29.03.2007 - 19:00 Uhr

0 28 Über Twitter weiterempfehlen

Tuvalu: Ein kleines Inselparadies geht unter

Text: kristin-matousek

Alle reden ständig von globaler Erwärmung. Billigfliegen macht keinen Spaß mehr, weil uns das schlechte Gewissen plagt, und unseren spritfressenden alten Saab wollen wir auch nicht mehr fahren. Und alles wegen des CO²-Ausstoßes. So vorbildlich das sein mag, man fragt sich doch hin und wieder, ob die Folgen wirklich schon absehbar sind.

Auf Tuvalu, dem kleinen Inselatoll rechts neben Neuseeland, sind sie das. Da gibt es ein paar Fakten, die nicht ganz ins romantische Südsee-Bild passen. Tuvalu wird nämlich aller Wahrscheinlichkeit nach in 25 Jahren unbewohnbar und in 50 Jahren komplett verschwunden sein. Und das, obwohl der CO²-Ausstoß dort ziemlich gering ist. Es gibt ungefähr drei Autos, fünf Motorräder und 5000 Fahrräder. Auch Fabriken wird man nicht finden. 80 Prozent der Menschen leben vom Fischfang, und der wird nicht in Plastik eingeschweißt um die Welt geschickt, sondern auf dem idyllischen Wochenmarkt verkauft.
Noch gibt es Menschen, Straßen und Bäume auf Tuvalu. 2005 hat sich in Japan eine NGO gegründet, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, international auf Tuvalus Problem aufmerksam zu machen. Das Projekt nennt sich Tuvalu-Overview. Die Idee ist, jeden einzelnen der 10.000 verbliebenen Tuvaluaner zu porträtieren und damit, auf dem nächsten G8-Gipfel 2008 in Tokio, den mächtigen Staaten verständlich zu machen, in welcher Situation Tuvalu steckt. Kaum ein Land liegt so abseits vom Rest der Welt wie Tuvalu. Und kaum ein Land ist so klein wie Tuvalu. Ziemlich genau 26 km². Zu allem Überfluss wissen viele nicht einmal von Tuvalus Existenz. Das macht es dem Land nicht leicht, gehört zu werden. „Aber genau das ist es, was sich die Tuvaluaner wünschen“, sagt Silafaga Lalua. Sie lebt auf Tuvalu und arbeitet dort für Tuvalu Overview. „Ich habe beinahe mein ganzes Leben hier verbracht, und will das Land nur ungern verlassen, auch wenn ich weiß, dass ich keine andere Wahl habe. Deswegen werde ich, wenn sich die Situation weiter zuspitzt, nach Neuseeland gehen, so wie viele andere Tuvaluaner auch.“ Der höchste Punkt der Insel liegt zwischen 3 und 5 Meter über dem Meeresspiegel. Und wenn der Meeresspiegel tatsächlich in diesem Jahrhundert um circa einen Meter ansteigt, wie Klimaforscher vorhersagen, dann sieht es mehr als nur schlecht aus für Tuvalu. „Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, weiß ich, dass es keine Chance gibt, den Verlust Tuvalus zu verhindern. Dafür ist die globale Erwärmung zu weit fortgeschritten“, sagt Silafaga. Viele kleine Inseln, auf denen man vor zwanzig Jahren noch gemütlich zwischen Palmen abhängen konnte, gibt es inzwischen nicht mehr. Und durch die ständigen Erosionen werden ganze Strandabschnitte abgetragen. Wenn eine Insel an ihrer breitesten Stelle gerade mal 400 Meter misst, ist das tatsächlich ein Problem. Tuvalus Premierminister Filomeia Lelamia versucht aus diesem Grund, zumindest für die jüngere Generation einen Ort zum Auswandern zu finden. Australiens Premier, John Howard, hat das Gespräch mit Lelamia im Februar zum zweiten Mal abgelehnt. Neuseeland hingegen nimmt im Moment 75 Flüchtlinge pro Jahr auf. Und auch die Fidschi-Inseln und Papua-Neuguinea zeigen sich kooperativ.
Schon lange heißt die Option für junge Menschen Auswandern Man fragt sich, ob es nicht mehr Sinn machen würde, schon jetzt seine Sachen zu packen und auf die Fidschi-Inseln oder Neuseeland umzusiedeln. „Viele machen genau das, vor allem junge Menschen“, sagt Silafaga. Das ist auch gut nachvollziehbar. Die einzige Hochschule, die es in Tuvalu gibt, ist eine Seefahrerschule auf der Hauptinsel Funafuti. Wer aber nicht gerade Seefahrer werden möchte, geht ins Ausland. Große Anreize, die Insel nicht zu verlassen, gibt es für die jungen Menschen nicht mehr. Tuvalu war zwar nie ein Standort für wirtschaftlichen Fortschritt, aber die Menschen konnten ganz hervorragend vom Export ihrer Kokosnüsse und allem anderen, was die Insel zu bieten hatte, leben. Durch die ständigen Überschwemmungen allerdings sind das Grundwasser und der Boden der Insel so versalzen, dass der Anbau in den meisten Gebieten kaum noch möglich ist. Und auch das sollen die Mächtigen in Tokio hören, wenn es nach Silafaga Lalua geht. Dass die Vertreter der G8-Staaten nicht jedes einzelne Portrait des Tuvalu-Overview-Projektes anschauen werden, ist Silafaga bewusst, sie wünscht sich aber, dass vielleicht das Portrait eines Kindes oder einer ganzen Familie einen Effekt hat. Silafaga sagt: „Wenn die Mächtigen dieser Welt endlich anfangen würden, das Kyoto-Protokoll auch einzuhalten, dann wären wir am Ziel. Für Tuvalu ist es zwar zu spät, aber wir sind nicht die einzigen, die in Gefahr sind. Die Marshall-Insel, Kiribati und viele mehr stehen vor ähnlichen Problemen. Und die müssen gelöst werden.“


