Weniger von Allem.
Text: petitcoeur | 2 2 Kommentare | 3 3 Lesenswertpunkte | Erinnerungen | Leben | 24.10.2014 18:09  


Er liegt dort, mittlerweile ohne Inhalt. Ich habe das Bild herausgenommen, zu sehr hat es mich daran erinnert, dass es hier nicht hingehört. Dass ich das Bild für dich ausgewählt habe. Es sollte bei dir stehen und nicht bei mir.

Dort liegt er nun, ohne Inhalt. Er erinnert mich an schöne Zeiten. An den Kauf dieses Rahmens, der so gut zu dem Bild passte. Sie schienen füreinander gemacht und ich war irgendwie stolz, dass ich ihn gefunden habe. Beides ergänzte sich so gut. Wie gut wir gewesen wären, wenn wir so gut gepasst hätten?

Dort liegt er, ohne Schleife. Die grüne Schleife, die weihnachtlich wirken sollte, wickelte sich immer noch um den Rahmen und ich habe mich immer gefragt, warum du sie nicht abgenommen hast. Das Bild ist nie richtig in deinem Zuhause angekommen und das hat mich anfangs geärgert. Er wirkte wie ein Geschenk, was jeder Zeit zurückgegeben werden konnte, wenn es nur die Verpackung behält.

Dort liegt er nun. Ohne schleife. Ohne Inhalt. Und sagt dabei so viel. Vielleicht sollte ich ein anderes Bild hinter die Scheibe stecken, um ihm neuen Sinn zu geben. Doch irgendwie fühlt sich das wie Verrat an. Er wird immer der Rahmen bleiben, den ich für dich gekauft habe. Ihn zu verschenken wäre falsch, ihn zu behalten auch. Das Weiß zu übermalen wäre heuchlerisch, ihn zu entsorgen Verschwendung. Hättest du ihn doch einfach behalten, weggeworfen, verbrannt oder zertreten.

Dort liegt er nun, ohne Inhalt. Ein weißer Holzrahmen mit weißem Blatt hinter der Scheibe. Der Staub deutet darauf hin, dass du ihn länger nicht betrachtete gereinigt hast. Ich streiche mit der Fingerspitze in Bahnen darüber und hoffe, dass es weniger wird. Weniger von Allem.


 


 


Quelle: http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/541352