17.05.2012 - 23:17 Uhr

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Sonntag mittags rettet man keine Welten

Text: mia_mia

Der dritte Kaffee schmeckt schal und die Zigaretten krebserregend, es ist Sonntag.

Die Chansons berühren nicht mehr, es ist kalt. Ich schaue flüchtig nach links auf der Suche nach etwas Interessanterem als Rauhfasertapete - und da seh ich ihn.

Ein Mann, mitten auf meinem Balkon.

Wie der dahin kommt frage ich mich gar nicht, trotz Dachgeschoss und nackten Außenwänden – ich bin nur wütend über die Gelassenheit, mit der er durchs Fenster in mein Leben glotzt.

Er ist groß, hager, trotzdem untersetzt. Sein Mantel speckig, seine Hose an unartigen Stellen abgewetzt, sein in besseren Zeiten wohl weißes Hemd blitzt als sich wellender Stoffwullst an seinem Hals und seinen Handgelenken hervor.

Er schaut.

Seine Schuhe aus Leder, sein Gesicht auch. Er trägt einen Hut mit einer breiten Krempe. „Hipster“ denke ich und freue mich über meinen spontanen Zynismus. Seine Hände sind sauber. Er schaut durchs Glas hindurch. Halb elf zeigt sein gebeugter Körper an, ich bewundere seinen Sinn für diese sonntägliche Koinzidenz. Sein braungrauer Speckmantel steht offen, seine linke Hand sucht in den Manteltaschen während seine rechte an irgendwas rumpult.

Ich schaue lieber in meinen Kaffee.

Hoffentlich friert der da draußen,  hoffentlich fallen seine verfickten Finger ab und sein leidendes Gesicht auseinander. Überhaupt – leidend auf fremden Balkonen stehn, was denkt der sich.

Sein Haar wirr und lang. Seine Augen hellblau wie gebleicht von zu vielen unerträglichen Momenten, zu vielen Enttäuschungen. Sie durchsichten das Glas, den Stoff dahinter, der die Sonne nicht fernhält und mich- hinter dem Glas und den Vorhängen und der Balkontür. So um die 50, wer weiß das schon, vielleicht erst 20.

Hör auf, mir deine Scheißvisage ins Wohnzimmer zu kotzen! „Liegt der Höhepunkt deines Lebens noch vor dir?“ twittert Sybille Berg und ich will das ebenfalls: kotzen.

Das sollte der sich auch mal fragen, steht auf fremden Balkonen sonntags und starrt hinein mit seinem Mitleidsblick. Wer denn jetzt hier wen bemitleiden soll bleibt unklar. Ich puste den Rauch in seine Richtung, puste Kreise und Grinsekatzen und graue Regenbogen in sein grobporiges Gesich und schnipse meine Zigarette gegen das Glas. So brennen die schwarzen Flecken dann auch im Zimmer statt nur auf dem Lungenflügel - „Visualisierung“ raten Professorin und Therapeutin in meinem Kopf.

„Ist dein Leben mehr Wert als das anderer?“ twittert Sybille Berg und ich rufe gen Balkon: ein klares JA! Was willst du schreie ich ihn still an und mich dann ja zwangsweise auch, im Glas.

Sein Klopfen klingt zaghaft.

Ich öffne, er riecht gut, wir trinken Chablis.



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2 Kommentare

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durchtanztnaechte
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Mag ich Mag ich nicht

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21.05.2012 - 22:18 Uhr
durchtanztnaechte

*- allein fuer den ersten satz, so schmecken viele meiner sonntage .

mia_mia
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Mag ich Mag ich nicht

0

21.05.2012 - 22:56 Uhr
mia_mia

durchtanztnaechte sagte:
*- allein fuer den ersten satz, so schmecken viele meiner sonntage .


herzlichen dank :)


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mia_mia

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