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märchenstunde
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Sex| Köln | 16.11.2006 16:51Rewind.
Text: moi_judita
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Und schon wieder ist November und schon wieder balanciere ich in nassen Turnschuhen über die Bordsteinkanten der Stadt. Die Stöpsel von dem alten roten Walkman drücken in meinen Ohren, sie sind etwas zu groß. Der Walkman ist auch zu groß und alt und macht schnarrende Geräusche beim Abspielen. Du hast ihn mir geschenkt, Finn. Vor zwei Jahren zu meinem zwanzigsten Geburtstag. Weißt du das eigentlich noch? Ich habe ihn ja kaum benutzt. Er sieht so kindisch aus. Und ich bin nun mal keins von diesen Mädchen mit Ponyfrisuren, die Kassetten und Schallplatten lieber mögen als ihren i-Pod. Ich hänge mir keine Polaroids mit Gegenlichtaufnahmen an die Wand, ich trage keine Streifenpullis und fahre kein buntbemaltes Hollandrad. So bin ich nicht, aber du wolltest immer, dass ich so bin.„Sei nicht so erwachsen Krissi.“ hast du oft gesagt. „Kristina. Ich heiße Kristina.“ antwortete ich. Heute habe ich es dann wieder rausgekramt, das kindische Ding. Es lag in der Kiste mit all den Kassetten, die ich auch nicht mehr höre. Ich ziehe an einem der Stöpsel, weil er so weh tut und schon schwappt die Realität durch mein Ohr, Straßenlärm. Schnell stecke ich ihn doch wieder rein. Die Beats klopfen meine Erinnerungen wach. Ich will mich nicht erinnern, aber es geht nicht anders. In the end, there’s always regret. Gestern saßen wir wieder voreinander. Die Haut um deine Fingernägel herum war wieder so rau, wie immer im Winter. Du hast wie immer daran rumgezupft und ich habe dir wie immer auf die Hand geschlagen. Aber du hast nicht wie immer gelacht. Nichts war wie immer. Du hast auf den Fußboden gestarrt, als würdest du die Maschen des grauen langweiligen Teppichs zählen. Und dann bist du zur Stereoanlage gegangen, leicht gebückt, und hast die Musik lauter gedreht, damit wir die Stille nicht mehr hören. Sie wurde noch lauter. Dann begann ich die Maschen des grauen langweiligen Teppichs zu zählen. Und dachte daran, wie es war, zum ersten Mal barfuß hierüber zu laufen. Am Tag nach unserem Einzug. Als die Wände noch strahlend weiß waren und die Luft noch so neu und unverbraucht. Es waren nur ein paar weiße Wände, ein paar dunkle Türen und ein paar große Fenster. Aber es war unser Abenteuer. An unsere Wohnungstür hast du groß Wir geschrieben. Nicht deinen Namen, nicht meinen Name. Wir. Und jeder wusste, dass es unsere Wohnung war. Wir hörten Kettcar-Songs, obwohl ich Kettcar gar nicht mochte, weil sie zu pathetisch sind, oder zu treffend. Aber wir waren glücklich, obwohl ich nicht ans Glücklichsein glaubte. Hier die Summe unseres Alltags in zwei gepackten Koffern. Diese 2 Zimmer Altbau. Dieses kleine Idyll. So lange hatten wir gewartet. Hatten mit brennenden Augen vor unseren Monitoren gesessen und versucht mit Wörtern aus Pixeln die Distanz zu vernichten. Und oft genug brannten sie so, dass sie tränten. Oder weinten. Manchmal erkannte ich den Unterschied selbst nicht mehr. Dreihundert Kilometer waren zuviel für uns. Ich saß da, in Räumen die stumpfinnig machten und schmierte deinen Namen auf Rechenkästchenpapier, während der Lehrer vorne von Dingen redete, die man bekanntlich eh nie wieder braucht. Es reichte nicht. Es reichte nicht am Wochenende in den Zug zu steigen und irgendwann jeden verzerrten Baum am Rande der Schienen zu kennen. Freitag, Samstag und Sonntag reichten nicht. Aber wir dachten, die Zukunft würde reichen. Sie wäre groß genug für uns beide und für unsere Träume. Wir irrten uns. Wir verirrten uns.
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