06.05.2013 - 23:40 Uhr

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Der WG-Kühlschrank. Oder: Warum ich linksliberal bin

Text: VinzenzFedor

Es gibt Kühlschränke – in Single-Haushalten und Familien. Und es gibt WG-Kühlschränke. Und die in 6er-WGs. Ich wohne gerade in so einer WG zur Zwischenmiete, die glücklicherweise im Besitz zweier dieser Wunderdinger ist.

Wunder der Technik, aber auch der Natur. Das Öffnen des kühlenden Kästchens, in dem ich mein Fach habe, kommt einem gewaltsamen Eindringen in ein Biotop gleich –immer wieder ein vielsinniges Erlebnis, wenn der Inhalt mit aller Penetranz in Nase wie mit Farbgewalt ins Augen sticht und an den Fingern kleben bleibt.

Nachdem mich ein paar Joghurts beinahe gebissen hätten, reichte es: Das Ding musste ausgemistet werden. Aber wie sollte ich das WG- und damit sozialverträglich bewerkstelligen? Die großen politischen Ideologien zeigten mir unterschiedliche Wege aus der Bredouille…

Anarchismus – Schimmel-Joghurt gegen das System

Das anarchistische Denkmuster gibt keine eindeutigen Regeln für den Umgang mit meiner Situation vor – wie auch, Regeln sind ja was für System-Menschen. Folgt man jedoch der Logik des anarchistischen Egozentrismus, gelangt man schnell zu folgender Hypothese: Ein Anarchist würde ein Ding im Kühlschrank, wenn er sich von ihm gestört fühlen würde, beseitigen – unabhängig davon, wem es gehört und ob es noch genießbar ist oder für Durchfall sorgen könnte.

Der Kühlschrank wäre im Anarchismus folglich leerer, aber nicht unbedingt ausgemistet. Außerdem  könnte es dort, wo die Wahl der zu entsorgenden Lebensmittel willkürlich und unabhängig vom Verfallsdatum getroffen wird, Verwerfungen in der Wohngemeinschaft nach sich ziehen. Diesen Nachteil gleicht der Anarchist durch Nachhaltigkeit aus: Welch Verschwendung, einen verschimmelten Joghurtbecher in den Abfalleimer statt auf der nächsten Demo gegen das System zu werfen.

Libertarismus – Freiheit für Pilzhochkulturen

Die Do-what-the-fuck-I-want-Mentalität gibt es auch bei den Libertären. Im Unterschied zu den Anarchisten verabscheuen sie jedoch nicht das Eigentum, sondern heben es auf den Altar, an dem sie ihre Ideologie feiern. Was bedeutet das für den Kühlschrank?

Eine libertäre Kühlschrankreinigung würde sich auf genau einen Teil beschränken: das eigene Fach. Schließlich ist der Besitz der anderen exakt so heilig wie der eigene. Und man möchte den Mitbewohner ja nicht die Freiheit nehmen, auch etwas Abgelaufenes zu sich zu nehmen. Der Mensch und WG-Bewohner soll selbst entscheiden, was gut für ihn ist und was nicht.


Ein Libertärer wird daher unfreiwillig zum Naturfreund. Denn außerhalb seines Faches können sich wahre Pilz-Hochkulturen entfalten, ohne dass er regelnd eingreifen wollte.


Liberalismus – Die Grenzen des Verfalls
Die Liberalen sind im Vergleich zu den Libertären dann doch Rudeltiere. Klar: Das Privateigentum ist auch Kern ihrer Denke von Freiheit. Aber es gibt auch andere Freiheiten, mit denen die Freiheit oder das Recht auf Privateigentum kollidieren kann. Im WG-Kühlschrank kommt es genau zu diesem Zusammenstoß.


Wenn nämlich Lebensmittel Schimmelpilze ansetzen, deren Sporen sich ungehindert im gesamten Kühlschrank verteilen, wenn der Kuchen vom Vormonat ins nächste Fach nach unten sifft, dann, ja dann hat die Freiheit ihre Grenze gefunden. Schließlich hört sie dort auf, wo sie die der anderen einschränkt.


Ein liberal ausgemisteter Kühlschrank würde noch verdorbenes Essen enthalten – aber nur solches, das fest verschlossen ist und somit nicht die Freiheit der anderen beschneidet – in diesem Fall die Freiheit der Mitbewohner über Lebensmittel zu verfügen, die nach dem riechen, wonach sie riechen sollten.


Konservativismus – Der Schimmel als Erinnerungsort
„Keine Experimente“ hieß es unter Adenauer. Wäre damals ein Kühlschrank in einer WG (Gott bewahre!) ausgemistet worden, wären die meisten Lebensmittel mindestens eine Woche vor dem Mindesthaltbarkeitsdatum in den Müll gewandert. Sicher ist nun mal sicher.


