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Deutsche Sprache, leichte Sprache!

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“Prekäre Arbeit wollen wir überwinden, einen flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn einführen und über eine Stärkung des Tarifsystems gerechte Löhne ermöglichen.” Das steht im aktuellen Wahlprogramm der SPD. Für viele Menschen in Deutschland sind solche Sätze schwer zu verstehen. Daher haben bei der Bundestagswahl erstmals alle Parteien auch eine Version ihres Programms in Leichter Sprache herausgegeben. Das liest sich bei den Sozialdemokraten so: “Jeder Mensch bekommt mindestens 8,50 Euro in der Stunde. Am besten aber mehr. Jeder Mensch, der arbeitet, soll genug Geld zum Leben haben.” Wir sprachen mit Christiane Völz, Vorstandsmitglied beim Netzwerk Leichte Sprache, über die Hintergründe der Problematik. In dem Netzwerk engagieren sich Menschen mit und ohne Lernschwierigkeiten gemeinsam für Verbreitung von Leichter Sprache. Außerdem arbeitet Völz bei der Arbeiterwohlfahrt, wo sie an der Übersetzung des SPD-Programms mitgearbeitet hat.

Christiane Völz vom "Netzwerk Leichte Sprache"jetzt.de: An wen richten sich Texte in Leichter Sprache?Völz: Wir sprechen von Menschen mit Lernschwierigkeiten. Dieser Begriff ist in der Diskussion mit Vertretern der Betroffenen entstanden. Man könnte auch Menschen mit Leichter geistiger Behinderung sagen. Viele dieser Leute lernen in der Schule ganz gut lesen. Aber nach der Schule haben sie kaum noch Gelegenheit dazu, weil geeignete Texte fehlen.Auf welche Schwierigkeiten stoßen Menschen mit Lernschwierigkeiten, wenn sie einen normalen Text lesen wollen, etwa ein Parteiprogramm?Ganz schwer sind verschachtelte oder sehr lange Sätze mit vielen Fremdwörtern. Wenn zu viele Informationen in einem Satz stehen, können die nicht immer alle erfasst werden. Die Sätze sollen also einfach und kurz sein und möglichst ohne Fremdwörter auskommen. Der Text muss aber auch sinnvoll aufgebaut sein: Das Wichtigste soll am Anfang stehen, zusammenhängende Dinge sollen aufeinander folgen, Dopplungen sind zu vermeiden. Auch Illustrationen helfen, den Text zu verstehen und die Lesemotivation zu erhalten.Diese Regeln sollten eigentlich für jeden guten Text gelten. Könnte man nicht die regulären Parteiprogramme so schreiben, dass jeder sie versteht?Man sollte so etwas nicht ausschließen und auf jeden Fall den Versuch wagen. Aber prinzipiell bin ich für Vielfalt: Menschen sind verschieden und haben verschiedene Ansprüche an einen Text. Also kann man doch für jede Zielgruppe eine eigene Version anbieten. Wir bekommen auch die Ängste von Leuten mit, die meinen, wir machen im Land von Goethe und Schiller die Sprache kaputt. Darum sagen wir ausdrücklich: Wir wollen eine ganz bestimmte Zielgruppe bedienen.Wie läuft das ab, wenn beispielsweise ein Parteiprogamm in Leichte Sprache übersetzt werden soll?Es gibt spezialisierte Übersetzerbüros, die einen Entwurf machen. Entscheidend ist, dass anschließend Menschen mit Lernschwierigkeiten den Text prüfen. Die sagen, ob man den Text gut lesen und verstehen kann. Diese Probeleser sind die Experten für Leichte Sprache. Dann bekommt die Partei den Text vorgelegt, um Änderungswünsche zu äußern. Manche Auftraggeber wollen Sätze eins zu eins aus dem Originaltext in die Version für Leichte Sprache übernehmen, aber da müssen wir sagen: Das entspricht nicht den Vorgaben für Leichte Sprache. Entscheidend ist letztendlich immer das Urteil der Probeleser.Im Leichte-Sprache-Wahlprogramm der Grünen steht das Wort “Zusammen-Fassung” mit Bindestrich, obwohl man es ja eigentlich zusammenschreibt. Ist es nicht kontraproduktiv, wenn Wörter falsch geschrieben werden?Gemäß den Rechtschreibregeln des Dudens kann jedes zusammengesetzte Hauptwort auch mit einem Bindestrich getrennt werden. Wir machen das immer dann, wenn ein Probeleser bei der zusammengeschriebenen Version ins Stocken kommt. Bundes-Behinderten-Beauftragter würden wir vermutlich getrennt schreiben, Fahrstuhl eher zusammen. Grundsätzlich entspricht die Leichte Sprache der gebräuchlichen Rechtschreibung und Grammatik. Die einzige Ausnahme ist, dass Haupt- und Nebensatz manchmal beide als eigenständiger Satz mit Punkt geschrieben werden.Bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus vor zwei Jahren hielten CDU und FDP ein Programm in Leichter Sprache noch für unnötig. Werden die Bedürfnisse von Menschen mit Lernschwierigkeiten inzwischen besser berücksichtigt?Ja, dieses Jahr bieten alle Parteien ihre Programme oder zumindest Kurzprogramme in Leichter Sprache an, das ist schon ein Fortschritt. Nach der UN-Behindertenrechtskonvention haben Menschen mit Lernschwierigkeiten aber auch einen Anspruch darauf: Darin ist in Artikel neun der Grundsatz der Barrierefreiheit festgeschreiben. Das meint die Zugänglichkeit zu Gebäuden, zum öffentlichen Nahverkehr, aber eben auch zu Informationen. Diese Konvention ist in Deutschland geltendes Recht. In welchen Bereichen gibt es denn noch größere Hürden für Menschen mit Lernschwierigkeiten?Ich denke da vor allem an Banken, Versicherungen und Behörden, da gibt es ganz großen Nachholbedarf. Bei vielen Formularen und Verträgen tun sich nicht nur Menschen mit Lernschwierigkeiten, sondern sehr viele Bürger in Deutschland schwer, das zu verstehen. Aber auch im Unterhaltungs- und Bildungsbereich kann man noch viel tun. Ich denke da an Lernmaterial für Volkshochschulen. Man könnte aber auch Romane in Leichte Sprache übersetzen, das gibt es noch ganz wenig. In Ländern wie Schweden und den Niederlanden werden jedes Jahr einige Bestseller in einfacher Sprache herausgegeben. Die erfüllen nicht alle Kriterien, die für Leichte Sprache explizit festgelegt sind, da geht ein Satz auch mal über mehrere Zeilen. Aber es ist ein Anfang.Text: christian-endt - Coverfoto: Felix Heyder; Portrait: AWO Bundesverband

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