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Mein allerliebster Scheibenhändler

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„Das ist wie ein kleines Mekka“

DJ Koze, der im Frühjahr sein international gefeiertes Album „Amygdala“ herausgebracht hat und seit 2009 Mitbetreiber des Techno-Labels Pampa Records ist  

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Im April gibt es den internationalen „Record Store Day“, seit 2009 werden in Deutschland jeden Herbst in der „Plattenladenwoche“ die Vinylhändler um die Ecke als kulturelle Institution gefeiert. Zum fünften Jubiläum haben wir Musiker gefragt, wo sie sich am liebsten ihre Platten besorgen.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Das ist mein Lieblingsplattenladen:

Smallville Records in Hamburg.

Darum gerade dieser Laden:

Weil Smallville von Freunden betrieben wird. Und, weil sich um den Laden herum eine ganze Szene gebildet hat, die sich trifft und Veranstaltungen macht. So, wie es bei legendären Plattenläden ja oft ist, dass dann ein ganzes Genre daraus erwachsen kann: Läden, die den Sound prägen, über die Stadtgrenzen hinaus. Leute pilgern da wirklich hin. In dieser Musikrichtung, in der ich mich auch bewege, ist das wie ein kleines Mekka. Die haben ja nur Vinyl. Es gibt dort ganz kleine Auflagen von manchen Liebhaberscheiben. Etwa so ein New Yorker Label, alles noch Selbstvertrieb. Die geben vielleicht nur 300 oder 500 Stück heraus, aber man kann sicher sein, dass 20 davon auf jeden Fall bei Smallville stehen. Irgendwie ist das so ein kleiner, süßer, netter Plattenladen, den man ansteuert, auch wenn man gar keine Platten kaufen will. Das ist immer ein besonders gutes Zeichen.

So bin ich auf den Laden gestoßen:

Das ist aus unserem Freundeskreis heraus entstanden. Ich habe am Anfang sogar mal kurz überlegt, ob ich den miteröffnen soll. Es gab damals so eine Plattenladenarmut in Hamburg und dann haben wir uns alle getroffen und überlegt, ob man nicht einen Plattenladen aufmachen könnte. Irgendwann ist das dann ins Laufen gekommen. Ich glaube, eine große Mark machen die damit nicht. Das ist halt so ein Feinschmecker-Connaisseur-Laden, weltweit vernetzt. Aber auch separatistisch, das muss man schon sagen. Und das finde ich eigentlich auch ganz gut. 

Und die Leute, die da arbeiten?

Music Lovers. Idealisten, die sich versprühen für diese Musik.

Auf einer "High Fidelity"-Nerd-Skala von eins (normaler Typ) bis  zehn (musikbesessener Obernerd) kriegt mein Lieblingsplattenhändler:

eine Eins auf der Nerd-Skala, auf der Spezi-Skala aber eine Zehn. Ich finde die nicht so obernerdig, aber oberpassioniert. Das sind keine kruden Spinner. Solche Leute kenne ich auch. Wir hatten so einen verrückten Secondhandladen in meiner Heimatstadt Flensburg. Der war herrlich! Wie so ein Waldschrat saß der Typ da und hat immer irgendwelche blöden Schallplatten für teureres Geld ins Fenster gestellt als im normalen Plattenladen. Aber so weirdomäßig sind sie im Smallville nicht.

Diese Platte habe ich dort zuletzt gekauft:

Ähm. (Drei Sekunden Pause.) Nee, daran erinnere ich mich gerade nicht. Ich habe aber auch so ein schlechtes Gedächtnis. Meine Festplatte ist zu voll. Ich kann mir so etwas nie merken. Ich bin ja schon mit meinem funktionalen Tagesleben überfordert. Ich sag' mal: Ich habe mir das Lawrence-Album gekauft. "Films – Windows" heißt das. Smallville Records, Hein-Hoyer-Straße 56, 20359 Hamburg.

