Wir sind die Geduldeten: Fünf Flüchtlinge über den Alltag des Wartens
Text: meredith-haaf
Am Donnerstag treffen sich die Innenminister der Länder in Nürnberg. Dort wollen sie ein automatisches Bleiberecht für Flüchtlinge, die länger als sechs bis acht Jahre mit Duldungsstatus in Deutschland leben, beschließen. Dabei geht es vor allem darum, die Praxis der Kettenduldungen abzuschaffen. Das bedeutet, dass Flüchtlinge jahrelang mit einem unsicheren Aufenthaltsstatus leben und jederzeit abgeschoben werden können. Doch wegen zahlreicher Ausnahmen profitiert vermutlich nicht einmal die Hälfte der etwa 190.000 Betroffenen von dem Gesetz.
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In der Organisation Jugendliche ohne Grenzen haben sich junge Flüchtlinge zusammengetan, um für ein Bleiberecht zu kämpfen. Hier erzählen sie von ihrem alltag.
Howik Barsegyan, 18, lebt und boxt in München
„Was wollt ihr hier? Ihr werdet doch eh abgeschoben!“ Ich weiß nicht, wie oft ich mir das auf dem Kreisverwaltungsreferat anhören musste. Seit sieben Jahren lebe ich in München und ich liebe diese Stadt. Aber wenn es nach den Behörden ginge, wäre ich längst wieder auf dem Heimweg nach Armenien – einem Ort, wo es meiner Familie und mir nie gut ging.
Mein Vater ist Armenier, meine Mutter stammt aus Aserbaidschan. Beide Länder bekriegten sich Anfang der 90er Jahre. Unsere Familie wurde deswegen ständig angefeindet, in der Schule machten uns die Mitschüler wegen unserer aserbaidschanischen Mutter fertig.
Eines Tages kamen Männer zu meinem Vater. Sie drohten ihm, seine Kinder wegzunehmen, wenn er das Land nicht verließe. Von einem Tag auf den nächsten mussten wir verschwinden. Zwei Wochen lang reisten wir illegal über die Türkei und Italien bis nach Deutschland.
Sobald wir in München einen Platz im Asylbewerberheim hatten, bin ich zum Boxen gegangen. Seitdem bin ich beim TSV 1860 und mittlerweile Amateurtitelverteidiger meiner Gewichtsklasse. Allerdings nur hier in Bayern – an den bundesweiten Wettbewerben darf ich wegen meiner Nationalität nicht teilnehmen. Vor ein paar Wochen war wieder Deutsche Meisterschaft. An meiner Stelle ist der bayerische Vizemeister angetreten, also der Boxer, den ich besiegt hatte. Das tut vielleicht weh, wenn du weißt: Im Ring steht einer, den du schlagen kannst. Und du darfst nur dabei sitzen.
Mein Verein ist wegen des Boxens wichtig für mich und weil er sich schon oft für meine Familie und mich eingesetzt hat. Als wir Anfang des Jahres abgeschoben werden sollten, hat mein Trainer alle Kräfte in Bewegung gesetzt.Am Schluss hat uns sogar der Bayerische Innenminister Günther Beckstein unterstützt.
Meine Eltern arbeiten beide Vollzeit als Reinigungskräfte. Trotzdem müssen wir weiter im Heim leben, zu fünft in zwei Zimmern. Weil unsere Duldungen immer auf zwei Monate befristet waren, konnten wir keine Wohnung mieten. Ich mache gerade ein berufsvorbereitendes Jahr. Letztes Jahr habe ich den Hauptschulabschluss gemacht, ich war übrigens auch Schülersprecher, Streitschlichter, alles! Aber einen Ausbildungsplatz bekomme ich nicht, so lange ich keine Aufenthaltserlaubnis habe. Immerhin haben wir jetzt einen Bescheid vom Bundesamt, dass meine Eltern und meine Schwester einen Aufenthalt bekommen. Wenn das klappt, hoffen mein Bruder und ich auf einen Staatenlosenpass. Und in einem Jahr bin ich lange genug hier, um die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen. Die möchte ich unbedingt: damit ich deutscher Meister werden kann – und weil dieses Land meine Heimat ist.