Neue Magazin-Texte:

Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem dienstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!

Textoptionen
Mehr Texte von
kristin-matousek
Mehr Texte zum Label
Redaktionsblog
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Fehler gefunden?
Report an Error
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
28 Kommentare

speichern

Alle Kommentare anzeigen

spaetabends
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

29.03.2007 - 19:50 Uhr
spaetabends

Du hast als weitere Einnahmequelle die Rechte an der Domain .tv vergessen. Davon haben allerdings nur einige Politiker dort profitiert.

politplatschquatsch
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

29.03.2007 - 20:40 Uhr
politplatschquatsch

Der Untergang

Der Untergang ist eine Geschichte mit etlichen Fortsetzungen, natürlich, denn es handelt sich hier nicht um den Untergang des III. reiches, sondern um den der vor allem wegen der Domain-Endung .tv bekannten Inselgruppe Tuvalu. Der widmet das investigative Magazin "jetzt.de" jetzt einen traurigen nachruf, der folgendermaßen anhebt:

Tuvalu: Ein kleines Inselparadies geht unter

Alle reden ständig von globaler Erwärmung. Billigfliegen macht keinen Spaß mehr, weil uns das schlechte Gewissen plagt, und unseren spritfressenden alten Saab wollen wir auch nicht mehr fahren. Und alles wegen des CO²-Ausstoßes. So vorbildlich das sein mag, man fragt sich doch hin und wieder, ob die Folgen wirklich schon absehbar sind. Auf Tuvalu, dem kleinen Inselatoll rechts neben Neuseeland, sind sie das. Da gibt es ein paar Fakten, die nicht ganz ins romantische Südsee-Bild passen. Tuvalu wird nämlich aller Wahrscheinlichkeit nach in 25 Jahren unbewohnbar und in 50 Jahren komplett verschwunden sein.

Hätte man dieselbe Geschichte mit anderen Worten nicht zufällig schon vor sechs jahren im investigativen "Spiegel" gelesen Der Untergang, müsste man Kenntnis davon haben, dass der Anstieg des Meeresspiegels vielleicht eine Möglichkeit irgendwann in der Zukunft sein könnte, sich aber bis heute mit Daten nicht belegen lässt. Sieht man im Bild schön:

Google findet derzeit dennoch 42.000 Trefferstellen für Tuvalu + Untergang. Etliche davon hat sicher auch jetzt.de fleißig abgesurft. Und so geht Tuvalu unter, und unter, und unter und immer weiter unter. Ohne einen einzigen Meter zu versinken...

