Wie es ist, süchtig nach Sex-Filmen aus dem Web zu sein
Text: ralf-heimann
Die Sucht nach Online-Sex ist die ständige Suche nach dem perfekten Porno, den es nicht gibt.
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Den Text entnehmen wir der aktuellen Ausgabe des Online-Magazins daheim, die sich mit Pornografie befasst. Die Autoren besuchen unter anderem einen Pornodreh, sprechen mit einer Pornodarstellerin oder befassen sich mit feministischer Kritik an Pornografie.
Dr. Carsten B. ist sicher kein typischer Fall. Der 34-jährige Psychiater arbeitet in einer Dortmunder Klinik mit Suchtkranken. Er kennt viele Drogen. Und er hat viele von ihnen selbst ausprobiert. Haschisch, Kokain und Ecstasy sowieso, allerhand Medikamente, sogar Heroin. Einige Mittel nahm er als Jugendlicher aus Leichtsinn, manche später aus professionellem Interesse. Andere einfach, weil sie ihm gefielen. Aber süchtig war er nie, sagt er. Nur mit dem Internet hatte er so seine Probleme. Carsten B. brauchte Pornos, jeden Tag.
Um sein Sexleben hat der junge Arzt sich nie Sorgen gemacht. Er sieht nicht so aus, wie man sich einen Internetjunkie vorstellt. Sein Teint ist sonnenbraun, seine braunen Haare hat er ganz modisch über seine Stirn modelliert. Carsten B. hatte eine hübsche Freundin. Als sie ihn vor einem Jahr verließ, begann er sich Gedanken zu machen. Die Beziehung scheiterte nicht allein an seiner Internetsucht. Aber vielleicht hätte sie noch etwas länger gehalten, wenn Carsten B. nicht die Lust am Sex mit seiner Freundin verloren hätte. Carsten B. ist nicht allein mit seinem Problem: Drei bis fünf Prozent aller Internetnutzer sind nach Schätzungen der Berliner Humboldt-Universität onlinesüchtig. Die Daten sind acht Jahre alt, aber es sind die aktuellsten. Gabriele Farke, Vorsitzende des Vereins Hilfe zur Selbsthilfe für Onlinesüchtige (HSO 2007), glaubt, „dass diese Zahl längst nicht den Kern trifft, denn die Dunkelziffer ist immens hoch“.
Illustration: Daniela Pass
Die 51-Jährige berät seit 1996 Menschen, deren Onlineverbindung für ihr Leben wichtiger geworden ist, als ihnen lieb ist. Früher saß sie selbst tagelang vor dem Bildschirm, ohne es eigentlich zu müssen. Auch sie war süchtig. Aber sie schaffte den Absprung, schrieb mehrere Bücher über das Thema. Und sie betreibt die Internetseite www.onlinesucht.de. Anfang des Jahres entstand daraus der Verein HSO. Es hatte ihn schon einmal gegeben, von 1999 bis 2001. Dann ruhte er über Jahre, obwohl es nach Angaben von Gabriele Farke mehr als 10.000 Hilferufe gab. Aber Onlinesucht galt damals nicht als Krankheit. Bis heute hat sich daran nichts geändert, zumindest auf dem Papier.
80 Prozent haben eine depressive Störung
Internetabhängigkeit ist ein kompliziertes Leiden, die Sucht nach Cybersex nur eine seiner Ausprägungen. Über die Ursachen sind sich die Mediziner nicht einig. In jedem Fall gibt es nicht nur eine Ursache, sondern mehrere mögliche. Und nicht immer ist Onanie am Bildschirm die Befriedigung eines sexuellen Bedürfnisses. "Paradoxerweise sind viele Betroffene gar nicht am Sex interessiert“, sagt der Berliner Psychiater Werner Platz. Es gehe um einen Befriedigungsersatz, die Suche nach Nähe. Werner Platz unterscheidet zwischen Online-Sexsüchtigen mit einer Depression, mit einer Persönlichkeitsstörung und solchen mit einer Störung der Sexualpräferenz. Er drängt darauf, die Internet-Sexsucht als psychische Störung zu klassifizieren. Der Arzt Bert te Wildt von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) hat in einer Studie Hinweise darauf gefunden, dass hinter der Online-Sexsucht mehr steckt als pure Lust. In einer Untersuchung mit 23 Internetsüchtigen fand er heraus, dass 80 Prozent von ihnen schon vor ihrer Sucht unter einer depressiven Störung litten. Auch die Zahl der Angsterkrankungen und Persönlichkeitsstörungen bei den Probanden war überdurchschnittlich hoch. Für Carsten B. war die schnelle Befriedigung im Internet eine Frage der Verfügbarkeit. Der Sex war schnell, einfach, unkompliziert und unabhängig von der Stimmung seiner Freundin.
„Wenn ich Lust hatte, hab ich den PC hochgefahren. Wenn ich fertig war, habe ich ihn wieder ausgestellt“, sagt er. In seiner Schublade stapelten sich zeitweise Dutzende DVDs mit kleinen Filmen, oft nur sekundenlange Szenen. Viele davon schaute er sich kaum mehr als einmal an. Dann waren sie abgenutzt. Dann begann die Suche nach neuem Material. Manchmal vergingen mehrere Stunden, bis wieder genügend neue Szenen für eine neue Dosis auf der Festplatte lagen.
Und plötzlich steht die Freundin hinter dir: Wie sich die Beziehung von Carsten B. entwickelte, nachdem seine Freundin seine Sucht entdeckte. Auf der nächsten Seite.