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Marei muss raus

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Die Freiheit ist für Marei etwa 60 mal 40 Zentimeter groß und steht in einem dunkelroten Regal in einem gemütlichen Nebenraum des Wohnzimmers: der Fernseher. Sie schaltet ihn immer ein, wenn ihr danach ist. Bis vor einem halben Jahr hat sie bei ihrer Mutter gewohnt. Da ging das nicht, da war Fernsehen Verhandlungssache. Seit vergangenem Herbst verbringt die zarte junge Frau mit den kurzen Haaren manchmal Stunden vor der Kiste auf der riesigen Couch. Auf dem gemütlichen Ungetüm finden zehn Menschen Platz, es ist das Herzstück einer WG, die anders funktioniert als die typische Studenten-Wohngemeinschaft. In der großen Wohnung im Stadtteil Am Hart im Münchner Norden leben vier junge Menschen ohne und fünf mit Behinderungen zusammen. Eine davon ist die 18 Jahre alte Marei.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Hier entscheidet nur Marei, wie lange das Licht brennt. Sie ist 18, und seit sie im November zu Hause ausgezogen, muss sie über solche Dinge nicht mehr mit ihrer Mutter diskutieren.

Das Ausziehen von zu Hause und das Abnabeln von den Eltern ist ein bedeutender Schritt. Man gewinnt an Freiheit, muss aber auch Verantwortung übernehmen und Fehltritte verkraften. Für Jugendliche mit kognitiven Behinderungen ist dieser Prozess noch schwieriger. Und umso bedeutender, weil er kein logischer Schritt des Erwachsenwerdens ist, den früher oder später fast alle machen: Manche ziehen in Heime mit Sicherheitstüren und vorgekochtem Essen. Andere wohnen ihr Leben lang bei den Eltern. Das hat verschiedene Gründe: Einige Eltern sind überzeugt, ihr Kind selbst am besten zu versorgen, andere befürchten, dass die medizinische Hilfe in ambulanten Einrichtungen nicht ausreicht. Und WGs wie die, in der Marei lebt, sind in Deutschland selten. Sie kosten Geld, erfordern ehrenamtlichen Einsatz und bedeuten Bürokratie. Dabei könnten sie einigen der knapp 400 000 Menschen mit schweren Behinderungen zwischen 15 und 35 Jahren ein anderes Leben bieten.

Marei hat das Williams-Beuren-Syndrom. Die Folgen sind mit denen von Trisomie 21 vergleichbar: Sie versteht Alltagsgespräche, aber abstraktes Denken fällt ihr schwer. Sie malt gern farbige Buchstaben, aber einen längeren Text könnte sie nicht schreiben. Als Kind brachte sie das Geräusch summender Fliegen durcheinander, aber Bienen wollte sie streicheln. Sie ist ein bisschen anders, aber eben auch ein ganz normaler Teenager.

Ihre Mutter Birgit hat das in den vergangenen Jahren zu spüren bekommen. Immer wieder hatten sie und Marei die gleichen Diskussionen. Diskussionen, wie sie täglich stattfinden, wo Menschen unter 20 mit ihren Eltern in denselben vier Wänden leben. „Wenn Marei gefragt wird, ob sie nicht mal wieder Wäsche waschen müsste, dann sagt sie vermutlich lieber Nein als Ja“, erzählt ihre Mutter an einem Nachmittag am großen Tisch im WG-Wohnzimmer. Marei guckt vorwurfsvoll und sagt: „Das ist privat. Wenn ich waschen will, tue ich das.“ „Dann ist ja gut.“

