"In der Natur aufzuwachsen halte ich für überschätzt."
Frank Spilker, viel gefeierter Frontmann der "Sterne", hat ein Buch geschrieben. Es ist ein Roman über eine Reise in die eigene Vergangenheit auf dem Land.
Ein Gespräch über Treckerunfälle, Styling-Regeln auf dem Dorf und das schöne Gefühl, ab und zu in die Provinz zurückzukehren.
Frank Spilker: Nicht dieser Unzufriedenheit, sondern einer anderen. Mit den Sternen sind wir in eine ästhetische Sackgasse geraten, aus der wir uns irgendwie herausmanövrieren mussten. Unzufriedenheit ist ja häufig der Antrieb, neue kreative Wege einzuschlagen. Und beim Schreiben des Romans habe ich es durchaus genossen, mal in eine andere Richtung zu denken. Ab einem bestimmten Lebensalter braucht man vielleicht auch andere künstlerische Ausdrucksformen.
Wann hat sich herauskristallisiert, dass du ein Buch schreiben wirst?
Ich wurde seit Jahren immer wieder angestupst, einmal etwas in Buchform zu veröffentlichen – und sei es ein Lyrikband oder die Sterne-Texte. Nach der letzten Platte hatte ich dann die nötige Zeit und habe mich entschieden, das zu machen.
War es befreiend, autark zu arbeiten und keine Kompromisse mit der Band eingehen zu müssen?
Ich empfinde das Bandgefüge nicht als Belastung, sonst gäbe es uns wohl nicht schon so lange. Aber diese Alleinarbeit hat eine neue Form der Inspiration zugelassen. Obwohl ich glaube, die Möglichkeiten, die so ein Roman bietet, mit meinem Buch noch nicht mal ansatzweise ausgeschöpft zu haben.

Im Buch geht es um Thomas Troppelmann aus Hamburg, der selbständig im Kreativ-Bereich arbeitet, in einer Krise steckt und sie durch eine Reise in seine provinzielle Vergangenheit meistern will. Wie viel Selbstreferenz steckt da drin?
Ich habe natürlich eigene Geschichten zum Vorbild genommen und Anschauungen verarbeitet, die ich kenne; weil ich glaube, dass das viele Leute nachvollziehen können. Ich habe versucht, ein Porträt der Zeit und Geisteshaltung aus den Konflikten zu weben, mit denen Menschen meiner Generation tagtäglich konfrontiert werden.
Du schreibst, es sei schön, wenn die Vergangenheit einen Platz habe, an den man zurückkehren kann. Ich nehme an, du denkst da an dein Elternhaus.
Ja, genau. Es freut mich sehr, dass meine Eltern erstens noch leben und es zweitens noch diesen Ort gibt. Viele haben das ja gar nicht mehr. Aber vielleicht macht es auch gar keinen so großen Unterschied, weil man ja eh nicht in die Vergangenheit zurückreisen kann. Die Leute von damals sind heute ja nicht mehr dieselben.
In einem Interview hast du mal gesagt, du seist auf der Suche nach einem Weg, die Sprachlosigkeit zu überwinden. Das bezog sich auf Musik. Hattest du diesen Drang auch als Buchautor?
Ich fand es jedenfalls spannend zu sehen, dass durch das Wegfallen des musikalischen Korsetts plötzlich Platz geschaffen wird für vollkommen andere Inhalte. Durch meine eigenen Kinder, die mittlerweile 15 und 17 Jahre alt sind, bin ich darauf gekommen, ein paar Dinge aufzuschreiben, die auch ich damals durchmachen musste.
Zum Beispiel?
Die Anwerbungsversuche irgendwelcher christlichen Gruppen, von denen auch meine Kinder gerade betroffen sind – obwohl wir uns bewusst dazu entschieden haben, sie nicht zu irgendwelchen Konfirmationsveranstaltungen zu schicken, die letztlich nur auf eine geistige Uniformierung abzielen und die Leute am Denken hindern sollen. Die Schule ist da bereits schlimm genug.
Kommt denn Kritik aus deiner Heimat, was die Abkehr von solchen christlichen Ritualen angeht?
