Ein bisschen Harvard-Luft
Gerade wird viel über Uni-Vorlesungen im Internet diskutiert. In unserem Fünf-Filme-Spezial zeigen wir die YouTube-Vorlesungen, die wir gut finden.
In der vergangenen Woche kündigte die Freie Universität Berlin an, exklusiv iTunes U als Plattform für digitale Lerninhalte zu nutzen. Es dauerte nicht lange, bis Kritik an diesem Plan laut wurde. Inzwischen korrigierte das Präsidium der Universität, dass die Plattform nur als erste „international bekannte“ genutzt werden soll. Auch darüber hinaus wird gerade viel über Online-Lehrveranstaltungen, kurz MOOC (für „Massive Open Online Course“) diskutiert. „Uni für alle“ titelte die „Zeit“ in dieser Woche und lobte in einem Dossier die Möglichkeiten, die das Hochschulbildungsfernsehen bietet. Noch ist das Ganze etwas unübersichtlich. Es gibt zwar Portale wie Udacity, mit denen man die Clips leichter finden soll, doch meistens kommt man nur auf die spannenden Harvard- und Stanford-Vorlesungen, wenn einem zufällig jemand davon erzählt. Wie wir an dieser Stelle:Der Zum-Nachdenken-Bringer
Michael J. Sandels Vorlesung über Gerechtigkeit ist analog schon legendär. Jedes Jahr kämpfen die neuen Harvard-Studenten um die 1.117 Plätze im Sanders Theatre, einem großen Auditorium auf dem Campus. Auf Facebook hat die Vorlesungsreihe fast 21.000 Fans, jede einzelne ist inzwischen online – und das auf einer eigenen Website, in China sogar mit Untertiteln, die Freiwillige angefertigt haben. Warum dieser Hype?, fragt man sich da natürlich. Die Antwort weiß man in den ersten 20 Sekunden, die Michael Sandel auf der Bühne steht. Er fragt seine Studenten, was sie in dieser Situation tun würden: Man steuert eine Straßenbahn und sieht, dass fünf Arbeiter auf dem Gleis stehen. Wenn man sie umfährt, sterben alle fünf. Man kann nicht anhalten, weil die Bremsen defekt sind, man könnte nur auf ein anderes Gleis wechseln, auf dem ein Arbeiter steht. Michael Sandel fragt seine Studenten, was sie tun würden: ob sie die fünf töten oder die Spur wechseln und nur einen töten würden. Er lässt sie per Fingerzeig antworten und ihre Entscheidung begründen. Er selbst liefert keine Antworten, aber die richtigen Fragen. Keiner in dem großen Saal schwätzt, und wenn man vor dem dem Computerbildschirm sitzt, traut man sich auch nichts mehr zu sagen. Man denkt höchstens: So einen Professor hätte ich auch gern gehabt! Die „Zeit“ nannte ihn mal den „Star der Gerechtigkeit“. Das kann man schon so stehen lassen.
Lebenshilfe: Was macht glücklich?
Noch eine Vorlesung von einer Ivy-League-Uni. Der Psychologie-Professor Paul Bloom von der Yale University beschäftigt sich mit der Frage nach dem guten Leben: Was macht Menschen glücklich? Was ist Glück überhaupt? In knapp 50 Minuten erklärt er, welche Faktoren Menschen langfristig glücklich machen, warum wir trotz besserer Lebensumstände nicht glücklicher sind als unsere Eltern oder Großeltern und dass die viel gescholtene Schönheitschirurgie langfristig glücklicher macht als ein Nobelpreis oder ein Lottogewinn. Außerdem präsentiert er die ultimative Strategie für Gehaltsverhandlungen um glücklich zu sein – die, zugegeben, aber auch dazu führen könnte, dass man den Job gar nicht erst bekommt. Für den Fall, dass man gerade ziemlich bedröppelt ist, hat Professor Bloom auch noch eine tröstliche Erkenntnis: Therapie hilft.
Freiwillig Mathe
In der Schule war die Wahrscheinlichkeitsrechnung immer das, was auch den mathematisch Unbegabten irgendwie Spaß gemacht hat. Wenn man sich das dazugehörige Video des Mathematik-Professors Jörn Loviscach ansieht, weiß man auch gleich wieder, warum. „Jemand hat zwei Kinder, eines davon ist ein Mädchen, das an einem Montag geboren ist. Über das andere Kind ist nichts bekannt. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass beides Mädchen sind?“, fragt er im Verlauf seiner Vorlesung an der Fachhochschule Bielefeld. Und sofort möchte man mitgrübeln. Mehr als 2.000 Vorlesungshäppchen hat Jörn Loviscach auf YouTube gestellt, insgesamt sind sie mehr als neun Millionen Mal angeklickt worden. Warum sich so viele freiwillig Mathe reinziehen? Jörn Loviscachs erklärt wie früher Peter Lustig in „Löwenzahn“. Er ist so gar nicht wie der Mathelehrer, den die meisten in Erinnerung haben. Er lässt auch andere Lösungswege zu und liebt es, sich nette Beispiele einfallen zu lassen. Außerdem teilt er in den Vorlesungen auch seine Lebensweisheiten mit den Studenten: „Menschen sind sehr schlecht darin, Wahrscheinlichkeiten abzuschätzen“, sagt er. Und: „Malen Sie es auf, es geht sonst schief!“ So lernt man Jörn Loviscach kennen, obwohl man ihn in den Videos gar nicht sieht.
