28.03.2010 - 19:51 Uhr

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Meine Emanzipation als Mann

Text: Bangshou

Als ich meine Sachen packte um über Weihnachten zu Anne zu fahren stieg in mir langsam eine Wut hoch, die- wie so oft- in einem Selbstgespräch mündete, in einer flammenden Rede, die ich einem imaginären Gegenüber hielt.

Wie bei meinem letzten Besuch im November war ich auch jetzt völlig erschöpft und brauchte Ruhe. Sieben Monate ohne Urlaub, mein leidenschaftlicher und eigentlich ziemlich unüberlegter Ehrgeiz hatten mich als leere Hülle zurückgelassen, ohne Kraft oder Nerven. Wie im November hatte ich auch diesmal Anne am Telefon vorgewarnt, dass ich am Ende sei und nicht mal libidinös viel von mir zu erwarten sei. Wie im November sagte sie mit sehnsuchssüßer Stimme: „Das macht nichts, Hauptsache du bist da. Ich werde mich um dich kümmern.“

Wie gut ging es mir doch mit dieser Frau!

Allerdings fürchtete ich, dass, wieder wie bei meinem letzten Besuch, ihr neuer Mitbewohner Felix, bei dem sie kürzlich eingezogen war, freudestrahlend zu mir sagen würde: „Super, ein Mann mehr im Haus. Dann können wir morgen ja zusammen den Schuppen aufräumen, das Brennholz herschaffen, zusammen die Möbel streichen… und…und… und… Schade, dass Du Sonntag schon wieder fährst“. Im November hatte mich diese Erwartungshaltung völlig wehrlos angetroffen. Annes Bruder, der auch da war, erwiderte sofort: „Klar! Also ich helfe euch sehr gerne. Ehrensache!“ Er füge noch hinzu: „Ich würde gerne etwas länger schlafen. Weckt mich, wenn ihr euch klargemacht habt, wie ihr vorgehen wollt.“ Ich war, wie gesagt, völlig überfordert und wusste nicht, wie ich diesem moralischen Druck begegnen sollte.

Am nächsten Morgen stellte sich heraus, dass Annes Bruder sehr clever agiert hatte. Denn bei der genaueren Planung stellten Anne und Felix fest, dass ihr Vorhaben gar nicht ohne weiteres zu realisieren sei und beschlossen, alle Arbeiten bis auf weiteres zu vertagen. (Den Grund habe ich vergessen, handwerkliche Dinge haben mich noch nie interessiert.) Ich war nochmal davongekommen.

Nun stellte ich mir beim Packen vor, Felix würde mir auch diesmal mit dieser Erwartungshaltung begegnen und ich spürte, wie ein großer Ärger in mir aufstieg, der schließlich in einer Rede kumulierte, die ich ihm im Geiste hielt:

„Lieber Felix, ich glaube es ist jetzt an der Zeit, dass wir beide was klarstellen: Wenn ich Anne besuche, werde ich keinerlei handwerkliche Dinge verrichten, kein Holz hacken oder schwere Gegenstände schleppen! Das ist kein Problem und war früher, als du noch nicht da warst, erst recht kein Problem. Anne hat das immer akzeptiert, denn sie liebt mich nicht für meine Muskeln, mein handwerkliches Geschick oder die vielen Hilfsdienste, von denen so viele Männer glauben, sie müssten sie für ihre Frauen verrichten. Sie liebt mich dafür, dass ich ich bin. Sie liebt mich für meine Eigenschaften und für meine wirklichen Stärken, und das sind ganz andere. Vielleicht liebt sie mich auch für die Bedürfnisse, die nur ich stillen, die Freuden, die nur ich bereiten kann und kein anderer Mann den sie kennt.“

Ich sehe in Felix‘ verdutztes Gesicht und fahre fort:

