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Wer bist du, Oma?

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Ich bin 14 Jahre alt, als ich es plötzlich merke. In der Luft liegt der Geruch von Gans und Lavendel, der mich an meine Kindheit erinnert. Es ist Weihnachten und meine Oma tut, was sie immer an Weihnachten tut: Sie kneift mir in die Wange. Ihre Hände sind heiß und rau vom Spülwasser, weil sie für alle kocht und abwäscht, auch das war schon immer so. Ein vertrautes Gefühl also, aber dieses Mal fällt mir dabei auf: Was ich über meine Oma weiß, kann ich an einer Hand abzählen. Oma verteilt gerne Süßigkeiten und Euromünzen an Kinder, auch an die fremden auf dem Spielplatz. Oma kniffelt jeden Tag. Omas Trinkgläser waren mal Senfgläser und sind mit Comicmotiven bedruckt. Oma hatte als Kind eine schwere Zeit, wegen den Folgen des Krieges, und musste von irgendwo nach irgendwo fliehen. Oma ist meine Oma.

Das sind erschreckend wenige Einblicke in einen Menschen, der mir in die Wange kneift und mich schon kannte, als ich noch im Bauch meiner Mutter war.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Oma könnte so viel erzählen. Man müsste sie bloß mal fragen.

Ich verstehe das nicht. Vor dem Kindergarten verbrachte ich viel Zeit mit Oma, drei Stunden jeden Werktag. Wenn mich meine Mutter nach der Arbeit abholte, weinte ich und klammerte mich an Omas Wasserfuß. Ich liebte Oma. Das tue ich immer noch und das tat ich auch mit 14. Umso mehr erschrak ich über diese Fremdheit, die ich erst wahrnahm, als ich mich plötzlich zu alt für die Gesten meiner Oma fühlte. Ich begriff: Ich habe mich an meine Oma gewöhnt, so wie man sich nach einer Weile beispielsweise an ein Studentenzimmer gewöhnt, das man nicht selbst eingerichtet hat. Über ihre Gedanken und Gefühle, über ihr Leben und ihre Geschichte weiß ich fast gar nichts.

Das wollte ich ändern, unbedingt. Aber dann kamen mein erster Freund, im zwei-Jahres-Rhythmus neue Enkel für Oma, der Abi-Stress, das Studium in einer anderen Stadt. Bei all der Ablenkung haben wir es bis heute nicht geschafft, mehr voneinander zu erfahren. Und das merke ich jedes Jahr zu Weihnachten wieder. Ich komme mit selbstgemachten Geschenken und Vorsätzen, gehe mit Enttäuschung.

Eigentlich müssten Großeltern lebendige Geschichtsbücher sein. Sie haben Dinge erlebt, die sich Menschen in meinem Alter nicht einmal vorstellen können. Die man sonst höchstens nachlesen kann. Den Krieg und die Nachkriegszeit, die Mauer, ein anderes Deutschland, eine andere Welt. Großeltern müssen sehr weise sein. Es ist doch Wahnsinn, da nicht nachzufragen! Trotzdem habe ich es nie getan, genauso wenig wie manche meiner Freunde. Viele kennen das Fremdheitsgefühl ihren Omas oder Opas gegenüber.

Vielleicht liegt es an der Kindchen-Falle. Vielleicht verfällt man wie beim Besuch bei den Eltern auch im Gespräch mit den Großeltern in alte Rollen und wird zum Kind, das aus Senfgläsern mit Comicmotiven Kakao trinkt und in Omas fester Umarmung nach Luft schnappt. Auf das geistige Alter von acht Jahren geschrumpft lässt man sich von Oma und Opa verwöhnen, tätscheln, in die Wange kneifen, anstatt sich auf Augenhöhe zu unterhalten.

