Jeffrey Steingarten – Der Mann, der alles isst
Text: bernd-ahlert | 3 3 Kommentare | Kochbuchkritik | Leben | 24.04.2014 23:23  


“Der Mann, der alles isst” ist kein Kochbuch im eigentlichen Sinne, sondern eine Sammlung von Texten, die Jeffrey Steingarten für die amerikanische Vogue verfasst hat und die demnächst endlich auch als Taschenbuch vorliegen. (Heyne Verlag)



Steingarten ist gelernter Jurist und optisch ganz gut im Futter. Das hängt vielleicht damit zusammen, dass er seinen gelernten Beruf sein ließ und Food-Kritiker geworden ist. Für Schubladendenker: Steingarten ist für die Vereinigten Staaten, was hierzulande der ZEIT-Kolumnist Wolfram Siebeck ist. Nur in spannend. Denn anstatt ein schönes Schlemmerwochenende im Elsaß am Laptop in bare Münze zu verwandeln und dabei ständig im genervten Unterton den Zustand des Geschmacks in der eigenen Bevölkerung zu bemäkeln, geht Steingarten mit Forscherdrang auf wahre Entdeckungsreisen.

Wenn es schon ins Elsaß geht, dann mit der Zielsetzung, das beste Sauerkraut der Welt zu finden. Auch wenn das bedeutet, dass mehrmals am Tag die berühmt berüchtigte Schlachtplatte aufgefuttert werden muss. Da setzt er für seine Leser Leib und Leben aufs Spiel. Zum Glück ist er mit einer bildhaften und humorigen Erzählsprache beschlagen. So werden seine Reisen plastisch und lebhaft. Ein Lesegenuss ohne, dass wir die mit Eisbein und Würsten gespickten Massen an dampfenden Kraut selber in uns hinein stopfen müssen. Und er bringt uns ein Rezept mit.

Seine Texte sind eine Mischung aus Reisebericht, Kochbuch und wissenschaftlicher Arbeit am eigenen Herd. Steingartens kulinarischen Interessen sind vielfältig und schrecken auch nicht vor Fast Food zurück. Wenn ihm ein Taco so unglaublich gut schmeckt, gehört er analysiert. Um hinter das Geheimnis zu kommen verschanzt Steingarten sich tagelang in einem mexikanischen Kaff bei Tijuana, auf eine Gelegenheit wartend, bei der häuslichen Herstellung der besten Maismehltortillas zu hospitieren.
Wir erfahren, wie die Mutter aller Eiskrems entsanden ist und wie man sie reproduziert. Warum in die beste Paella zwölf Schnecken oder zwei Zweige Rosmarin, aber nie beides gleichzeitig gehören. Das perfekte Coq au vin wird in langwierigen Versuchsreihen erkocht und in Paris das beste Baguette gesucht.

Aber auch das Kobe-Rind muss dran glauben. Ohnehin haben es ihm die Japaner angetan. Warum zahlen die Unsummen für ein fettiges Stück des Bauchlappens vom Thunfisch? Kann da qualitativ der amerikanische Thun mithalten? Ein Schiff gechartert und die Angel ins stürmische Meer gehalten. An Land will keiner der professionellen Fischerkollegen einen Happen vom frisch gefangenen Bluefin-Sushi abhaben. Das Stück würde dort nicht mal als Abfall den Hunden vorgeworfen, weil die Abschnitte so fettig sind, dass sie unauslöschliche Fettflecken auf dem Steg hinterlassen. So unterschiedlich sind die Geschmäcker.

Alles hat Steingarten aber auch noch nicht immer geschmeckt. Gleich zu Beginn erläutert er, wie er der Mann wurde, der alles isst. Mit einem sechs Stufen Plan zur Überwindung, Dinge zu essen, die er bis dato nicht einmal mit der Pinzette angefasst hätte. Darunter so harmlose Sachen wie Anchovies und Dill. Amüsant, der Weg und wie er nachher sogar gerne indische Desserts verspeist, die für ihn vorher die Konsistenz und den Geschmack von Gesichtscremes hatten.
Auf der letzten LitCologne kam es übrigens zu einem kleinen Schlagabtausch zwischen ZEIT-Kritiker Siebeck und Steingarten. Ersterer monierte mal wieder die Stillosigkeit vieler Restaurants. Steingarten hingegen zeigte sich diesbezüglich unbekümmert und verriet, sein bestes Steak in einer Topless-Bar serviert bekommen zu haben.


Quelle: http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/274174