"Es riecht nach alten Originalpressungen"

Nicholas Müller, Sänger und Gitarrist der Band Jupiter Jones, deren neues Album "Das Gegenteil von allem" seit diesem Monat in den Plattenregalen steht

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Das ist mein Lieblingsplattenladen: Black Diamond Records in Köln.

Darum gerade dieser Laden:

Das ist ein Plattenladen, der winzig klein, aber bis unters Dach vollgestopft ist. Der hat noch ein paar CDs da herumstehen, aber der Rest ist Vinyl - vor allen Dingen gebrauchtes Vinyl und davon bin ich ein ganz großer Fan. Ich habe in den vergangenen Jahren meine Affinität zu Musik entdeckt, die nicht mehr veröffentlicht wird und wenn, dann auf CD, ärgerlicherweise. Für mich ist das einzig physische Format einfach Vinyl. Und das ist in dem Laden echt fantastisch: Du kommst herein und es riecht nach alten Originalpressungen.

So bin ich auf den Laden gestoßen:

Als ich das erste Mal da war, stand ich vor verschlossener Tür, mitten in der größten Einkaufs-Rushhour. Der Laden ist am Hansaring in Köln und da ist dieser riesige Saturn. Direkt nebenan ist der Underdog-Plattenladen, der auch echt nett, aber sehr spartenmäßig ist: Punk-Rock, Stoner Rock, Emo. Eine Tür weiter ist dann Black Diamond Records. Und der Typ war einfach nicht da. Dann bin ich dort stehen geblieben und habe geraucht, weil da so ein Schild hing: "Bin in fünf Minuten zurück." Als er dann kam, hat er im Laden unheimlich liebevoll rumgetüddelt. Das sind so Dinge, da gebe ich ganz viel drauf.

Und der Typ, der da arbeitet?

Der Typ weiß aus irgendeinem wahrscheinlich autistischen Zug heraus, wo was steht, obwohl alles total voll ist mit Schallplatten. Das ist ja das Geile: Man merkt, dass er das, was er da macht, total liebt.

Auf einer "High Fidelity"-Nerd-Skala von eins bis zehn kriegt mein Lieblingsplattenhändler:

eine Neun. Weil er nicht ganz so akribisch im Sortieren ist und dennoch weiß, wo alles steht. Aber ich glaube nicht, dass er wie Rob Gordon, der Hauptcharakter in "High Fidelity", je nach Stimmung und Lebensabschnitt seine Platten umsortiert, so zwischen alphabetisch und was weiß ich was. 

Diese Platte habe ich dort zuletzt gekauft:

Das war eine Jacques Brel-Platte. Ich weiß nicht mehr, wie sie heißt, aber es ist auf jeden Fall "Amsterdam"; drauf, weil das meiner Meinung nach sein Geniestreich ist. Und den brauche ich in jeder verfügbaren Ausführung.

Black Diamond Records, Ritterstraße 48, 50668 Köln.

"Der war immer schon da" René Arbeithuber, Keyboarder der Band Slut, deren achtes Album "Alienation" im Sommer herausgekommen ist

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Das ist mein Lieblingsplattenladen:

Optimal Records in München.

 

Darum gerade dieser Laden:

Weil der einfach die richtige Plattenladenatmosphäre hat. Weil der Optimal der einzige wirklich gute Plattenladen in München ist. Es ist eigentlich die einzig wahre Anlaufstelle in München, auch von der Musikauswahl her: Da gibt es Elektro und Indie, also die Bereiche, die uns als Band auch interessieren. Und viele andere Münchner Plattenläden kenne ich ehrlich gesagt gar nicht. Zumindest keine, die sich jetzt auch schon einen Namen erarbeitet haben. Optimal ist ja ein bundesweit bekannter Plattenladen. Ich kaufe meine Platten aber auch gerne auf dem Flohmarkt. Dieses Rumstöbern in den alten Sachen ist etwas, was ich gerne mache.

