4 4 Kommentare | 6 6 Lesenswertpunkte | Rose |

Leben

| 12.07.2010 22:30  

Disappointed in the sun. Popmusik hat mein Leben ruiniert. Reload. Rewind. Fast Forward. Where I want to be is in a bar under the sea.

Text: rose
Wir saßen am Frühstückstisch. Es war sehr heiß. Mein Vater lobte das Rührei, es sei wunderbar würzig. Schmolietta Schmakomska tänzelte auf der Tischkante und bettelte um etwas Hähnchen in Aspik, da passierte es. Mein Freund fand mein erstes graues Haar.

Gestern lag ich am Boden. Auf den Fliesen. Es war mir einfach zu warm. Erst hatte ich versucht, eine kleine Matratze in den Garten zu tragen, aber draußen war es auch zu warm. Warm, wämer, am wärmsten. Die Woche davor hatte ich noch selber den Wetterbericht für dieses denkwürdige Superhoch verfasst. Die Woche davor, im 13. Stock, da beim Axel Springer Verlag. Ich hatte es mir gutgehen lassen, da so im Sumpf meines medialen Nuttendaseins. Gestern also lag ich dann da und ich wollte rumheulen. So wie mit fünf, wenn einfach was nicht klappen wollte. Es war mir zu warm. Ich bekam keinen Durchzug hin. Und das versprochene Wetter, ein Gewitter, kam nicht. Es kam nicht über den einen Berg und nicht über den anderen und auch nicht über den Fluß. Es lies mich, uns, die ganze Stadt, sitzen.

Heute entdeckte ich einen alten Song. Das Internet ist ja eine wahre Fundgrube. Haters, Lovers, Urband Legends, arbeitslose FAZ Schreiberlinge – alle und alles sind eigentlich da drin. Der Alte Song, von deus, einer Belgischen Frittenpopgruppe kam mir wieder in den Sinn weil einer der mir befreundeten Herren aus dem Direktorium es auf einer bei manchen sehr verhateten Internetplattform raderdoll verlinkte. Nun ich also direkt mal im Erinnerungswahn. Reminiszenzen. Während dessen der erste Regen. Es ist ja kurz so, als habe es nie geregnet. Wir Spinner. Vor acht Wochen plädierten wir hier in der Zeitfalte, jenseits vom Fluss, noch für die Freilassung Kachelmanns, damit die Sonne endlich mal rumpowern kann. Nun sind wir alle erlahmte Duracellhasen und äsen verschwitzt am Boden herum, liegen gestapelt in Freibädern, rutschen in Flip Flops über U-Bahnschächte, schwitzen im Schritt und reden nicht darüber.

Where I want to be is in a bar under the sea. Seltsam, als ich so fünfzehn oder sechzehn war simulierte ich mir in den vier Wänden meines Kinderzimmers eine ordentliche Drogensucht, schwelgte in selbst gewählter Einsamkeit und entdeckte die von so vielen verhasste Liebe zu eingeschobenen Sätzen in Englischer Sprache. Under the sea, is where I'll be, no talking 'bout the rain no more, I wonder what thunder will mean, when only in my dream the lightning comes before the roar. Mir fällt in den letzten Tagen immer schwallweise eine Menge ein. Als ich heute wieder einmal auf den Fliesen herum lag, schnupperten Schmakomska und Rambo ausgiebig an meinen Armen. Ich erinnerte mich eine eine Dokunummer aus dem Privatfernsehen, wo Hunde gezeigt wurden, die gerne an Menschen herumriechen, immer da, immer an einer Stelle. Weil da sich Tumore breit machen.