„Natürlich helfe ich dir oder deiner Freundin gerne mal, wenn ich es kann. Aber erstens bin ich handwerklich eine Niete und auch nicht besonders kräftig. Und zweitens, was mir noch viel wichtiger ist, sehe ich es überhaupt nicht ein, mit welcher Selbstverständlichkeit diese handwerklichen Hilfsdienste von mir verlangt werden, nur weil ich ein Mann bin. Nur weil ich ein Mann bin soll ich Lasten schleppen oder das Gartentor reparieren? Kommt gar nicht in Frage! In den letzten fünfzig Jahren haben sich die Frauen von den Erwartungshaltungen emanzipiert, die die Gesellschaft an sie gerichtet hat, nur weil sie Frauen waren. Kein Mensch würde es heute wagen, von einem weiblichen Gast zu erwarten, sie solle den ganzen Tag in der Küche stehen und kochen nur weil sie eine Frau ist. Und das ist auch gut so! Aber wenn es wirklich Gleichberechtigung von Frauen und Männern gibt, dann müssen sich auch Männer emanzipieren dürfen.“

Ich halte einen Moment inne.

Dann postuliere ich feierlich:

„Hiermit emanzipiere ich mich als Mann!“

Felix kann schon lange nicht mehr folgen und wirkt von der Situation überfordert.

Ich fahre fort:

„Hiermit emanzipiere ich mich von allen Erwartungshaltungen, die mir von der Gesellschaft und jedem ihrer Mitglieder entgegengebracht werden nur weil ich ein Mann bin. Ich muss nicht eine Familie ernähren können, ich muss keinerlei handwerkliche Dinge im Haushalt verrichten, den Computer besser verstehen als meine Freundin und ich muss nicht mal jederzeit ‚können‘, wenn ich nicht will. Die Eigenschaften, Stärken und Tätigkeiten, die laut gesellschaftlicher Erwartung typisch weiblich oder typisch männlich sein sollen sowie alle weiteren Eigenschaften und Tätigkeiten sind mir nun wie die vielen Farben einer Farbpalette und ich werde mir aus allen diesen Farben die Kombination aussuchen, die mir gefällt und die zu mir als Individuum passt. Wenn ich diese Auswahl getroffen haben werde, werde ich schließlich mit meiner Partnerin aushandeln, wie wir zusammenpassen, wie wir uns ergänzen und wie wir zusammenleben können Als zwei Individuen, unabhängig von gesellschaftlichen Erwartungshaltungen.“

Als ich fertigpostuliert habe, ist der Koffer gepackt und ich bester Laune. Im Zug erzähle ich einer Freundin am Handy von meinen Ergüssen. Wir amüsieren uns königlich. Auch Anne hat ihren Spaß und wir unterhalten uns einen ganzen langen Abend über die Emanzipation von Frauen und Männern.

Felix hat mich übrigens nie mehr um Hilfsdienste gebeten. Vielleicht kann er ja Gedanken lesen.

(Diese Ideen habe ich später einem Kollegen und zwei Freunden erzählt. Alle drei hochintelligente Männer. Keiner von ihnen hat verstanden, worum es mir ging.)


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Charlotte94
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Mag ich Mag ich nicht

1

13.05.2011 - 23:07 Uhr
Charlotte94

Sehr cooler Text !!!
Die Erwartungshaltung gegenüber Männern "heutzutage" finde ich ein spannendes Thema, und ein ähnliches Erlebnis hatte ich auch gerade, nur mit der neuen Mitbewohnerin meiner Freundin.

Bangshou
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Mag ich Mag ich nicht

1

13.05.2011 - 23:17 Uhr
Bangshou

Charlotte94 sagte:
.


Freut mich sehr, dass es Dir gefällt.

Charlotte94
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Mag ich Mag ich nicht

1

13.05.2011 - 23:34 Uhr
Charlotte94

Au ja, sehr - ist eine Frage, die mich schon länger (10 Jahre ugf.) beschäftigt.

Solange man in einer Beziehung steckt, in der solche Dinge ausgehandelt sind, ist es ja noch relativ einfach (wie ich jetzt nach 9 Jahren Beziehung finde). Die große Sinnkrise war bei mir, als diese Beziehung nicht bestand, und ich aufgrund meiner vermeintlich weichen Charaktereigenschaften für Frauen immer nur der "gute Freund" sein durfte...
Aber besser als so :

"Die Eigenschaften, Stärken und Tätigkeiten, die laut gesellschaftlicher Erwartung typisch weiblich oder typisch männlich sein sollen sowie alle weiteren Eigenschaften und Tätigkeiten sind mir nun wie die vielen Farben einer Farbpalette und ich werde mir aus allen diesen Farben die Kombination aussuchen, die mir gefällt und die zu mir als Individuum passt."

kann man es einfach nicht ausdrücken !

