16.10.2006 - 19:00 Uhr

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Der Kaftan meines Vaters und ich

Text: lena-gorelik

Lena Gorelik, 25, kam mit elf Jahren als jüdischer Kontingentflüchtling aus Russland nach Deutschland. 2005 erschien ihr autobiographisch gefärbter Debütroman „Meine weißen Nächte“.

Mein Vater trägt einen schwarzen Kaftan. Statt eines Gürtels baumeln an seiner Hüfte komische weiße Fäden herunter. Er hat einen langen Bart und auf dem Kopf ein schwarzes Käppchen. Natürlich beten wir viel, halten den Sabbat ein und essen nie Schwein. Ich will ’mal nach Israel auswandern, um möglichst viele Araber zu töten. Denn ich bin jüdisch.

Genau so ist es nicht. Es ist ein schönes Klischee, vielleicht eins für einen Film, aber nicht meins. Mein Vater trägt tatsächlich Bart, einen Drei-Tage-Bart allerdings, weil er aussehen möchte wie Robert de Niro. Und ich? Naja, ich bin einfach ich. Jüdisch, per Zufall, weil so geboren, so wie ich als Frau geboren wurde. Ich kann nichts dafür.
Wann immer ich es sage, meistens in einem Nebensatz, weil es einfach nicht wichtig ist, wann immer das Wort jüdisch fällt, spüre ich diese Blicke. Diese vorsichtigen Blicke. Was suchen die, einen antipalästinensischen Button? Den Davidstern an einer Kette? Ich bin nicht anders und will keine Sonderbehandlung. Ich will nicht, dass meine Freunde aufhören, über Michel Friedman zu lästern, wenn ich ins Zimmer komme. Ich will mich nicht für Israels Politik verantworten müssen. Meistens will ich nur meine Ruhe.
Ich bin mit meiner Familie als Kontingentflüchtling nach Deutschland eingewandert, als ich elf Jahre alt war. Der Begriff Kontingentflüchtling ist eine Geburt der deutschen Beamtensprache und ein Resultat der deutschen Geschichte: Weil die Bundesrepublik im Rahmen der Wiedervereinigung beschlossen hat, großzügigerweise Juden aufzunehmen, die aus der ehemaligen Sowjetunion fliehen wollten, aber nicht wusste, in welches Gesetz sie diese political correct pressen wollte, ohne Israel oder den Zentralrat der Juden in Deutschland zu verärgern, wurde dieses Wortungetüm hervorgezaubert.

Ich bin also eine der etwa 200 000 Kontingentflüchtlinge. Ich bin in Russland aufgewachsen und dort war Judentum keine Religion, sondern eine Volkszugehörigkeit, die im Pass festgehalten wurde, dort, wo bei allen „Normalen“ russisch stand. Jude war ein Schimpfwort. Das machte mir nichts, ich benutzte es auch gern. Bis ich sieben war und meine Eltern mich hörten. Sie schimpften mit mir und erwähnten, dass wir auch jüdisch seien, so als bedeute es nichts und ganz viel. Sie sagten, ich solle es meinen Freunden nicht erzählen. Ich hatte auch keine Lust dazu.

Mein Judentum war meine Rebellion

Dann kam ich nach Deutschland. Dass jüdisch in Deutschland zu sein, schwierig ist, ist kein Geheimnis. Nicht ob des (vermeintlich hohen) Antisemitismus, sondern weil es exotisch ist. Exotisch zu sein, kann anstrengend sein. Jüdisch und Russisch zu sein – das Opfer aus dem Zweiten und der Feind aus dem Kalten Krieg in einem – ist wie doppelt bestraft zu sein. Oder doppelt gesegnet.
In Deutschland erst, im Religionsunterricht, den ich einen Nachmittag die Woche in der Jüdischen Gemeinde besuchte, lernte ich, dass Judentum eine Religion ist. Ich lernte die Traditionen, an die sich meine Großmutter kaum erinnerte, und die Gebete. Ich ging regelmäßig in die jüdische Gemeinde, in der die so genannten „deutschen“ Juden verwundert die so genannten „Russen“ anstarrten, also uns, die wir fast nichts über das Judentum wussten und kein Hebräisch verstanden. So einer rümpfte die Nase. Die Russen gaben ein Nasenrümpfen über die Arroganz der alteingesessenen Gemeindemitglieder zurück.
Wir Kinder lernten schnell Deutsch und trugen bald die richtigen Klamotten, lernten, was ein Game Boy ist und ein Stickeralbum. Bald ging ich in die Jüdische Gemeinde, weil dort meine Freunde waren, die Religion kam, wie im Doppelpack, selbstverständlich hinzu. Dass meine Eltern von ihren Schwierigkeiten sprachen, sich zu integrieren, davon, dass sie sich unwillkommen fühlten, nervte mich und kam mir überzogen vor; erst mit dem Abstand vieler Jahre kam der Stolz, dass sie es dennoch geschafft haben.
In der Pubertät kam mir das Judentum gerade recht. Die Pubertät ist schwierig, die Akne, die Bravo, die Sinnlosigkeit der Welt um einen herum… Ich wollte provozieren, ob des Provozierens willen, nicht, weil ich etwas zu sagen hatte – eigentlich wie alle anderen. Mein Judentum war meine Rebellion. Ich warf meinen Mitschülern vor, ihre Vorfahren hätten meine Großeltern umgebracht. An den jüdischen Feiertagen ging ich in die Synagoge, ich zwang meine Familie, milchig und fleischig zu trennen, weniger, weil ich Gott entdeckt hatte, sondern weil ich mich unterscheiden wollte. Auffallen in der oberflächlichen Menschenmasse. Meine Religiösität hielt an, bis meine Sinnsuche von einem ausgeprägten Interesse an Jungs abgelöst wurde.