 

So bin ich auf den Laden gestoßen: Ich bin ja erst seit sechs Jahren in München. Und den Optimal gab's vorher schon, das war vorher schon ein Begriff. Irgendwie hat man das Gefühl, der war immer schon da. Die Leute haben halt darüber gesprochen. Irgendwann bekommt man mit: da gibt's einen Plattenladen, der geil ist. Und dann geht man halt dahin.  

Und die Leute, die da arbeiten?

Die habe ich mir gar nicht so genau angeschaut. Ich bin jetzt auch nicht ständig dort. Ich bin jemand, der den ganzen Tag im Büro hockt und sich dann auch mal über deren Mailorder etwas bestellt. Es ist aber total wichtig für die ganze Musikkultur, dass da jemand ist, zu dem man gehen kann, und dass nicht alles komplett ins Internet wandert. Das soll auf jeden Fall so bleiben. Die sollen reich werden damit.

 

Auf einer "High Fidelity"-Nerd-Skala von eins bis zehn kriegt mein Lieblingsplattenhändler:

eine moderate Sechs. So ganz megaverschroben sind die da nicht.

 

Diese Platte habe ich dort zuletzt gekauft:

Das müsste die Dings gewesen sein, wie heißt die noch? Ein Elektroprojekt. Irgendwas mit "floor". Ah, Factory Floor! Die Platte heißt auch so. Ich glaube, das ist das Debüt.

 

Optimal Records, Kolosseumstraße 6, 80469 München.

 

"Es ist wie eine Schule"

 

Gernot Bronsert, eine Hälfte des Berliner DJ-Duos Modeselektor und Mitglied der All-Star-Gruppe Moderat

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Das ist mein Lieblingsplattenladen:

Hard Wax in Berlin-Kreuzberg.

 

Darum gerade dieser Laden:

Hard Wax ist nicht nur ein Plattenladen, sondern beherbergt auch viele Plattenlabels und ist eigentlich das Zuhause von einem musikalischen "Camp". Hard Wax ist sehr berlinbezogen, ohne unbedingt in dem Fahrwasser von Clubs oder Veranstaltungen mitzuschwimmen, die dann gerne mal in populäreren Zeitungen auftauchen.

 

So bin ich auf den Laden gestoßen:

Das war Mundpropaganda. Damals gab's kein Internet. Man konnte im Hard Wax seine Faxnummer hinterlassen und dann haben sie dir ein Fax geschickt mit den Platten, die gekommen sind. Man konnte dort auch anrufen und sich die Platten am Telefon vorspielen lassen. Das war ganz lustig. Ich glaube, ich war das erste Mal 1993 oder 1994 im Hard Wax. Und Szary, der andere Modeselektor, der war noch früher da. Damals haben wir noch außerhalb gewohnt. Wir sind dann immer hingefahren und haben unser ganzes Geld in Platten investiert. Vorzugsweise war das jeden Donnerstag, weil Mittwochabend immer Lieferungen aus den USA kamen. Es gab nur diesen Laden, der Underground Techno verkauft hat. Wenn man in den Neunzigern auf diesen Ami-Sound stand, aus Chicago, Detroit und New York, dann war das halt die erste Anlaufstelle. Das Hard Wax war so eine richtige Ami-Techno-Brücke. Wobei es dann auch sehr schnell breiter gefächert geworden ist.

Und die Leute, die da arbeiten?

Das kann ich aus erster Hand sagen, ich habe da ja mal gearbeitet. Für mich war das nie ein Ort, wo man hingeht und tolle Platten kaufen kann, sondern wo man einfach noch ein bisschen mehr mitbekommt, wo man auch etwas zu den Platten erzählt bekommt. Und wo man einfach diesen Musik-Underground zu spüren kriegt. Die Hauptprotagonisten sind ja immer noch da und das schon seit über 20 Jahren.

 

Es ist eigentlich wie eine Schule:

Man kann dort wahnsinnig viel lernen.