Bangshou
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Mag ich Mag ich nicht

1

13.05.2011 - 23:58 Uhr
Bangshou

Charlotte94 sagte:
Au ja, sehr - ist eine Frage, die mich schon länger (10 Jahre ugf.) beschäftigt.

Solange man in einer Beziehung steckt, in der solche Dinge ausgehandelt sind, ist es ja noch relativ einfach (wie ich jetzt nach 9 Jahren Beziehung finde). Die große Sinnkrise war bei mir, als diese Beziehung nicht bestand, und ich aufgrund meiner vermeintlich weichen Charaktereigenschaften für Frauen immer nur der "gute Freund" sein durfte...
Aber besser als so :

"Die Eigenschaften, Stärken und Tätigkeiten, die laut gesellschaftlicher Erwartung typisch weiblich oder typisch männlich sein sollen sowie alle weiteren Eigenschaften und Tätigkeiten sind mir nun wie die vielen Farben einer Farbpalette und ich werde mir aus allen diesen Farben die Kombination aussuchen, die mir gefällt und die zu mir als Individuum passt."

kann man es einfach nicht ausdrücken !


Freut mich sehr, wenn es jemand versteht.
Wie im Test schon erwähnt haben mich viele meiner männlichen Freunde wie ein Auto angesehen, als ich ihnen diese Gedanken erläutern wollte. (eine der wenigen Ausnahmen war interessanterweise mein Vater) Es scheint nicht viele Männer zu geben, die sich vorstellen können oder wollen, dass auch sie sich von vorgegebenen Rollenbildern emanzipieren können. Frauen sind da viel weiter, die machen sich auch im Beruf nicht so sehr zum Sklaven fremder Erwartungshaltungen, wie mir scheint. Jedenfalls haben sie sehr viel häufiger meinen Text verstanden.

Bei Frauen gibt es eher das Problem, dass sie sich krampfhaft den Grad ihrer Emanzipation beweisen müssen, indem sie darauf bestehen, dass der Mann immer genau 50% des Haushalts macht. Auch wenn er nach einem halben Jahr ohne Urlaub auf dem Zahnfleisch dahergekrochen kommt, muss man ihn permanent mit dieser moralischen Grundsatz- und Vorwurfshaltung konfrontieren. Auch in meinem Fall wurde diese Gesinnung von der Mitbewohnerin vertreten, und diese Einstellung ist leider stark ansteckend unter Frauen... Glücklicherweise ist die Mitbewohnerin jetzt ausgezogen.

MorbusBahlsen
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Mag ich Mag ich nicht

0

28.06.2011 - 01:19 Uhr
MorbusBahlsen

Na da ist die Emanzipation ja weit gekommen! Axt-Bärli klopft sich auf die Brust und koploportiert: "Ich hab nen mehr als 50-50 Job, mach du mal mehr als 20-80 zuhaus!"

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Mag ich Mag ich nicht

0

28.06.2011 - 01:20 Uhr
MorbusBahlsen

[...] kolportiert. [...]

canisle
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Mag ich Mag ich nicht

1

09.04.2012 - 20:10 Uhr
canisle

Ja super! Bei nächster Gelegenheit werde ich in ähnlicher Weise postulieren. Da freue ich mich schon drauf. Danke für den Input!

Bangshou
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Mag ich Mag ich nicht

0

09.04.2012 - 20:13 Uhr
Bangshou

canisle sagte:
Ja super! Bei nächster Gelegenheit werde ich in ähnlicher Weise postulieren. Da freue ich mich schon drauf. Danke für den Input!


Danke, gern geschehen!

Muss jetzt lustigerweise wieder packen, hab aber wohl diesmal leider nichts zum Postulieren... :-)

jazzbertie
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Mag ich Mag ich nicht

1

15.11.2012 - 16:31 Uhr
jazzbertie

sehr schön!

Bangshou
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Mag ich Mag ich nicht

0

15.11.2012 - 19:36 Uhr
Bangshou

jazzbertie sagte:
sehr schön!


Danke!
Du siehst, ich glaube an die Utopie, die ich Dir damals ausgemalt hatte...

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