Weihnachtskitsch und Weihnachtsstrick
Text: juliane-frisse  Foto: Screenshot (myuglychristmassweater.com) | 20 20 Kommentare | Ding_der_Woche | Leben | 31.10.2014 10:51  


Kurz vor Heilig Abend wird ein Kleidungsstück zum Objekt der Begierde, vor dem einem schon als Kind gegraust hat und das den Rest des Jahres im hintersten Eck des Kleiderschranks verschwindet: der Strickpullover mit Rentier-, Schneeflocken oder anderem saisonalen Motiv. Eine Annäherung.

Die Vorweihnachtszeit ist ja leider in erster Linie eine ästhetische Beleidigung: Überall wird mit bunten Kugeln, blinkenden Lichterketten, Tannen- und Mistelzweigen das Dekorationsmaximum überschritten. Als wäre das nicht genug an Überreizung, kommen dazu noch Christkindlmärkte, auf denen Menschen mit roten Nasen und Nikolausmützen auf dem Kopf fragwürdige Saisonartikel erstehen und zuckrigen Glühwein trinken. Insofern ist es nur konsequent, dass die Hochsaison der Hässlichkeit auch bei der Oberbekleidung Einzug gehalten hat: Der kitschige Weihnachtspulli erfreut sich zunehmender Beliebtheit.



Achtung: Hässliche Weihnachtspulli-Parade!

Der Weihnachtsstrick ist der trashige kleine Bruder des respektabel-rustikalen Norweger-Pullovers mit seinen Rentier- und Schneeflockenmustern. Auch Weihnachtspullis setzen auf diese saisonalen Motive, fahren jedoch die ganze Winter-Palette auf: Von Weihnachtsmännern und –bäumen über Eisbären bis hin zu Skifahrern ist alles dabei. Je kindlicher und quatschiger, desto Weihnachtspulli. Die exzentrischsten Modelle sind gerne auch noch mit Glitzer oder Pailletten verziert. Die besseren Weihnachtspullover sind wenigstens aus Wolle und kratzen ein bisschen bis ein bisschen zu sehr. Die schlechten Exemplare bestehen aus Acryl und Polydingsda und man schwitzt in ihnen vermutlich so fürchterlich, als wäre man in eine Plastikfolie eingewickelt.

Doch auf Tragekomfort kommt es bei einem echten Weihnachtspulli auch gar nicht an. Er ist einzig und allein dafür da, seinen Träger ausgesprochen bescheuert aussehen zu lassen. Für die weiblichen Fans gibt es zum Beispiel bauchfreie Modelle oder welche mit Weihnachtsmütze tragender Katze. Auch für die Herren gibt es einige Scheußlichkeiten. Auffällig ist aber vor allem, dass die Online-Shops die Männer in diesem Segment ausnahmsweise mal mit einer extragroßen Auswahl versorgen: Topman hat 30 verschiedene Modelle im Angebot. Bei Asos kann der Liebhaber kitschigen Weihnachtsstricks aktuell sogar zwischen 94 Exemplaren wählen. Solche Shops haben aber meist verhältnismäßig harmlose Varianten des Weihnachtspullis im Angebot. Das El Dorado des Weihnachtskitsch sind amerikanische Online-Shops, die sich auf diese Saisonware spezialisiert haben.

In Nordamerika wird der Ugly Christmas Sweater nämlich schon seit einigen Jahren heiß geliebt. Angefangen haben soll es 2001 in Vancouver. Dort wurden die ersten "Ugly Sweater Parties" gefeiert, zu denen sich jeder den hässlichstmöglichen aufzutreibenden Weihnachtspullover überzustreifen hatte. Spätestens seitdem das Partyformat 2008 mit einem Eintrag in dem bekannten Blog „Stuff White People Like" geadelt wurde, gehört es in Nordamerika zur Weihnachtszeit wie hierzulande der Abstecher auf den Christkindlmarkt.

Sollte auch dieser Trend irgendwann den Weg über den Atlantik finden, dann gibt es sogar schon eine wahrscheinlich kaum noch zu übertreffende Selbermacher-Idee für alle Tablet-Besitzer, mit der man auf jeder Ugly Sweater Party Eindruck schinden kann: Der Weihnachtspulli mit animiertem Kaminfeuer.


Quelle: http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/562770