Gestern vor zehn Jahren.
Die Luft riecht nach Frühling.Ich laufe über das Kopfsteinpflaster, vorbei an barocken Häusern und dem Modegeschäft für die reife Frau vom Dorf, das jetzt dort ist, wo früher ein Schlecker den Rest für besagte Dame verkaufte.
Vor dem Restaurant stehen Leute, aber nicht meine und ich hole noch mal tief Luft und öffne die Tür.
Zehn Jahre haben wir uns nicht gesehen. Klassentreffen, schönen guten Tag auch.
An der Garderobe laufe ich Marc und Stefan in die Arme. Stefan lacht sofort sein schallendes Lachen, dass wir früher immer gern mit "Ga ga ga" nachgemacht haben. Marc ist, wie früher schon, liebenswert steif. Wir umarmen uns und laufen in das Nebenzimmer.
Ich habe oft zu den wenigen Freunden, die ich noch aus Schulzeiten habe, gesagt, dass mir ein Klassentreffen nicht so wichtig sei. Dass man durch facebook eh immer alles von allen weiß – und dass dadurch der Reiz des Klassentreffens verloren gegangen ist.
Drinnen sehe ich Niklas und Maria. Beide waren mal meine besten Freunde. In der Schulzeit. Und irgendwann ist das verloren gegangen in unterschiedlichen Lebensentwürfen, Großstädten und auf Autobahnen.
Maria nimmt mich sofort herzlich in den Arm. Ich freue mich riesig, sie zu sehen. Niklas lacht mir zu. Es ist dieses wunderbar vertraute, wissende Lachen. Und auf einen Schlag ist es fast so, als wären diese zehn Jahre nie gewesen. Als wäre ich nie nach Köln, als wäre alles so leicht wie früher. Als würden immer noch alle Türen offen stehen.
Klassentreffensentimentalität.
Ich setze mich neben Marc. Er macht jetzt Thaiboxen, obwohl er wie ich früher immer am längsten auf der Bank saß, wenn die anderen ihre Mannschaften im Sportunterricht wählten.
Stefan hat Karriere gemacht, segelt viel und, ga ga ga, natürlich erinnere ich mich noch an die Geschichte, als Marc und Erik und ich bei ihm auf dem Balkon festsaßen, während er sich drin an ein Mädchen ranmachte.
Es kommen immer mehr dazu. Aus Mädchen wurden Frauen, und aus Frauen werdende Mütter. Wir trinken, lachen und jeder produziert sich als durchaus erfolgreichen Typen.
Und über mich sagen viele, dass sie mir ja schon immer was Kreatives zugetraut haben. Ah, danke. Doof nur, dass ich es mir erst viel später zugetraut habe.
Sebastian, der alte Chaot, will ein Tablett mit Sektgläsern hoch nehmen. Und natürlich fällt es ihm runter. Dann setzt er sein äußerst charmantes Lächeln auf, mit dem er früher schon missglückte Rollerfahrversuche, Fahrradunfälle und derbe Schulstreiche weggelächelt hat. Heute ist er Ingenieur in der Pharmabranche. Und, den Gag hat er wohl öfter gehört, fragen ihn manche, ob er noch nie das Labor in die Luft gejagt habe? Daraufhin lächelt er nur charmant.
Einige gehen, der harte Kern bleibt. Wie früher. Wir beschließen, noch in die Dorfdisse ein paar Orte weiter zu fahren. Niklas fährt. Und mit ihm durch die Nacht zu fahren ist wie früher, als wir in seinem Renault Clio durch die Nächte gefahren sind. Auf der Suche nach Clubs, gutem HipHop und schönen Mädchen – die wir dann eh nie angesprochen haben.
Nik lässt uns vor dem verschlammten Parkplatz aussteigen. Fürsorgend, das war er schon immer.
Es ist Schlagerabend. Oder anders gesagt: Die perfekte Musik für so einen Abend.
Und dennoch habe ich einen kleinen Kulturschock, als ich die mit Kunstfelsen verkleidete "Höhle" betrete. Die Dorfjugend. Die Dorfmusik. Und mittendrin wir 30-jährige, die vor 14 Jahren auch Teil der Dorfjugend waren.
Ich frage Niklas, ob er Lust auf einen Rundgang hat. Dabei lachen er, Maria und ich. Weil das früher immer unser Ritual war. Also vorbei am DJ, an der kleinen Tanzfläche und ein paar Stufen nach oben.
Wir schauen uns das alles an und lachen. Auch wenn unser Kontakt nicht mehr der Engste ist, in diesem Moment ist das einfach egal.
Nach hause kommen war dieses Jahr so viel mehr, als nur ein Besuch in der Heimat. Es war ein längst überfälliger Besuch in der eigenen Jugend.
- geisterstädte. 13.01.2012
- As Zeit goes by. 24.07.2010
- Kreuzungen. 30.03.2010
- Kühl. Kalt. Erkältung. 16.10.2009
- Völkerverständigung. 22.05.2009
ja..
aber so muss es doch auch sein..
sonst bräuchten wird das doch nicht..
man lässt sich darauf ein oder nicht..
das Gefühl kennt man doch vorher schon..
und es spielt wirklich keine Rolle ob da zehn oder zwanzig Jahre vergangen sind..
Schön mal wieder von dir zu lesen..
Bitte nicht erst in zehn Jahren wieder!
kommt einem bekannt vor die geschichte und weckt diese seltsame wiedervereinigungsmelancholie. oh nein sind wir alt?? :)
hatte etwas Ähnliches am 27.









0
26.12.2012 - 00:02 Uhr
sunnybunny84