Seit ich ein Buch geschrieben habe, in dem es um eine junge Frau geht, die mit elf Jahren als Kontingentflüchtling nach Deutschland kommt und sich als Erwachsene auf die Suche nach ihrer Identität macht (nein, nicht nur autobiographisch, auch wenn die groben Daten mit den meinen übereinstimmen), wollen alle wissen, wer ich bin. Deutsch oder Russisch oder Jüdisch. Manche (Journalisten) wollen Prozentzahlen hören, als sei ich ein Tortendiagramm, in einer Excel-Tabelle erstellbar. „Würden Sie sagen, es ist ein Drittel-Verhältnis? Wie groß ist der jüdische Anteil?“
Manchmal muss ich bei jüdischen Kulturwochen lesen, die es mittlerweile in jeder deutschen Stadt gibt. Dann sitzen im Publikum Leute, die wollen nur eine Jüdin sehen. Bei einer solchen Lesung fragte eine Frau, sobald der Applaus verstummt war, ob ich vorhabe, meinen Sohn beschneiden zu lassen. Ein anderer sagte, es sei doch schön, dass Jesus uns alle hier zusammen gebracht hat.
Eine Zeitlang lebte ich in einer Frauen-WG. Dienstags tranken wir Wein und guckten Sex and the City. Wir redeten über Männer und teilten uns ein Glamour-Abo. Wir lachten viel. Eine kam aus New York, sie hieß Alice und war etwas dick. Ich machte Witze über Fast Food und Bush und Alice sagte, wenn ich nach Hause kam, meine jüdische Mutter habe oft angerufen, ich sei ein typisches jüdisches Kind. Die deutschen Mitbewohnerinnen entschuldigten sich bei mir ob dieses Antisemitismus. Dabei hatte ich endlich jemand gefunden, der normal mit dem Thema umging. Jüdische Mütter sind nun mal witzig.

Nun wird das Jüdische Zentrum in München fertig gestellt. Das ist eine schöne Sache, für die Stadt, nicht so sehr für mich persönlich. Dennoch werde ich nach meiner Meinung gefragt, so wie ich immer auf den Nahostkonflikt angesprochen werde und die armen Palästinenser. „Aber du bist doch jüdisch!“, sagen die Leute. Jüdisch schon, aber weder der Zentralrat der Juden noch der Mossad. Jüdisch sein, heißt für mich, eine jüdische Mutter zu haben, die mir Essen per Post schickt (und mich für diesen Satz enterben wird). Jüdisch sein, heißt, dass ich jüdische Literatur liebe, Klezmer-Musik und jüdischen Humor, aber das tun auch viele Deutsche. Jüdisch sein, heißt, naja, viel und gar nichts, es ist ein Gefühl, ein gutes und nerviges zugleich. Ich werde demnächst nach Israel fahren, und ich werde meinem Vater einen schwarzen Kaftan mitbringen, das ist jüdischer Humor und das Jüdische an mir.


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repetition
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Mag ich Mag ich nicht

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16.10.2006 - 21:50 Uhr
repetition

bin auch mit 11 aus der ehemaligen udssr als kontingentflüchtling her gekommen.
Finde mich in deinem Text oft wieder.
Werden mir wohl das Buch besorgen :)

nixbewiesenausserich
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Mag ich Mag ich nicht

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16.10.2006 - 22:01 Uhr
nixbewiesenausserich

pff.

manchmal denk ich mir schon auch :

'zefix - niemand interessiert sich fuer mich, ist das etwa nur weil ich katholisch bin, aeh, sein sollte, dafuer gehalten werde ?'

religion ist hier, heutzutage sowas von unsinnig geworden, dass ich fast schon glaube, gott fuehrte regie bei black dahlia und ist die einzige instanz die es fertigbraechte diesen daemlichen jingle ein fuer alle mal ueber den jordan zu jagen ...

*

Gauss
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Mag ich Mag ich nicht

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16.10.2006 - 22:07 Uhr
Gauss

Hi!