In Zeiten wie heute allerdings, in denen nicht nur Lebensmittel sondern auch Werte rapide verfallen, muss sich der Konservative der Wortherkunft seiner Ideologie erinnern: konservieren. Bewahren um weiterzugeben.


Da die gute alte Zeit in Denkmälern geronnen ist, muss man diese erhalten. Und Lebensmittel sind dies doch auch – und noch mehr. Mahnmäler für eine Ära, in der es keine Dickmanns, sondern Mohrenköpfe auf Kindergeburtstagen gab, Twix noch Raider hieß und man wusste, dass sich sonst nichts ändern würde.


Deshalb würde ein WG-Bewohner, wohl der ungetaufte oder schwule, sein Zimmer räumen müssen, um dort Platz zu schaffen – für einen Erinnerungsort. Die vergammelten Lebensmittel werden – natürlich eingeschweißt – dort museal aufgebahrt, um auch künftige WG-Generationen daran zu erinnern, was man in Deutschland anno dazumal gespeist hatte.


Sozialismus – Reinigung im Namen des Gemeinwillens
Es muss der Wille des Kollektivs, welches sich in einer Wohnung genossenschaftlich auf ein gemeinsames Leben verständigt, sein, dass der Kühlschrank sauber ist.


In Gewissheit, diese Volonté Général auszuführen, würde der Genosse, der den Kühlschrank putzt, zum Wohle aller die abgelaufenen Lebensmittel entfernen. Auch das Essen, dessen biologische Uhr schon aufdringlich laut tickt, müsste verschwinden – schließlich wird es der Wohngenosse ja eh nicht mehr essen, bevor es laufen lernt und damit zahlreiche „Jagdgründe“ liefert.


Zudem wird der ganze Kühlschrank geputzt, geölt und alle Fächer platzoptimiert eingeräumt – damit es die Mitbewohner dann auch besser haben.


Linksliberalismus – Zwischen Gemeinwohl, Schimmel und Freiheit
Ich habe alle Lebensmittel, die augenscheinlich und nasenmerklich ihr zweites Leben angetreten haben, weggeworfen. Aber nicht nur die offenen Sporenschleudern und Pilzherde, sondern auch die geschlossenen Gläser mit weißer Marmelade und Milchtüten mit steifem Inhalt. Ich habe mein Werk auf die allgemeinen Orte (also die Fächer in der Türe) und die Fächer konzentriert, die von mehreren Bewohnern genutzt werden.


Ich habe indes nur mein Fach geputzt und arrangiert. Der Rest des Kühlschranks ist genau so chaotisch wie zuvor – nur eben ist es ein genießbares Chaos. Ich räumte also die vergammelten Sachen weg in einem Bewusstsein, dass ich dies für das Wohl aller tat.


Ich habe die Grenzen des Liberalismus dort überschritten, wo ich Vergammeltes entfernte, das verschlossen war und nicht mir gehörte.  Ich habe sie überschritten um des Gemeinwohles willen: Jetzt gibt es mehr Platz im Kühlschrank – vor allem in den überladenen Fächern. Ich habe aber Lebensmittel, die in den nächsten Tagen ablaufen an Ort und Stelle belassen und die Aufteilung und Struktur im Kühlschrank nicht verändert (obwohl dies nötig wäre).


Ich bin also jemand, der möglichst viel Freiraum und Freiheit lässt und diese im äußersten Notfall zu beschneiden bereit ist: wenn davon auszugehen ist, dass das Gemeinwohl anders nicht zustande kommen kann. Ich bin linksliberal.


...........

Da gibt es nur eine Ungereimtheit: Diese kleine, französische Bierflasche mit dem drolligen Etikett hab ich dann doch im Kühlschrank belassen – obwohl ich sie vor einem halben Jahr nicht für fünf Euro getrunken hätte… Bin ich nun doch konservativ?



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3 Kommentare
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Merete
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Mag ich Mag ich nicht

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07.05.2013 - 09:14 Uhr
Merete

unser wg kühlschrank war das modell "real existierender sozialismus". fast immer leer bis auf marmeladen und sauren gurken und alkohol. geputzt wurde gemeinschaftlich mit anschließendem küchenfest.

thingamajig
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Mag ich Mag ich nicht

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16.05.2013 - 19:14 Uhr
thingamajig

oh oh oh, das ist schon immer komisch, dass jeder besonders betonen muss, dass er links(liberal) ist ;)

VinzenzFedor
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Mag ich Mag ich nicht

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17.05.2013 - 10:12 Uhr
VinzenzFedor

thingamajig sagte:
oh oh oh, das ist schon immer komisch, dass jeder besonders betonen muss, dass er links(liberal) ist ;)


Hast schon Recht - auf eine gewisse Weise. Die meisten werden ja schief angeschaut, wenn sie sagen, dass sie liberal sind.

Ich hatte auch überlegt, einfach den Text für sich sprechen zu lassen - aber dann wäre drunter gestanden: "Und, was bin ich? Kommt schon!"

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VinzenzFedor

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