28.01.2007 - 19:00 Uhr

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Die Geschichte einer Freundschaft zu einem polnischen Auschwitz-Überlebenden

Text: katarina-bader

Jedes Jahr am 27. Januar feierte Jurek Hronowski die Befreiung von Auschwitz und gedachte der Opfer des Lagers. Das waren für ihn nicht „Millionen von Menschen“, sondern Edek und Feliks – Mithäftlinge. Im vergangenen Februar ist Jurek unter mysteriösen Umständen gestorben. Die polnisch-deutsche Aussöhnung hat mit ihm einen Fürsprecher verloren. Einen, der nicht berühmt war, der aber für viele Menschen die Welt verändert hat. Für mich zum Beispiel. / Für jetzt.de erinnert sich unsere Autorin Katarina Bader an eine bemerkenswerte Freundschaft, die ein merkwürdiges Ende fand

Es gibt logische Freundschaften: Sie entstehen, weil man zusammen studiert, Kinder im selben Alter hat oder einen Hund der gleichen Rasse. Aber manchmal entstehen Freundschaften, die schwer zu erklären sind. Die Freundschaft zwischen Jurek und mir war eine solche. Er war 60 Jahre älter als ich und Pole, seine Jugend hatten ihm die Deutschen geraubt. Ich bin Deutsche, und als wir uns kennen lernten, steckte ich in der geborgensten Jugend, die man sich vorstellen kann: in einem schwäbischen Dorf, inmitten einer großen Familie. Im Herbst 1998 nahm ich in der Jugendbegegnungsstätte Auschwitz an einem Seminar für Schülerzeitungs-Schreiber teil. Jurek Hronowski, ein Überlebender des Lagers, beantwortete unsere Fragen. Ein Herr Ende 70, klein, aufrecht und in jeder Bewegung entschieden und kraftvoll. Auf seinen Arm hatten die Nazis Nummern tätowiert.
Jurek Hronowski. Ich wusste viel über das Dritte Reich, hatte das „Tagebuch der Anne Frank“ gelesen und „Hitlers willige Vollstrecker“, aber als ich einem Menschen gegenüber saß, der Auschwitz überlebt hatte, verstand ich, dass ich nichts verstanden hatte. Als 17-Jähriger war er verhaftet worden. Nicht weil er den Besatzern Widerstand geleistet hatte, sondern weil er Offizierssohn war und Pfadfinderführer. Ich landete im Gefängnis, in einer Zelle, mit etwa 15 weiteren Häftlingen. Wir waren alle Gymnasiasten und keiner hatte etwas ausgefressen. Das musste ein Missverständnis sein. Ein paar Tage später wurden wir in den Hof geschafft und mussten zu je 30 Personen auf Lastwagen steigen. Bewacht wurden wir von zwei SS-Männern, die mit uns auf dem Wagen saßen. Es wäre ein Leichtes gewesen, sie zu überwältigen. Wenn wir gewusst hätten, was auf uns zukommt, hätten wir es bestimmt versucht. (Die kursiven Passagen stammen aus Jurek Hronowskis unveröffentlichten Memoiren.) Jurek erzählte über das Lager. Traurige Geschichten, aber in jeder war ein Funken Hoffnung. Sie handelten von einem Freund, den er vor dem Verhungern bewahren konnte. Und davon, wie Jurek bei einem „medizinischen Versuch“ von einem Nazi-Arzt mit Fleckfieber infiziert wurde, aber überlebte, weil ein jüdischer Pfleger ihm heimlich Medikamente zuschob. „Warum erzählen Sie nur Geschichten, die gut ausgehen?“, habe ich vorlaut gefragt. „Mein Fräulein, zwei Gründe“, sagte Jurek. „Erstens: Wenn sie nicht gut ausgegangen wären, könnte ich sie nicht erzählen. Zweitens: Ihr seid jung. Ich will euch nicht den Glauben nehmen.“ Ich sagte, dass er selbst genau so alt war, als er diese schrecklichen Dinge erlebte. Er sagte: „Eben.“
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Katarina Bader