Weil ich wissen will, ob es diese Kindchen-Falle wirklich gibt, durchforste ich das Internet. Ich finde lange Listen mit Familiensoziologen, schreibe über 20 Mails und bekomme enttäuschende Antworten. „Mit der Frage, die Sie stellen, bin ich das erste Mal konfrontiert“, zum Beispiel. Oder: „Enkel und Großeltern haben heute sehr viel Kontakt miteinander. Insofern würde ich Ihrer angeführten Aussage widersprechen.“

Na toll, jetzt fühle ich mich als einzig schlechte Enkelin der Welt. Dann mache ich den Soziologen Kurt Lüscher ausfindig. Der emeritierte Professor aus Bern hat viel zum Thema Generationenbeziehungen publiziert. „Man kann keine verallgemeinernden Aussagen machen, warum manche Enkel mit ihren Großeltern nur oberflächlich reden. Es gibt verschiedene Typen und Situationen von Beziehungen“, sagt er. Einen weit verbreiteten Grund für fehlende Kommunikation kann er mir aber doch nennen: schlimme Erfahrungen oder Traumata. „Es ist eine spezifisch deutsche Thematik, dass sehr viele alte Menschen im Krieg dramatische Dinge erlebt haben. Das kann natürlich relevant sein für die Gestaltung der Beziehungen von Großmüttern, Großvätern und ihren Enkeln.“

Ganz sicher hat auch meine Oma Dinge erlebt, an die sie sich nicht erinnern will. Ich will sie nicht drängen, das alles zu erzählen. Aber manches wüsste ich gerne. Wenigstens die leichten Geschichten, von der Liebe vielleicht, von den wichtigen Entscheidungen in ihrem Leben oder einfach, wie in ihrer Jugend ein schöner Tag am See aussah. Können andere Enkel mit ihren Großeltern über so etwas sprechen? Ich frage bei Freunden und Bekannten nach, die es irgendwann gelernt haben.

Sie haben es geschafft, ihre Großeltern ein zweites Mal kennenzulernen. Bei einigen ging das wie von selbst, bei meiner Freundin Michelle mithilfe eines besonderen Buches. Michelles Oma kocht jeden Sonntag ein Essen, das sich Michelle aussuchen darf, erzählt am Küchentisch aber wenig von sich. Vor ein paar Jahren schenkte Michelle ihr dann ein Fragebuch zu Weihnachten, indem Großmütter und Großväter ihr Leben aufschreiben können. Die Version für Omas heißt „Oma, erzähl mal: Das Erinnerungsalbum deines Lebens“. Darin befinden sich Fragen nach dem Lieblingsessen, der ersten Liebe oder Kindheitsträumen. Aber auch komplexere Fragen: Was würdest du rückblickend in deinem Leben anders machen? Den Platz für eigene Fragen nutzte Michelle, um ihre Oma über das Dorf auszuquetschen, in dem sie beide aufgewachsen sind.

Erst nach drei Jahren bekam Michelle das Buch zum Geburtstag zurück. So lange hat sich ihre Oma Zeit genommen. Die vollgeschriebenen Seiten sind das wertvollste Geschenk, das Michelle besitzt. „Beim ersten Lesen hatte ich das Gefühl, diese Person gar nicht zu kennen“, erzählt sie. „Das war komisch. Aber dann habe ich bei manchen Sachen nachgefragt. Es ist nicht so, dass wir bei jedem Mittagessen über Omas Leben sprechen, aber wir knüpfen immer wieder an das Buch an.“

Was meine Oma angeht, wüsste ich nicht, ob so ein Buch das richtige wäre. Vielleicht zwinge ich sie damit, an schwierige Erlebnisse zu denken. Außerdem schreibt sie nicht gern – und nicht lesbar. Trotzdem macht mir Michelles Geschichte Mut. Das Buch war ein Signal an ihre Oma, das sagt: Ich interessiere mich für dich. Daraufhin hat sich ihre Oma geöffnet, plötzlich über sehr viele persönliche Dinge aus ihrem Leben geschrieben und erzählt.

Wenn die anderen Enkel und Eltern, Onkel und Tanten nach den Feiertagen mit vollen Bäuchen wieder verschwunden sind, dann werde ich auch versuchen, ein Signal zu setzen. Ich werde mit einem Ramazzotti gewappnet bei Oma klingeln. Mir ist da nämlich doch noch etwas eingefallen über Oma, ein familieninternes Gerücht: Ramazzotti macht sie mutig. Oma wird sich freuen, mich drücken, in meine Wange kneifen. Ich werde mich auch freuen, hereinkommen – und dann: fragen.

Text: daniela-gassmann - Foto: Raffiella / photocase.de; Illustration: Sandra Langecker

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