 

Auf einer "High Fidelity"-Nerd-Skala von eins bis zehn kriegt mein Lieblingsplattenhändler:

eine Zehn. Eindeutig! Das Hard Wax ist eigentlich eine DJ- und Musikerschmiede. Als ich aufgehört habe, dort zu arbeiten, kam ein junger DJ, der quasi meinen Job übernommen hat und der jetzt auch relativ bekannt ist, nämlich Marcel Dettmann. Der ist heute im Berghain Resident DJ und auf der ganzen Welt unterwegs.

 

Diese Platte habe ich dort zuletzt gekauft:

Oh Gott, was war das denn? Ich muss sagen, dass meine Plattensammlung zu 80 Prozent aus Platten besteht, die im Hard Wax gekauft wurden. Doch, ich kann Hemlock. Aber welche genau das war, weiß ich nicht.

 

 

Hard Wax, Paul-Lincke-Ufer 44a, 10999 Berlin.

 

"Dort weht ein punkiger St. Pauli-Wind"

 

Bosse, der Anfang des Jahres sein fünftes Album "Kraniche" veröffentlicht und vor kurzem den "Bundesvision Song Contest" gewonnen hat

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Das ist mein Lieblingsplattenladen:

Michelle Records in Hamburg.

 

Darum gerade dieser Laden:

Ich kenne ein paar Leute aus meiner früheren Café-Tätigkeit, die jetzt dort arbeiten. Und sonst habe ich da auch immer das Gefühl, dass ich mit Leuten zu tun habe, die auf irgendeine Art und Weise schlauer mit Musik umgehen, weil sie einfach besser informiert sind. Es ist immer wie ein Gespräch mit einem vertrauenswürdigen DJ.

 

So bin ich auf den Laden gestoßen:

Mein allererster Kontakt war 2007, da haben Kettcar im Schaufenster bei Michelle gespielt. Das war ein herrlicher Abend. Ich glaube, dass war mein schönstes Erlebnis dort. Was tatsächlich etwas Besonderes an dem Laden ist: dass Bands sich da aufbauen und man dann wirklich zuhören kann.

Und die Leute, die da arbeiten? Indiemäßig. So kann man es, glaube ich, sagen. Das ist öfter so in Plattenläden, dass da irgendwie so ein alter, punkiger St. Pauli-Wind durchweht. Die kritisieren da alles immer sehr harsch, was ich auch gut finde. Sehr geschmackssicher.

 

Auf einer "High Fidelity"-Nerd-Skala

von eins bis zehn kriegt mein Lieblingsplattenhändler: eine Sechs oder eine Sieben. Mir fällt da gerade noch ein anderer Laden ein: Vopo Records in Berlin-Prenzlauerberg. Dort habe ich nämlich früher immer meine Platten gekauft. Der Typ, der da arbeitet, hat eine glatte Zwölf verdient. Bei Michelle ändern sich mal Sachen, aber in dem Vopo-Laden ändert sich einfach nichts. Der Typ ist immer noch derselbe. Der ist fast immer alleine da. Und der ist eben so "High Fidelity"-mäßig drauf: ein "wahrer Experte".

 

Diese Platte habe ich dort zuletzt gekauft:

Bei Michelle habe ich mir das letzte Tocotronic-Album "Wie wir leben wollen" auf Vinyl gekauft, nachdem mir meine Plattenfirma das als CD zugeschickt hatte. Aus Dank für das Geschenk habe ich mir dann noch die Platte geholt.

 

Michelle Records, Gertrudenkirchhof 10, 20095 Hamburg.

 

Vopo Records, Danziger Straße 31, 10435 Berlin.

 

 

Eine frühere Version dieses Artikels enthielt auch ein Interview mit MC Fitti über seine  Lieblingsplattenläden, die "Saturn"-Märkte. Da MC Fitti allerdings auch  offizielle Werbefigur von Saturn ist, haben wir uns entschlossen, das Interview offline zu nehmen. Wir bitten, dieses Versäumnis zu  entschuldigen.

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