Kann ich das auch? Der Crashkurs in moderner Kunst
Die Documenta in Kassel, Deutschlands größtes Kunstevent, hat ihre Tore geöffnet, die Art Basel ihre wieder geschlossen, auch sonst ist Kunst auf allen Kanälen. Trotzdem stehen tausende Kunstlaien ratlos vor Installationen und abstrakten Objekten. Dr. Christian Saehrendt hilft: Er erklärt die Absurditäten des Kunstbetriebs und hilft, gute Kunst von schlechter Kunst zu unterscheiden.
Weiße Quadrate, Müllskulpturen, Konservendosen: In Museen hängen und stehen lauter komische Dinge. Was macht etwas eigentlich zu Kunst?Dass die richtigen Leute es dafür halten. Man kann sich das wie ein Paralleluniversum vorstellen: Es gibt die echte Welt, und es gibt den Planeten Kunst. Wenn die Bewohner dieses Planeten sich darauf geeinigt haben, etwas gut zu finden und in ihrer Welt aufzunehmen, dann ist das automatisch Kunst. Alles was in Museen steht oder hängt, ist automatisch Kunst.

Aber muss ein Werk nicht irgendetwas besonderes haben, etwas ästhetisches oder inhaltliches, was es erst zu einem Kunstwerk macht?
Nein, überhaupt nicht. Mit dem Objekt selbst hat dieser Prozess kaum etwas zu tun. Ein Beispiel: Irgend so ein New Yorker Künstler aus der Graffiti-Szene hat auf Zeitungsseiten gewichst. Das wurde vor kurzem in Berlin ausgestellt, und am ersten Tag hat jemand diese Zeitungsseiten für 48 000 Euro gekauft.
So ein Idiot!
Klar ist der Käufer ein Idiot. Aber er macht dieses an sich ekelhafte Zeug dadurch zu Kunst, dass er als Sammler dafür Geld ausgibt.
Und was hat er dann davon, von diesen vollgewichsten Zeitungsseiten?
Er setzt sich provokativ vom Geschmack der Masse ab. Das Engagement für Kunst ist durchdrungen von einem Prestigedenken. Man wählt sich einen Künstler aus und will sich damit von anderen abgrenzen, am liebsten natürlich von der breiten Masse.
Wenn es nicht die Qualität seiner Arbeit ist, was bestimmt dann über den Erfolg eines Künstlers?
Er muss die richtigen Leute auf seiner Seite haben. Wir brauchen ein Verkäufer und einen Käufer – Galerist und Sammler also. Zusätzlich noch einen Museumsdirektor, der das Objekt in seinen Räumen ausstellt, wodurch es deutlich im Wert steigt. Und zum Schluss noch einen angesehenen Kritiker, der so eine Art Gutachten verfasst.
Wie verhalte ich mich in einer Ausstellung am besten: Vor jedem Bild fünf Minuten stehen bleiben - stellt sich dann irgendwann das Verständnis ein? Muss ich mir restlos alles ansehen?
Man muss den Mut haben, Sachen links liegen zu lassen. Die heutigen Ausstellungen sind so fett, da kann man sowieso nicht alles sehen. Und 90 Prozent sind uninteressant. Deshalb würde ich empfehlen: Erst einmal schnell durch die Ausstellung rauschen. Dann in einem zweiten Anlauf gezielt die Sachen ansteuern, die einem im Augenwinkel hängen geblieben sind. Und sich dafür dann richtig Zeit nehmen.
Wie unterscheide ich denn guter von schlechter Kunst?
Kunst ist etwas Sinnliches, und dafür gibt es keine objektiven Kriterien. Aber es gibt Indizien für schlechte Kunst. Zum Beispiel billige Provokationen. Sex und Ekliges sind da besonders beliebte Mittel. Die Künstlerin Vanessa Beecroft beispielsweise stellt einen Haufen nackter Models in Museen. Da ist ganz klar: Die Leute wollen die nackten Weiber sehen, die prügeln sich fast um die Tickets! Inhaltlich ist das schwach, dass bewegt sich auf dem Niveau von Automessen-Events. Oder Christo: Der hatte einmal die Idee mit dem Verpacken, schön und gut. Seitdem packt der einfach alles mögliche ein: Den Reichstag, Brücken, und sogar ganze Inseln. Was ist denn daran bitte kreativ, einfach immer größer zu werden? Das ist nur noch eine große Marketingkampagne.
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