Frau S.
Ich hatte schon vor Monaten gehört, dass Frau S. nicht mehr da war, doch als ich jetzt vor ihrer Haustür stand und die geschlossenen Fensterläden sah, war ich dennoch zuerst etwas verwundert.
Als hätte ich erwartet, dass sie jede Sekunde durch den Vorgarten gelaufen käme, um mich freudestrahlend zu begrüßen.
Manchmal begreifen wir den Tod wohl erst, wenn wir vor ihm stehen.
Sie wird mir wohl immer so in Erinnerung bleiben. In einer Gartenschürze und Gummistiefeln, etwas dreckig von der Gartenarbeit - und dieser wunderbare Duft nach Blumenerde. Wenn ich sie umarmte, konnte ich meinen Kopf in ihrem Bauchnabel versenken. Als ich sie als junger Erwachsener später einmal kurz auf der Straße traf, reichte sie mir gerade bis zu den Schulterblättern. Aber das macht nichts. In meinem Kopf war sie immer so, wie ich sie in meiner Kindheit sah - daran konnte auch die vernichtende Kraft der Gegenwart nichts ändern.
Sie zog in unsere Straße, als ich fünf Jahre alt war. Ich weiß nicht wer vorher in ihrem Haus gewohnt hat. Eigentlich hatte ich immer geglaubt, es hätte schon immer alles ihr gehört, der Garten und das Haus mit den grünen Fensterläden - wem auch sonst. Aber sogar Frau S. sprach manchmal von einer Zeit "davor" und so muss es sie wohl wirklich gegeben haben diese Zeit. Aber was bedeutet schon etwas, an das sich niemand mehr erinnern kann. Irgendwann jedenfalls war sie da.
Die Erwachsenen beobachteten sie zuerst nur aus der Ferne. Sie war ihnen nicht geheuer, diese Frau, die das kleine Grundstück in der Mitte unserer Straße innerhalb von Tagen plötzlich mit Leben füllte. Wir Kinder beobachteten auch, aber von Nahem - wir trauten uns gleich am ersten Tag schon bis auf die Mauer, die ihren Garten von der Straße trennte. Saßen da wie Vögel auf einer Stromleitung und wagten nicht den Boden auf der anderen Seite zu berühren.
Niemand von uns hat jemals ihr Haus von innen gesehen, aber das wurde mir erst viele Jahre später klar. Frau S. war eigentlich immer draußen, an jedem Tag und bei jedem Wetter. Und innerhalb von wenigen Wochen zauberte sie aus dem kleinen Stück Rasen vor ihrer Eingangstüre den buntesten Garten, den unsere Stadt je gesehen hatte. Sie fuhr mit ihrer Schubkarre Blumenerde umher und tat so als würde sie uns Kinder nicht sehen, die wir gebannt auf der Mauer hockten und zuschauten. Diese Frau war uns neu. Sie war so ganz anders als unsere Eltern und verkörperte für uns Jüngsten, die wir damals noch keinen Schritt aus der Straße setzen durften, die Verbindung zu einer neuen, unermesslich großen Welt, die zu erobern uns noch bevor stand.
Die Großen begannen bald über Frau S. zu reden. Ganz geheuer sei sie ja nicht, diese Neue. Was wolle sie denn hier? Hatte sie Verwandte, Kinder, die das Haus gekauft hatten? Oder warum war sie ausgerechnet hier, in unserem Dorf, wo jeder jeden kannte und jeder über jeden eine Meinung hatte, die angeboren war uns als unverrückbar galt – ja warum war sie hier? Warum nicht einfach irgendwo anders?
Uns Kindern erzählte sie später, sie sei mit einem Zirkus gereist. Tänzerin sei sie gewesen, doch irgendwann zu alt geworden für das Leben ohne Garten. Zum Beweis brachte sie uns bunte Röcke und Tücher aus ihrem Haus, die sich die Mädchen über den Kopf zogen und als Kleider trugen.
Meine Mutter sagte irgendwann, Frau S. sei ein schlechter Umgang für uns mit all ihren Lügen.
Dennoch durfte ich sie weiterhin besuchen, wir alle durften das, denn unsere Eltern hatten schnell begriffen, wie praktisch es war uns Kinder aus dem Haus zu haben.
Wir waren gerne bei Frau S.
Und doch: Es dauerte, es dauerte eine ganze Weile, bis der Erste von uns die magische Mauer überquerte. In der Kindheit ist eine einziger Sommer eine ganze Ewigkeit lang, und so kann ich nicht sagen ob es Wochen oder Tage waren, die wir schweigend auf dieser Mauer verbrachten und einfach nur zusahen. Vielleicht waren es auch nur Stunden.
Irgendwann passierte es dann: Ein kleines Mädchen, ich habe ihren Namen vergessen, begann sich zu langweilen. Sie sprang auf und fing an auf der Mauer zu balancieren. Wir anderen beobachteten sie gebannt. Sie war klein, vier Jahre vielleicht, und trug rote Schuhe, die mit einer weißen Schleife zugebunden waren. Seltsam, woran man sich erinnert. Doch es war einer dieser Schuhe, der die Kleine schließlich stolpern ließ. Sie verlor das Gleichgewicht und – fiel in den Garten von Frau S.! Mitten in ein Beet mit frisch gepflanzten Blumen, an dem Frau S. den ganzen Tag gearbeitet hatte.