Das bleibt abzuwarten. Aber was ich im Buch versucht habe darzustellen, ist diese bodenlose Kritiklosigkeit. Die Kirche als Institution wird einfach nicht in Frage gestellt – das sind die Überbleibsel der Standesgesellschaft. In der Kirche wird das Gute verortet ohne hinterfragt werden zu dürfen, und das halte ich für falsch. Gerade die Gegend, aus der ich komme, Ostwestfalen, ist da recht heftig.
Vergleichst du deine eigene Kindheit in der Kleinstadt mit der deiner Kinder in der Großstadt?
Natürlich, das passiert automatisch, obwohl sich das Leben auf dem Land seit meiner Kindheit sehr verändert hat. Ich halte das soziale Umfeld aber eh für viel prägender als die Frage, ob man in der Stadt oder auf dem Land groß wird. Außerdem glaube ich nicht an Erziehung. Die Entwicklung von Kindern beruht vorwiegend auf Nachahmung und nicht darauf, was man ihnen erzählt. Was außerdem von vielen Eltern total überschätzt wird, ist das sogenannte Aufwachsen in der Natur.
Wie meinst du das?
Es gibt viele Eltern, die deshalb aufs Land ziehen, weil sie möchten, dass ihre Kinder einen Bezug zur Natur bekommen. Das Landleben wird idealisiert. Aber die Großfamilie gibt es schon lange nicht mehr, landwirtschaftliche Betriebe sind vorwiegend industrialisiert, und man darf auch nicht vergessen, dass es in ländlichen Umgebungen viele Todesfälle gibt, weil Kinder in Silos fallen oder vom Trecker überfahren werden. Ein Bauernhof ist eben kein Spielplatz.
An einer Stelle des Buches schreibst du: „Es gib einen klar definierten Rahmen, innerhalb dessen man durch Kleidung und Styling auf sich aufmerksam machen darf. Je kleiner die Stadt, desto geringer der Spielraum.“ Wann ist dir das zum ersten Mal bewusst geworden?
Als ich in die Großstadt gezogen bin. Genauer gesagt: Als ich dann zum ersten Mal wieder zurück in die Heimat kam. Über die enge soziale Kontrolle im Dorf ergeben sich eigene Regeln, welche Kleidung man zu tragen hat und ab wann man als Exzentriker gilt. In Hamburg oder Berlin muss man viel mehr tun um aufzufallen.
Hast du den Eindruck, dass sich das mit dem Internet verändert hat?
Sicherlich ist das mittlerweile ein bisschen aufgeweicht, aber die soziale Kontrolle gibt es in ländlichen Gegenden immer noch stärker als in der Großstadt. Wer ausschert, hält sich für etwas Besseres, und das wird sozial geahndet. Aber es kommt natürlich auch darauf an, wie sehr man sich dieser Gruppe zugehörig fühlt und demzufolge überhaupt etwas zu verlieren hat.
Kann es sein, dass dein Roman eine versteckte Abrechnung mit der Kleinstadtmentalität ist?
Ein bisschen vielleicht. Wobei: Schlimmer als die Kleinstadt selbst finde ich es, wenn die Leute ihre innere Kleinstadt in die Großstadt mitbringen. Die Leute auf dem Land können ja letztlich nichts für ihre provinzielle Denke. Der Reflex der Abneigung gegenüber alles Modernem ist ja quasi ein Naturgesetz.
Hast du je überlegt, zurück aufs Land zu ziehen? Als zum Beispiel deine Kinder unterwegs waren?
Ja, den Gedanken hatten wir tatsächlich. Aber nur deshalb, weil wir gemerkt haben, wie schwierig es ist, in der Stadt als junge Familie mit geringem Einkommen eine bezahlbare Wohnung zu finden. Ich bin aber sehr froh, dass wir das nicht gemacht und gemerkt haben, dass die Phase, in denen die Kinder mit den Gefahren der Großstadt überfordert sind, nur sehr kurz ist. Ich sehe eigentlich nur Vorteile in der Stadt.

„Es interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen“ von Frank Spilker erscheint am 14. März bei Hoffmann und Campe.