Wäsche, Fernsehen und Schlafenszeiten – die Themen sind dieselben, aber bei Marei und Birgit haben die Klassiker der adoleszenten Auseinandersetzung eine andere Dimension. Denn Eltern von Kindern mit Behinderung sind einerseits daran gewöhnt, auch für einen Menschen in der Pubertät noch voll zuständig zu sein – Birgit ist mit Marei gebunden wie mit einem sehr viel jüngeren Kind. Andererseits ist Streit programmiert, wenn das Kind erwachsen wird und Selbstbestimmung fordert, jedoch nicht so eigenverantwortlich handelt wie Gleichaltrige. Wollte Birgit eine Ausstellung oder ein Konzert besuchen, hatte Marei oft keine Lust und blieb daheim. Wenn Birgit sie bat, an solchen Abenden nicht ewig vor der Glotze zu sitzen, war Mareis Antwort: „Wieso? Ich bin jetzt 18, ich kann machen, was ich will.“ Genau das war jedoch nur bedingt der Fall. Denn selbst wenn Marei beispielsweise wusste, was sie an dem Abend essen wollte, und ein Rezept heraussuchen konnte: Dass sie allein in den Supermarkt gehen, dort die richtigen Zutaten finden und sie zu Hause zubereiten würde, hielt Birgit für unwahrscheinlich. „Da wäre wohl eher etwas Verbranntes oder Halbgares herausgekommen.“

Der Weg von der elterlichen Sorge in die Selbstständigkeit ist bei Menschen mit Behinderung keine gerade Linie, sondern ein Zickzack – hin und her zwischen Unterforderung, Überforderung und der Angst vor dem Loslassen auf beiden Seiten. Seit Marei 13 Jahre alt war, hat Birgit mit ihr immer wieder über den Auszug gesprochen. Sie wollte sie rechtzeitig auf das Thema vorbereiten, denn schon damals war klar: Marei will nicht. Sie mag es daheim, lebt gern mit Mutter und Schwester. Ein Studium, das sie in eine andere Stadt zieht, wird es nicht geben. Erst als Birgit sie überzeugt, dass sie mit separaten Wohnungen weniger streiten würden, lenkt Marei ein. Die beiden einigen sich auf Herbst 2014. Als schon im Sommer 2013 ein WG-Platz frei wird, wissen sie: So eine Gelegenheit wird so schnell nicht wiederkommen. „Eigentlich ging mir das etwas zu schnell damals“, erinnert sich Birgit heute. „Marei war ja noch sehr jung.“ Sosehr ihr die Aussicht gefiel, dass Marei in Zukunft mehr Zeit mit Menschen ihres Alters verbringt und sie selbst auch mal ausschlafen kann, statt sich jeden Morgen um halb sechs um Mareis Medizin zu kümmern, so diffus waren andererseits die Sorgen: Würde Marei sich zu Hause fühlen?

Ihre Tochter hatte es nicht immer leicht mit anderen Menschen. Im Kindergarten hatte sie auch Freunde ohne Behinderung. Doch seit der Grundschule war sie als Spielkameradin abgemeldet, wenn andere Kinder merkten, dass sie irgendwie anders ist. Auch heute starren Fremde Marei gelegentlich an. Es verletzt die junge Frau, wenn sie für einen Jungen gehalten wird. „Was, wenn die Leute in der WG ähnlich reagieren?“, fragt sie sich vor dem Einzug.

Dass das nicht so ist, lernt Marei wenige Wochen später. Mit einem Kuscheltier und einem Schlafsack ausgerüstet, verbringt sie ein Wochenende in der WG, „Probe wohnen“ müssen alle WG-Kandidaten. Sie schläft eine Nacht in ihrem künftigen Zimmer, einem Erdgeschossraum neben dem Büro. Die Wohnung ist groß und hell, ein Neubau in einer Wohnsiedlung. Das gefällt ihr: Der helle Holzboden, die bunten, selbst gemalten Bilder und die Fotos von gemeinsamen Ausflügen machen die WG gemütlich. Sogar eine Katze gehört dazu, die immer in einer der vielen Sitz- und Leseecken hockt. An diesem Wochenende sind alle nett zu Marei, keiner schaut komisch. Einige vergessen, die Toilettentür zu schließen, andere können nicht allein duschen. Marei, die Hilfe beim Haare­waschen braucht, fällt da nicht weiter auf.