Wir hielten den Atem an. Frau S. schaute auf. Sie starrte die Kleine an - die nicht wusste wie ihr geschah – und fing dann an zu lachen, so laut und fröhlich wie nur Frau S. lachen konnte.
Sie lachte und lachte und lachte. Dann half sie dem Mädchen auf, drückte ihr zwinkernd eine kleine Schaufel in die Hand und zusammen brachten sie das Beet wieder in Ordnung.
Es dauerte nicht lange und auch wir anderen sprangen in den Garten, nach und nach, zögerlich zuerst, doch dann immer schneller und eifriger. Wir konnten uns nicht schöneres vorstellen als Frau S. dabei zu helfen, ihren Garten zu bepflanzen. Was gibt es besseres, als in der Sommerhitze in der Erde zu graben, sich dann mit einem Gartenschlauch abzuspritzen, und nach einer ausufernden Wasserschlacht in Frau S. Garten Kekse zu essen? Noch heute kann ich mich an keine helleren Tage erinnern.
Frau S. Garten wurde zu einem Treffpunkt für uns Kinder der Straße. Irgendjemand war immer dort – und wenn man der erste war, setzte man sich in Frau S. Hängeschaukel und hörte ihr zu, wie sie Lieder aus vergangenen Zeiten sang. Die Sonne schien durch die Blätter des Apfelbaums und warf bunte Schatten auf unsere Gesichter. Manchmal schlief ich in der Hängeschaukel ein und musste rennen, um rechtzeitig beim Abendessen zu sein.
Der Garten wuchs – es war ein wilder und voller Garten, in dem alles Erdenkliche in jeder möglichen Unordnung durcheinander wuchs, und doch oder gerade deshalb war er genau richtig so – doch mit dem Garten wuchsen auch wir.
Wir bemerkten es nicht, Frau S. bemerke es nicht, und doch geschah es: Langsam und unaufhaltsam. Und je schneller die Zeit verflog, desto mehr stahl sie von unserer Kindheit, klammheimlich und leise, und irgendwann standen wir da und hatten verlernt, was Spielen ist.
Und wenn man nicht mehr spielen kann, dann braucht man auch keinen wilden Garten mehr und keine Frau S., die auf ihn aufpasst. Oder vielleicht braucht man es schon, aber zumindest glaubt man, dass man all dies nicht mehr braucht, und so geschah es, dass wir plötzlich andere Dinge für wichtiger hielten.
Es war ein schleichender und unheimlich langsamer Prozess, aber irgendwann war es Monate her, dass wir Frau S. das letzte Mal besucht hatten. Wir begannen sie zu vergessen. Und wenn wir sie auf der Straße trafen, wichen wir ihrem Blick aus. Nur manchmal fragte ich mich, ob jetzt andere Kinder in ihrem Garten spielten.
Irgendwann war ich das, was man erwachsen nennt, und ging fort, um an einem anderen Ort zu leben, weit weg von der Straße meiner Eltern.
Und das war gut so, denn erst, wenn man weggeht, fängt man an sich zu erinnern.
Oder erinnert man sich erst, wenn man wiederkommt?
Eines Tages jedenfalls stand ich vor ihrer Gartentüre und betrachtete die geschlossenen, grünen Fensterläden.
Das Haus stand zum Verkauf, ein Freund von damals hatte mir davon erzählt. Er war Immobilienmakler und hatte die Schlüssel schon vor Wochen bekommen. Das musst du dir unbedingt ansehen!, hatte er ins Telefon geschrien. Niemand von uns hat jemals ihr Haus von innen gesehen.
Ich stand vor der grünen Türe, und steckte den Schlüssel ins Schloss.
Wer war diese Frau gewesen? Was hatte sie dazu bewogen, hier zu wohnen, umgeben von all den Kindern? War das alles nicht ein wenig sonderbar gewesen? Was erwartete mich in ihrem Haus? Hatte sie grüne Möbel oder schwarze, stand alles voll mit Fotos ihrer verstorbenen Eltern – oder hatte sie vielleicht sogar Bilder von uns Kindern gesammelt und an ihre Wand gehängt? Kannte ich Frau S. denn überhaupt? Was wollte sie damals hier? Hatte sie vielleicht Verwandte, Kinder, die das Haus gekauft hatten? Warum war sie ausgerechnet hier gelandet, in diesem kleinen Dorf, wo jeder jeden kennt und jeder über jeden eine Meinung hat, die angeboren ist und als unverrückbar gilt – ja warum ausgerechnet hier? Warum nicht einfach irgendwo anders?
Ich schloss die Augen, zog den Schlüssel wieder ab und machte die quietschende Gartentür langsam hinter mir zu.
Es ist nicht wichtig, wer Frau S. war. Es ist nur wichtig, wie ich mich an sie erinnern möchte.
An ihren Garten voller Blumen und Erdbeeren und an Ewigkeiten, gefüllt mit hellen Tagen aus reinem Sonnenschein.
Manchmal begreifen wir die Zeit wohl erst, wenn wir vor ihr stehen.







