20.03.2013 - 11:44 Uhr

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20.03.2013

Text: pitz

Wenn ich jetzt nicht weiterschreibe, bin ich verloren! Więc:

Maklerin

Gewandet in anthrazitgrau, mittelgraues, filigranes Tuch, darüber ein schwarzer Mantel, die Fingernägel und Lippen sorgfältigst dunkelrot. Ihre Haut ist kräftig braun, eine Mischung aus Veranlagung und Puder. Sie begrüßt uns per Handschlag, schön, dass es noch geklappt hat bei ihnen, das kleinere Kind prescht vor, kräht fröhlich seinen Namen und die Maklerin behandelt es ganz gelassen wie einen Erwachsenen. Sie lächelt nicht. Schüttelt auch dem größeren Kind die Hand, fragt nach seinem Namen. Nach der ungewöhnlich langen Begrüßung gehen wir in die Wohnung. Vor dem Umwenden zum Haus sucht sie mit den Augen die Straße ab. Souveräne Wohnungsbesichtigung, für uns sofort deutlich: herrliches Haus, die Wohnung aber leider zu dunkel und zu blöd geschnitten. Die Maklerin hat sichtbar noch mehr Gedanken im Kopf als die Aufgabe, die sie eben erfüllt. Das kleinere Kind stürzt begeistert durch die leere Wohnung, ruft dann empört, wo hier eigentlich die Bücher seien. Mit jedem wechselt sie Worte, ernst, korrekt, aufmerksam und etwas abwesend.

Wind

An der Elbe zieht es unglaublich. Der Wind ist schneidend und ich friere erbärmlich. Wir sind gekommen, damit die Kinder Steine ins Wasser werfen können, was sie mit großer Geduld und Ausdauer tun, während ich immer an Christoph Schlingensief und sein Wolfgangsee-Experiment denken muss. Mein Körpergefühl wird immer mieser, es ist ein einziges Schneiden und Stechen, und mit Müh und Not zerren wir die begeistert steinchenwerfenden Kinder wieder in die Stadt hinauf. Abends kriegt mich der Frost.

Schere

Das größere Kind kommt an und sagt ruhig, das kleinere habe ihm am Auge mit der Schere wehgetan. Es ist nichts zu sehen, kurze Erleichterung, dann steigt in mir eine biblische Staubsäule auf, die sich mit Stärke ins Kinderzimmer bewegt und dem kleinen die halbgeöffnete Schere aus der Hand windet. Es ist eine Mischung aus großer Angst und Scham, Erleichterung und Erbostheit, die sich in mir groß macht. Ich kniee nieder, schimpfe nicht, schreie auch nicht, sage aber überlaut und überdeutlich, dass das nie wieder passieren darf, nie wieder darf das passieren, wiederhole ich sicherheitshalber, mein Sicherheitsbedürfnis bricht sich Bahn. Meine Stimme ist so groß in diesem Moment wie ganz selten nur. Das Kind bricht sofort heftig und verzweifelt in Tränen aus, es tue ihm leid, es habe sein Geschwist so überaus lieb, auf der ganzen Welt und bis zum Mond, und es wolle so etwas nie wieder tun. Die Bestürzung des Kindes fasst mich sehr an. An diesem Abend haben wir drei besonders viel miteinander zu tun.

Geburtstag

Alles, was zu tun ist, kracht auf mich ein und ich komme nur langsam durch den Wust der Agendapunkte. Es tut mir, wie jedes Jahr, etwas leid, dass ich schon ein wenig geburtstagsmüde bin, und gleichzeitig gebe ich mir besonders viel Mühe, alles schön und liebevoll vorzubereiten, denn das kleinere Kind soll genauso schön und glänzend feiern können wie das größere. Der Moment, wie es das riesige, martialische Schleichtier auspackt, an dem wir nicht vorbeigehen konnten: erst versteht es nicht, was das sein soll, dann verfangen sich seine Augen darin, es bewegt das Tier, findet immer schneller Gefallen daran, zuletzt in sich überschlagender Geschwindigkeit. Die Locken sind jetzt nachgewachsen und stehen wieder heldenhaft nach oben, die großen, hellen Augen tasten ein ums andere Mal stolz den Geschenketisch ab. Den ganzen Tag über bekommt das Kind keinen normalen Schritt hin, es flattert und mir bleibt völlig unklar, wieso es nur auf Bodenhöhe fliegt. - Die Freude der Kinder ist sehr deutlich: das größere ist ruhig und konzentriert geworden, es beginnt, sich in Inhalten zu verstricken, ist fasziniert, besonders von Bildern, verliert aber nie die Distanz, nutzt vielmehr den Abstand zu den Dingen, um sie sehen zu können, zu objektivieren, zu vereinnahmen. Wie ein urzeitlicher Mammutjäger, auf den die Kraft des erlegten Tieres übergeht, verleibt es sich Gedanken, Geschichten und Bilder ein, um das eigene Ich stärker zu machen. Das kleinere hingegen wird komplett absorbiert, es ist das Lachen, das Fuchteln, das Strahlen, es ist das gesamte Rittertum auf einmal und es ist das personifizierte zärtlichste Schmusen. Es bekommt wie gewünscht eine zarte, weiche Kuscheleule geschenkt, die es schwärmerisch sein "Schnuppelschnäuzchen" nennt.



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6 Kommentare
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nany
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Mag ich Mag ich nicht

3

20.03.2013 - 11:49 Uhr
nany

Schon alleine wegen der Frage nach den Büchern gehört das kleine Kind geherzt. Ich wünsche den Zwergen alles Gute nachträglich.

queen_without_a_country
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Mag ich Mag ich nicht

0

20.03.2013 - 12:07 Uhr
queen_without_a_country

*winkt den Geburtstagskindern*

chrinamu
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Mag ich Mag ich nicht

3

20.03.2013 - 13:50 Uhr
chrinamu

Der letzte Absatz mit den Gedanken und Charakteranalysen ist großes Kino. So schön beobachtet, fast hätte ich "weise" gesagt.

Trilobitin
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Mag ich Mag ich nicht

3

20.03.2013 - 14:41 Uhr
Trilobitin

wir brauchen alle mehr empörung bei zu wenig büchern.

sinaasappel
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Mag ich Mag ich nicht

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20.03.2013 - 22:06 Uhr
sinaasappel

Wunderbar!

frauP
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Mag ich Mag ich nicht

0

21.03.2013 - 09:46 Uhr
frauP

Trilobitin sagte:
wir brauchen alle mehr empörung bei zu wenig büchern.

oh, wie toll! ebenso der text.

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