Comic-Helden statt schiefer Ebenen
Wie schafft es Kitty Pryde in den X-Man Comics, durch die Wand zu laufen? Welche Kräfte sind dafür nötig? Diese Fragen stellte sich auch James Kakalios, Professor der „School of Physics and Astronomy“ an der University of Minnesota. Er erklärt physikalische Zusammenhänge anhand von Sciencefiction- und Comicbüchern aus den Fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Die Frage, ob man physikalische Formeln auch mal im echten Leben gebrauchen kann, haben sich die Studenten von Kakalios schon sehr oft gestellt, interessanterweise aber nicht mehr, seitdem er Physik mit Superhelden verbindet. Die sind ja bekanntlich besonders nah an diesem echten Leben. In der Vorlesung von Kakalios wird fast pausenlos gelacht. Wahrscheinlich auch über die, nun ja, sehenswerte Krawatte des Amerikaners.
Die letzte Vorlesung: Kindheitsträume
Die letzte Vorlesung von Randy Pausch ist auch unsere letzte in diesem kleinen Best-of. Pausch war Informatikprofessor. In seiner Vorlesung geht es allerdings nicht um Nullen, Einsen und Computer. Pausch hatte Bauchspeicheldrüsenkrebs und nachdem ihm seine Ärzte mitgeteilt hatten, dass er nur noch wenige Monate zu leben habe, hielt er diese Vorlesung. Er erzählt von seinen Kindheitsträumen – unter anderem: Captain Kirk sein, Stofftiere gewinnen und Schwerelosigkeit erleben –, wie man Träume erreichen kann und andere bei ihren unterstützen. Trotz der traurigen Ausgangssituation dieser Vorlesung wird sehr viel gelacht. Wer bei dieser Vorlesung nicht ganz doll gerührt ist, in dessen Brust befindet sich wohl kein Herz, sondern ein Stein.
On top: ein Produktivitätstipp aus Oerlinghausen
Für alle, die sich nun inspiriert fühlen, eines Tages auch ein berühmter Professor zu werden, der großartige Vorlesungen hält, haben wir nun noch einen kleinen Produktivitätstipp, schließlich muss man als angehender Professor verdammt viel lesen. Niklas Luhmann, der vielleicht bekannteste deutsche Soziologe der jüngeren Vergangenheit, erklärt: den Zettelkasten.
- Ein Dreier mit dem Paperman 22.03.2013
- Sexy Zombies mit Keksmaschine 27.02.2013
- Fünf Filme: 3D-Stifte und Teenager-Zimmer 21.02.2013
- Ein trauriger Fernsehkoch und eine Papst-Prophezeiung 12.02.2013
- Fünf Filme: Herzensangelegenheiten und Pendler-Romantik 06.02.2013
Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem donnerstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!
und es bestätigt mal wieder meine vorurteile gegen amerikanische unis.
solche philosophie-grundlagen hatte ich in der elften klasse.
Trotz vieler Unzulänglichkeiten der USA- von der Art, Vorlesungen zu halten, könnten deutsche Professoren viel lernen. Allerdings gehört Rhetorik hier oft zur allgemeinen Schulbildung (die ansonsten viel zu wünschen übrig lässt).
https://www.coursera.org/courses
Find ich super, ich muss mich nicht in eine Uni quälen, ich muss keinen Studienplatz ergattern un mich mit anderen Formalitäten rumschlagen, mich nicht mit Leuten im Studentenalter anfreunden, wenn ich schon fast deren Mutter sein könnte, die Professoren sind ausgezeichnet, und man kann sich den Kurs sogar an einer richtigen Uni anrechnen lassen, wenn man es braucht.
Das beste: Ich habe endlich meine Mathe-Phobie überwunden. Ich hätte mich nie in eine richtige Uni getraut, wo jeder anhand meiner dämlichen Fragen sofort weiß, was für eine Null ich bin.
18.03.2013 - 18:39 Uhr
vammy
vammy sagte:
mich nicht mit Leuten im Studentenalter anfreunden, wenn ich schon fast deren Mutter sein könnte
Ich korrigiere: "mich nicht mit Leuten im Studentenalter anfreunden, wenn ich schon deren Mutter sein könnte"
Die Zeit fliegt.
vammy sagte:
.... Ich hätte mich nie in eine richtige Uni getraut, wo jeder anhand meiner dämlichen Fragen sofort weiß, was für eine Null ich bin.
Keine Sorge, die meisten Studenten trauen sich nur nicht, ihre dummen Fragen zu stellen. Und in Anfängervorlesungen sind spätestens in der dritten Woche alle gleich doof, weil dann spätestens der Abiturstoff aufgebraucht ist.









0
15.03.2013 - 22:59 Uhr
afrirali