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man darf auch nicht vergessen, dass es in ländlichen Umgebungen viele Todesfälle gibt, weil Kinder in Silos fallen oder vom Trecker überfahren werden.
uh ja.
ich bin auch auf dem land aufgewachsen:
jeden monat gab's 'ne beerdigung. war richtig grauslich...
gartenfrau sagte:
man darf auch nicht vergessen, dass es in ländlichen Umgebungen viele Todesfälle gibt, weil Kinder in Silos fallen oder vom Trecker überfahren werden.
uh ja.
ich bin auch auf dem land aufgewachsen:
jeden monat gab's 'ne beerdigung. war richtig grauslich...
moderne landwirtschaft hat ja auch nicht mehr viel mit "in der natur aufwachsen" zu tun. letzteres halte ich fuer absolut nicht ueberschaetzt.
ein_oxymoron sagte:
letzteres halte ich fuer absolut nicht ueberschaetzt.
nur daß es dafür absolut keine zahlen gibt...
ich bin auch n landkind und ich finde nicht, dass es hier oft beerdigungen gibt. außerdem heißt auffem land leben ja nicht gleich bauernhof.
(ja gut, kommt jetzt drauf an was ER mit auf dem land leben meint) , aber so an sich finde ich ist die stadt für einen ungefestigten, einen jungen menschen schon gefährlicher. beispiel: ich komm aus nem 3000 einwohner dorf und da war das für mich in der grundschulzeit echt n unding zu rauchen, später hat mir ne freundin auf dem gymnasium erzählt, dass in ihrer 8000 einwohner großdorf/kleinstadt schon die erstklässler geraucht haben. ist jetzt natürlich nur ein einziges beispiel, aber ich glaube schon, dass die chance abzudriften mit der einwohnerzahl zu nimmt, was jetzt mal drogen und so einen kram angeht ist man hier echt behütet, also ich wüsste jetzt nciht wo ich hier koks auftreiben sollte und inner stadt wie hamburg oder berlin bräucht ich nur zum den bahnhof zu gehen. oder auch vergewaltigungen. ich kann hier abends quasi durchen wald joggen und es passiert nix (wobei das auch nciht unbedingt das empfehlenswerteste auf der welt ist), aber in der stadt muss man als mädel da abends schon ein bisschen auf der hut sein. ich meine damit: durch die begrenztheit auf dem dorf entstehen einfach ein paar schadenbringende möglichkeiten weniger.
ich selbst habe mir immer gewünscht in der stadt aufzuwachsen, aber ich glaube nicht, dass das auch wirklich für jeden zwangsläufig besonders gut ist...
und diesen erziehungskram finde ich auch blanken unsinn:
wenn man ein kind erzieht, dann nimmt das ja bis es in die pubertät kommt, den ganzen kram ungefiltert auf. wenn ich zu dem kind jetzt zb sage: türken nehmen uns die arbeit weg, dann glaubt das kind das erstmal. warum auch nciht?
in der pubertät lernt es dann spätzer zu reflektieren und sich abzunabeln, aber man legt doch einen erheblichen grundstein als eltern?! das kann sich doch nicht aussuchen, was es nachahmt.
dann hätte es ja keinen einfluss, ob mein kind einzelkind ist oder im kinderheim aufwächst, weil es sich ja selbst jederzeit komplett umkrempeln kann, wenn es will?!
da kann ein kind doch nciht erhaben drüber sein was für ideale und verhaltensformen ihm bis es 10, 11 ist beigebracht werden. also wirklich, das halte ich echt für ausgemachten schwachsinn!
er fremdelt vielleicht auch ein bisschen mit den städtern, die plötzlich magazine kaufen, wo so eine romantische vorstellung von landleben aufscheint.
Ich halte das soziale Umfeld aber eh für viel prägender als die Frage, ob man in der Stadt oder auf dem Land groß wird.
Hää !? Als jemand der beides hatte, München-Schwabing und niederbayerische Pampa, das ist ein großer Unterschied. Vor allem auch, weil das soziale Umfeld anders ist.
Digital_Data
Digital_Data sagte:
Ich halte das soziale Umfeld aber eh für viel prägender als die Frage, ob man in der Stadt oder auf dem Land groß wird.
Hää !? Als jemand der beides hatte, München-Schwabing und niederbayerische Pampa, das ist ein großer Unterschied. Vor allem auch, weil das soziale Umfeld anders ist.
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11.03.2013 - 19:48 Uhr
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