Erst mal vielen Dank für den interessanten Text, Lena!
Was mich noch interessieren würde: Bist jetzt eigentlich religiös, also gläubige Jüdin oder ist es bei diesem Unterscheiden-Wollen geblieben? Und: Ist Jüdin-Sein nur eine Frage der Religion oder doch auch der Volkszugehörigkeit?
Den Kommentar von nixbewiesen.. kapier ich nicht.

kao2tixx
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Mag ich Mag ich nicht

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17.10.2006 - 11:04 Uhr
kao2tixx

Na ja Lena,dann erstmal willkommen!
Ich hatte wenig mit Judentum zu tun,hatte ein bewegtes Leben und studierte bei jüdischen Lehrern.Es war schwer für mich zu verstehen und auszuhalten,dass mein geliebter Grossvater in seiem Werk "Fremdarbeiter " beschäftigte."Diese Pollaken".Ich begriff später dass das KZ-Häftlinge waren.
Jetzt mit 60 erfahre ich plötzlich dass meine Grossmutter j(seine Frau)üdisch war.Hab mich schon oft über ihre jiddischen Redewendungen gewundert!
Da bin ich ein bisschen verrückt geworden.Die Ärzte nannten es Psychose.
Herzliche Grüsse Uli

ju66
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Mag ich Mag ich nicht

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17.10.2006 - 22:56 Uhr
ju66

Eigenartig, ich vermisse ein wenig, wovon im Tanach die Rede ist... Erwählung und Befreiung, Verantwortung und Solidarität... Aber gut, vielleicht muss das jede(r) für sich entdecken.

lena-gorelik
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19.10.2006 - 09:49 Uhr
lena-gorelik

nur um die fragen zu beantworten: nein, religiös bin ich nicht, und jüdisch sein ist ein gefühl (für mich)

rolfdieter
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Mag ich Mag ich nicht

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26.10.2006 - 23:21 Uhr
rolfdieter

na dann lebt mal schön alle, die Autorin eingeschlossen, eure Pubertät aus. Die Fakten werden woanders geschaffen.
Die Deutschen machen schuldkultivierend, wie sie es nun mal gerne spielen, aus Israel eine Staatsdoktrin und die Israelis, aus der Devotion der Schuldbeladenen seine Kraft saugend, killt weiterhin mit Phoshor, raubt Land und ist die einzig legitimierte Neo Nazi Organisation. Du und der Kaftan deines Vaters. Wahnsinnig rührend, lieb und traurig, aber du wirst zerrieben zwischen denen, die sichs richten, den Machern shalom
Rolf Dieter Lehner Kitzbühel

nisso
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Mag ich Mag ich nicht

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30.10.2006 - 13:11 Uhr
nisso

Na klar, das Land ausrauben! Wer hat denn Brunnen gelegt, die Wüste bewaldet, vorbildliche Landwirtschaft und Infrastruktur aufgebaut? Wer noch nie in Israel war, soll nicht groß Maul aufreißen. Das Land, so wie es jetzt ist, ist sehr liebenswert.
Und ein Staat Palästina und der Frieden werden auch kommen.
PS: für alle Antisemiten hier: Ich bin keine Judin.
Elisabeth

Chajm
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Mag ich Mag ich nicht

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30.10.2006 - 15:02 Uhr
Chajm

@rolfdieter: Selten soetwas widerliches gelesen. Vor allem sollten Sie den Artikel von lena-gorelik auch mal lesen: Juden sind nicht gleich Israelis...
Weiter: Israel ist das einzige demokratische Land in der Region und der Einsatz von Phosphor wird dort heftigst diskutiert. Es ist keinesfalls so, dass der Einsatz von Waffen dort an der Tagesordnun ist, wie sie implizieren. In den letzten Jahren hat Israel viele der ehemaligen besetzten Gebiete zurückgegeben bzw. hat sie geräumt. Das Ergebnis war noch mehr Terror und noch mehr Tote. Sie sollten die islamofaschistischen Hisbollah-Krieger verurteilen und nicht diejenigen, die da um ihr Leben kämpfen.

austria
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Mag ich Mag ich nicht

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18.12.2006 - 12:47 Uhr
austria

Antwort
nisso:
toll faschistoid, das argument, wer brunnen baut und infrastruktur schafft , ist legitimiert zu erobern und zu unterwerfen?

chaim, ja glaubst du vielleicht ich weiß nicht wovon ich rede?
gott sei´s gedankt, das Israel nicht gleich Judenheit ist. wer da nicht differenzieren könnte, der weiss nicht, wovon die rede ist.
inzwischen hat Olmert ja auch bezeichnenderweise "eine mediale atombombe platzen lassen. Was heißt denn da "islamofaschistische Krieger" wer hat denn die gezüchtet?? Vielleicht ogar bewußt, um Konflikte latent zu halten???? who knows...Warum wurde wohl Rabin ermordet, warum regieren die hardliner? bitte nachdenken und zusammenhänge analysieren.
Israel wird al la longue an dem konflikt vor allem moralisch zerbrechen.
man denke, mit welchem moralischen anspruch einmal dieser staat
gegründet wurde schon mal was gehört von weizmann, golda meir oder ben Gurion? Und was ist daraus geworden???
Ein beinharter Machtapparat, kompromisslos und ohne langfristiges
politisches konzept. sich nur auf bomben und schutzmächte verlassen
ist kurzfristig und kurzsichtig.
israel muß einsehen, dass es den konflikt politisch lösen muss.
das hat rabin versucht
man hat ihn gekillt, damit hat man das liberale und bessere Israel
ermordet, vorläufig jedenfall.
mfG Rolf Dieter

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