Hitze ist nicht gut. Viel Phantasie auch nicht. Ja, schon in meiner Jugend hatte ich mir meinen Absturz bildlich mehrmals in allen Farben der Apokalypse simuliert. Ich wollte einsam sein, ich wollte elendlich in einer kruden aber geilen Umgebung den Künstlertod auf Raten. Scheiß Pubertät. Scheiß Popmusik. Final ist die Erinnerung an die prägende Zeile eines Oasissongs. Es muss so um 1995 gewesen sein. „I know a girl called Elsa, she's into Alka Seltzer“, war der Popsong unserer Herzen. Wir hatten einen heißen Sommer. Wir, das waren meine Brieffreundin und ich. Wir nannten uns abwechselnd Balzac und Prozac und schrieben sexy Studenten irgendwelche verrückten kleine Zettel um sie dann im Wannabe-Sponti-Kneipen im Schatten des Marburger Schlosses zu treffen. Ja, wir. Wir zwei. Es war hot hot hot und wir mochten dieses Leid Lied und eines Tages zerhackten wir heroisch etwas Alka Seltzer und zogen es mit bunten Strohhalmen in unsere Nasen. Man waren wir bescheuert. Man tat das weh. Man war das eigentlich alles harmlos.

Die Simulation des Kontrollverlustes ist fürchterlich sexy, der echte, wahrhaftige sich selbst als kontrollierter Kontrollverlust eingeredete, ist eine kleine Hure, sie ist der größte Rummelplatz der Welt, ein fliegender Zirkus. Die Trainspottingmomente kommen auf den Zeitstrahl erst viel später. Viel, viel später. Aus Dinosauriersicht gesehen aber nur eine Sekunde vor den ersten grauen Haare vielleicht.

Egal, die Hitze mach mich madig und das Privatfernsehen verschenkt gerade tollste Gratissätze. Sagt das Aushilfsmodel zum Witzeerzähler: „Ist der Koffer Dir?“, gänzlich falsches Deutsch, aber dennoch schön. So sagt man es halt hier und dort. Ist doch eine schöne Sache. Der Regen war nur ein paar Sekunden lang und nun ist es hier wie in der Sauna. Ach, ist das ein Kreuz. Egal, wie es das Wetter macht, es macht es verkehrt. Weltmeister ist auch keiner geworden und nun hockt man da. Erste graue Haare, komische Reminiszenzen und seltsame Sätze aus dem Privatfernsehen. Potzblitz, einer weiterer sinnfreier Text den die Welt nicht braucht.

Ich danke der Academy und der halluzinierenden Gruppe derer, die wo da denken, ich finanzieren mein feudales Landleben in der Zeitfalte mit EU-Bezügen. Das ist das Beste was ich seit langem gehört habe. Applaus. Tusch und nun kommen die Zwerge auf den Ponies. Popmusik hat mein Leben ruiniert. Manchmal wache ich Nachts auf und erinnere mich an die schlimmsten Momente in der Disko. Und Manchmal wache ich auf und erinnere mich an die schönsten Momente. Die Nacht hat ein dunkles Herz und ich habe es mit nach Hause genommen. Ich glaube, es war schon immer da, seit meiner Jugend. Es war versteckt zwischen Popsongs und Briefen im Kinderzimmer. Die Hitze drückt auf das Stammhirn. Man schwitzt an Stellen, von denen man nicht wußte, dass es sie gibt. Sinn macht das alls nicht. Aber egal.



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Kommentare
air_kaviar 12.07.2010 | 22:02
Deine Sinnfrei-Texte sind mir die Liebsten! ;-)

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miss_moneypenny 12.07.2010 | 23:09
Ups, sorry, das da oben war ich! ;-)

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Das_Direktorium 12.07.2010 | 23:29
Cirsumstantial situations
now i know what people meant
beware of the implications
God i've had enough of them




and that's why we're thinking
and that's why we're drinking
in a bar under the sea …

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rose 13.07.2010 | 06:59
@miss_moneypenny, ähm öhm, was warst du? die eu nummer sache? nee, das war doch so ein spakken kobold mit einem fancy deckmantelzweitaccount. einer von den ganz mutigen leuten hier.....du hattest nur drauf geantwortet und dann ist der kommentar "verschwunden". also, der originalkommentar. moment, wie ging der noch? irgendwie so: ist eine frechheit, du olle, lebst fett von eu bezügen und schreibst aber so sachen wie herbst 2.0 - da passt ja mal gar nicht zusammen. das war der harmlose teil des kommentars. ich find das im rückblick immer noch sehr, sehr lustig.

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