Gepostet von binladenhüter an 19:23 0 Kommentare



http://politplatschquatsch.blogspot.com/

jane
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

29.03.2007 - 22:34 Uhr
jane

da flippt der kg aus, wenn er das sieht.

Iches
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

29.03.2007 - 23:07 Uhr
Iches

Und trotzdem wird nicht erläuert wo jetzt genau Tuvalu liegt.

Zum Glück hilft Wikipedia immer:
"Tuvalu liegt im Südwesten des Pazifischen Ozeans, östlich von Papua-Neuguinea und nördlich von Neuseeland. Zu den umliegenden Inseln gehören die Salomonen, Nauru, Kiribati, Tokelau, Samoa, Wallis und Futuna, Fidschi und Vanuatu."

nestroy
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

29.03.2007 - 23:51 Uhr
nestroy

uralte story von der ewig untergehenden insel.
aber halt eine schön plakative empörvorlage für ökomoralisten.

gibts eigentlich noch weltverbesserer, die sich über den völkermord in darfur oder hunger in nordkorea empören ?

the-wrong-girl
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

30.03.2007 - 01:16 Uhr
the-wrong-girl

Hui, und ich wollte mich schon ärgern, dass ich ohne Co2-Ausstoß und damit einen Beitrag zum Untergang Tuvalus zu leisten nie da hin fahren kann. Da hab ich ja noch mal Glück gehabt, so werde ich dieses hübsche kleine Inselchen vielleicht doch noch breisen ;-)
Aber Klimawandel ist trotzdem doof. Dennoch gut recherchiert von politkwatsch.

Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

30.03.2007 - 01:17 Uhr
the-wrong-girl

Hö? Seit wann kann man den Texte von "den Roten" bepunkten???

Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

30.03.2007 - 01:28 Uhr
the-wrong-girl

Noch was: trotz allem wäre ein Link zu diesem Portrait-Projekt nett gewesen und ich glaube, es gibt nur "die Erosion" und nicht die Erosionen.

kendelrichard
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

30.03.2007 - 08:52 Uhr
kendelrichard

Die Klimaproblematik: die Welt aufgeheizt durch eine Doktrin aus der Schublade der Gier und Käuflichkeit.

xekof
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

30.03.2007 - 09:06 Uhr
xekof

@politquatsch und alle anderen verharm-loser,

was du mir getan hast, hast du der ganzen welt getan. Selten sind uralte Weisheiten so wahr gewesen, wie auf tuvalu. (Rede nur von dem Satz, nicht vom christlichen-jüdischen Weltbild). Daß sich der Untergang nicht in 5 Jahren (für den westlichen Medienkonsumenten ist das - zugegeben - nicht nur Schnee von gestern, sondern Steinzeit) seit dem Spiegel-Artikel, sondern in Jahrzehnten abspielt, was für erdverhältnisse quasi erdrutschartig ist, sollte man sich mal in aller Ruhe vergegenwärtigen (!). Dann entlarvt sich nämlich dein Politgequatsche als das was es ist, nämlich unendlich eingebildetes und selbstbezogenes Zeug, von jemandem, der nicht mal über den eigenen Tellerrand geschweige denn die Grenzen des eigenen Landes oder der eigenen Zeit zu denken können scheint.
Wie sagte schon Kant: "Eine Rechtsverletzung an einem Platz der Erde wird an allen gefühlt" (Zum ewigen Frieden)
Tuvalu sind wir alle!
Zehn Jahre später ist vielleicht Hiddensee dran, 20 Jahre später Usedom und Rügen braucht auch nicht mehr lange warten, dann sind die friesischen Inseln schon lage weg. Vielleicht sind das Perspektiven, die ihr versteht.

Weiter Seite 1 2 3

Alle Kommentare anzeigen


Speichern
Mehr lesen:

Jetzt-Mitglied

kristin-matousek offline

kristin-matousek

ist jetzt-Userin und hat diesen Beitrag verfasst.