Ovid: Metamorphosen, Liber XVI, 1-35
Text: amplifythegoodtimes
Berlin, du wirst geschaffen und du vergehst, du gerinnst und du zerfällst, du entstehst und du gehst unter in meinen Armen, an meiner Brust. Berlin, die rasenden Massen in deinen Straßen werden zu pulsierendem Blut und die engen Gassen zu verwinkelten Adern. Die Bäume unter den Linden lassen ihre Kronen verschmelzen zu einer mächtige Aorta, durch die das rote Blut strömen wird, über die Straße des 17. Juni hinweg, aus dem mächtigen pumpenden Herzen, unter dessen Kranzgefäßen und Vorhöfen sich der große Stern verbirgt. Die Siegesgöttin jedoch wird wie immer stehen, in Blut getränkt, sich lehnend nach vorn in deine Brust. Dann schließlich wird man ein bebendes Wummen in den Knochen spüren, es ist die Sekunde, in welcher der Drum’n’Bass deines Herzschlages einsetzt.
Und dort hinten wird Grünewald zu deinem Oberschenkel und Charlottenburg zu dem Gegenüber, Kreuzberg und Friedrichshain sollen deine Brüste sein und Mitte schrumpft zusammen zu deiner Milz, mein junge Schönheit. Aber der Reichstag nicht, mit seiner Kuppel! Sie wird aufbrechen wie eine Frucht, ein Spalt soll sie sein hinein in den Plenarsaal, dessen Bänke überzogen werden mit einem süßen Geschmack, denn der Reichstag, meine Liebe, soll nichts geringeres als deinen Schoß formen, wie die Charité deine Gebärmutter. Und der Avus: Er bricht auseinander und fügt sich wieder zusammen zu deinen Füße. Mit denen wirst du mich eines Tages verlassen, aber noch nicht jetzt. Jetzt ist noch nicht dieser eine Tag, meine Freundin, jetzt ist noch der Tag, an dem du dich in meinen Armen zusammenfügst.
Plötzlich sehe ich weiche Lippen, rot vom Blut der Reisenden, und einen Mund aus Glas, einen Mund aus einem Lehrter Bahnhof und nur ein einziger Intercityexpress darin, deine Zunge. Sie beginnt zu schlagen und zu schnalzen, die Erde beginnt zu Beben, denn Berlin nimmt den ersten Atemzug seines Lebens. Hinein in die Alexanderplatzlungen, die sich aufblasen, dass der Asphalt ächzt und sich beugt und bläht! Du gehst über vor Wundern, Fitnessstudios reihen sich aneinander zu Muskelsträngen, Polizeistreifen platzen auf und weiße Blutkörper strömen heraus. Dann fällt Schnee: unendlich weißer Schnee, der auf Muskelstränge fällt, es ist deine Haut, mein Kind, schau wie sie fällt, deine Haut. Wer hat jemals so einem Wetter beiwohnen dürfen? Wo bleiben jetzt, Schneewittchen, deine pechschwarzen Haare? Da steigen sie hinauf am Horizont, es sind die Kohlenmonoxidschwaden deiner Fabriken, die sich verwickeln und verdrehen, die sich zwirbeln und verdicken, bis sie endlich die seidigsten Haaren sind, die jemals aus Fabrikschornsteinen emporgestiegen waren, und schwarz wie eine Berliner Samstagnacht.
Da ist ein Gebären und Begehren in meinem Bett, das bist du Berlin, und da ist Rumoren und Murmeln in meinen Stirnlappen, das bist auch du, Berlin. Jetzt bist du wach, jetzt schlägst du die Decke beiseite, jetzt stehst du auf, jetzt richtest du deinen hinreißenden Körper in die Höhe, jetzt spiegelt sich deine nackte Haut in meinen Fenstern, jetzt wickelst du dich ein in die großen weißen Vorhänge, jetzt stehst du hier vor mir, nackt und eingewickelt in meine weißen Vorhänge, Berlin.
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09.02.2007 - 16:51 Uhr
louisalou