt aber auch welche, die davon ihren Lebensunterhalt bestreiten. Bei mir arbeiten gerade über zwanzig Frauen. Was verdient man denn damit? Für jede eingegangene SMS bekommt die Texterin bei uns 30 Cent. Damit sind wir gut dabei, bei anderen Agenturen bleibt oft viel weniger hängen. Können Männer das nicht auch machen? Doch, Männer haben es hier auch schon versucht, aber das funktioniert meistens nicht so gut. Heterosexuelle Männer tun sich anscheinend schwer, mit anderen Männern zu flirten, die finden nicht den richtigen Draht. Natürlich gibt es auch Schwule und Lesben in der Branche, oder zumindest welche, die in diese Rollen schlüpfen. Ist der Job nicht ziemlich illegal? Nein. Wir spammen die Männer nicht mit Werbung zu, die geben dir ihre Handynummer ja freiwillig und erfahren, was es kostet. Selbstverständlich ist das alles auf unserem Server dokumentiert. Es gibt natürlich Fälle, wo die Leute sich weigern, ihre Telefonrechnung zu bezahlen. Wir haben aber alles, was geschrieben wurde, gespeichert und sind damit auf der rechtlich völlig sicheren Seite. Das kann man ausdrucken und damit belegen, dass die Nummern freiwillig ausgetauscht wurden. Niemand wird zum Flirten gezwungen! Man kann jederzeit aufhören, zu schreiben. Aber mal ehrlich, im Grunde lügen Sie einsamen Männern für Geld was vor. Schlechtes Gewissen? Nie. Erstens spielen wir mit offenen Karten. Die haben die Gebühren-Information. Zweitens kriegen sie auch was dafür: Unterhaltung, Trost, Spaß... von einem echten Menschen, der individuelle Antworten schreibt. Dafür braucht man sich nicht zu schämen. Interview: Eva Bader


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mr_mulilo
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Mag ich Mag ich nicht

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14.09.2007 - 12:59 Uhr
mr_mulilo

So gesehen kann man jede Betrugsabsicht mit dem kurzen Statement:
"Vielleicht war es Betrug, vielleicht steht das Opfer aber auch darauf abgezockt zu werden!" abschmettern

Verstehe schon was Du mein kg, dies ist wirklich eine schwierige Sache, und eigentlich ist für mich die persönliche Verantwortung und Menschenkenntnis der springende Punkt, und nicht die Polizei.
Aber schon hart diese Ausagen im Text oben :-(

berlinoid
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Mag ich Mag ich nicht

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14.09.2007 - 14:08 Uhr
berlinoid

Bedenklich.

Ich war auch schon mal Betrugsopfer - aber in nem anderen Kontext. Ich wurde von nem fremden Mann angesprochen, der dringend Geld brauchte für Benzin, für die Fahrt zurück nach Polen, weil seine Geldkarte kaputt war etc.
Ich hatte ein ungutes Gefühl, aber ich hab ihm tatsächlich Geld "geliehen", weil ich dachte daß ja immerhin die Chance besteht, daß seine Geschichte echt ist, und nicht nur gut ausgedacht, und daß er ganz schön aufgeschmissen wäre ohne meine Hilfe...

Diese ganzen Betrügerein funktionieren meiner Meinung nach nur, weil man zunächst immer an das Gute im Menschen glauben möchte.
Und das ist bei dieser SMS-Abzocke genau das selbe.
Mindestens genauso schwer wie der finanzielle Verlust wiegt meiner Meinung nach der Vertrauensverlust, der eintritt wenn die Opfer merken, daß sie verarscht wurden.

provisorischernick
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Mag ich Mag ich nicht

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14.09.2007 - 18:55 Uhr
provisorischernick

Den Glauben an das Gute 1:1 auszunutzen wie bei berlinoid ist natürlich mit extremer Enttäuschung verbunden.
Profis auf dem Gebiet aber schon lange, die mit der SMS auf Partnerschaftseiten in etwa vergleichbar ist, nur nicht virtuell.
Mir ist daraufhin nämlich folgendes eingefallen: Ich war vor einigen Jahren mit einem Kumpel halb geschäftlich, halb touristisch in Frankfurt und wir hatten ein Hotelzimmer in Bahnhofsnähe.
Wie wir nach dem Abendessen so herumschlenderten, sind wir auf einen Hereinwinker (heißt das so?) hereingefallen.
Wir, mit Blick auf die Bierpreise und München gewohnt, sagten uns, so teuer ist das nicht und wir schaun es uns mal an.
Wir haben uns dann an die schäbige Bar gesetzt und jeder ein Bier bestellt, woraufhin sich schnell rechts und links außen
je eine Schabracke zu uns gesellt hat.
Mit aufdringlichen Angeboten, wir könnten doch mal nach hinten gehen, worauf wir keine Lust hatten, drängten Sie wir sollten sie doch "wenigstens auf einen Kleinen einladen", wozu wir uns schließlich breit schlagen ließen, sie würden uns ja abwechselnd auch einladen....
Das wurde uns bald zu ungemütlich und wir wollten gehen. Ich habe auch gleich gesagt, ich möchte zahlen, ZUSAMMEN. Die dicke Dame des Hauses, meinte dann: "Das macht 156 Mark". Der "Kleine" kostete nämlich jeweils über 60 DM (und stand auf der Karte gut "getarnt")
Soviel Geld hatte ich dann doch nicht bei mir und wir mußten zusammenlegen.
Wir haben das dann als Lehrgeld verbucht und uns nicht den (Halb-)Urlaub verderben lassen.
Übrigens hat mich dieses Lehrgeld vor zwei Jahren bei einem Urlaub in Istanbul vor ähnlichem Schaden bewahrt, da ich seitdem geimpft bin. Damals hatten mich zwei beinahe gleichaltrige scheinbar international interessierte Jungs auf ihre Party mit tollen Frauen abschleppen wollen, was sich bei Ankunft (mit Taxi, das sie bezahlt haben) als Nepplokal herausstellte. Aber ich weiß inzwischen, daß man die Preisliste von oben bis unten lesen muß.

virgina
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Mag ich Mag ich nicht

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14.09.2007 - 20:49 Uhr
virgina

Ich muß kotzen...
Weder spießig bin ich, würde mich as lebensfroh und kontaktfreudig bezeichen..Aber das. Bin aus einer Kaufmannsfamilie, kenne alle Belange, dazu nur "Nein."
Geschichten im Ärmel dazu ausreichend vorhanden.
Anfragen bei Virgina.

kulturgut
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Mag ich Mag ich nicht

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15.09.2007 - 08:25 Uhr
kulturgut

berlinoid: vorsichtig/misstrauisch sein und an das gute im menschen im glauben widersprechen sich nicht.

die mehrheit der leute in unserer zivilisation ist definitiv nicht richtig böse (wenn auch kaum einer ein vollkommener engel ist). schützen muss man sich wegen der paar prozent oder vielleicht auch nur promille, die total daneben sind, und denen sieht man das halt nicht immer gleich an.

das war aber schon immer so und ist kein grund, zu verzweifeln - die welt ist halt, wie sie ist. ne andere steht gerade nicht zur verfügung.

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