Im November ist es so weit: Den Schreibtisch der Schwester, das Schmuckkästchen und den CD-Player nimmt sie mit ins neue Zimmer im Erdgeschoss. Sie hängt ein Poster vom Grand Canyon über den Schreibtisch und über ihr Bett eins von Justin Bieber. Anfangs ist der neue Alltag hart. Sie sieht die Mama nicht täglich, muss allein aufstehen. Jedes zweite Wochenende ist sie bei ihrer Mutter, die anderen Wochenenden verbringt sie beim getrennt lebenden Vater. Der Weg zurück in die WG am Sonntagabend fällt ihr oft schwer. „Der Ablösungsprozess war nicht lustig. Das hab ich mir für uns beide leichter vorgestellt“, sagt Birgit. Wenn Jugendliche mit Behinderung ausziehen, dreht sich die Pubertätsdynamik oft um: Sehnsucht haben dann die Kinder, während die Eltern es genießen, Zeit für sich zu haben. Auch Mareis Mutter wohnt gern allein und freut sich, dass ihre Tochter nun Zeit mit Gleichaltrigen verbringt. Marei selbst ruft bis heute „Juhu!“, wenn ihre Mutter ihr einen gemeinsamen Arzttermin ankündigt.



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„Gemeinsam leben lernen“, der WG-Betreiber-Verein, hat ein einfaches Konzept: Bewohner ohne Behinderung zahlen 120 Euro im Monat und haben Nacht-, Wochenend- und Haushaltsdienste. Um alles andere kümmern sich eine WG-Leitung und ein FSJler. Für Marei bedeutet „Gemeinsam leben lernen“, dass nebenan die Freunde ihres Mitbewohners ihre Mädchengeschichten besprechen, während sie am großen Tisch im Wohnzimmer sitzt und gedankenverloren mit Filzstiften in ihren Bastelordner malt. Sie mag das Durcheinander, denn bei neun Menschen ist immer jemand da, der Zeit hat, um zu ratschen. „Die Freundschaft läuft sehr gut hier, merke ich“, sagt sie. Das hat gedauert.

Sie ist das Küken in der WG. Nach dem Einzug lernt Marei erst allmählich Theresa kennen, die 28 ist und seit acht Jahren hier wohnt, Trisomie 21 hat und am liebsten Mandalas malt. Marei freundet sich mit Student Tobi an, der ihr beibringt, dass man bei Pilzen die Stiele nicht wegschneidet. Immer öfter geht sie mit einkaufen, räumt mit einer Betreuerin ihr Zimmer auf und stellt Tassen, die ein Mitbewohner immer stehen lässt, in die Spül­maschine. „Es ist jetzt schon mehr als früher“, findet sie. Wo sie zu Hause „Mama, machst du das?“ sagen konnte, geht das heut nicht mehr. Die WG hat einen Kochplan, und einmal in der Woche ist auch Marei dran.

Vor ein paar Wochen kam Birgit aus dem Kabarett, als Marei nachts um elf anrief. Das tut sie abends öfter, um kurz zu erzählen, wie der Tag war. „Ich dachte, sie wäre längst im Schlafanzug“, erinnert sich die Mutter. Doch etwas war diesmal anders. Ihre Tochter hatte mit einer Mitbewohnerin ein Konzert besucht. Sie stand am Odeonsplatz in München und erzählte aufgekratzt von ihrem Abend, vom Chor, von den anderen Gästen. „Das war toll: Sie war mit Gleichaltrigen unterwegs, ich auch, wir hatten beide einen tollen Abend“, sagt Birgit. „Das hat sich nach Normalität angefühlt.“ Ein bisschen, glaubt Birgit, hat Marei auch angerufen, weil sie stolz war: ausgehen, unter der Woche, mit den Mitbewohnern. Die Nächte, die sie anfangs mit „Deutschland sucht den Superstar“ verbracht hat, nur weil keine Mama da war, die „Du wolltest noch etwas erledigen“ gerufen hat, sind mittlerweile vorbei. Nach fünf Monaten WG weiß Marei, dass die Freiheit viel mehr bedeutet als die 60 mal 40 Zentimeter Bildschirm im Regal.




Text: lea-hampel - Fotos: Tanja Kernweiss

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