Mit jedem Klassenzimmer ein Stück älter.
Manchmal fallen einem die Seltsamkeiten der Schulzeit, der Studienzeit oder des Joblebens erst mit ein bisschen Abstand auf. Nadja Schlüter notiert sie.
In der fünften Klasse lernte ich im Keller. Denn der Gang, in dem die jüngsten Schüler meines Gymnasiums untergebracht waren, lag im untersten Stockwerk. Von der Eingangshalle führte eine Treppe hinunter, und dann konnte man geradeaus durch eine Tür zu den Toiletten gehen oder links abbiegen, ins Dunkle und zu den Fünfern. Die klumpten sich morgens vor der verschlossenen Feuerschutztüre, die in ihren Gang führte, bis der Hausmeister kam und sie aufschloss. Und sie machten brav Platz, wenn ältere Schüler auf dem Weg zum Klo vorbeikamen: die Sechser und Siebener aus dem ersten Stock, die Achter und Neuner aus dem zweiten, die Zehner aus dem dritten. Und die Oberstufenschüler aus dem Nebengebäude, dessen Betreten vor Erreichen der elften Klasse streng verboten war.
Auf dem Gymnasium konnte ich sehr gut beobachten, wie ich älter wurde. Weil ich jedes Jahr in einen neuen Raum zog, mindestens alle zwei Jahre in ein neues Stockwerk und am Ende sogar in ein anderes Gebäude. Gemeinsam mit Menschen in meinem Alter, die in Mathe neben mir stöhnten, die Umkleidekabine mit mir teilten und mir im Kunstunterricht den Farbkasten liehen, beobachtete ich, wie die Menge an Schülern im Gebäude, die jünger waren als wir, jedes Jahr wuchs. Die Menge derer, die älter waren, schrumpfte im Verhältnis dazu. Wir bewegten uns in einem Raum, der das Alter eines jeden darin abbildete, anhand der Gänge und Räume und Gebäudeteile. Wie Lettern in einem Setzkasten hatte jede Gruppe ihren Platz und ihren Status. Manchmal sogar eine Aura. Spätestens in der neunten Klasse fing man nämlich an, sich in Oberstufenschüler zu verlieben. Nicht nur, weil sie süß waren und manchmal sogar schon ein bisschen Bart hatten, sondern weil sie im Oberstufengebäude verschwanden, als gingen sie durch ein geheimes Portal in ein verborgenes Königreich. In Wirklichkeit lagen hinter dem Portal natürlich nur das Treppenhaus und Schließfächer mit stinkenden Turnschuhen drin. Hätte ich damals nicht dieses Bezugssystem aus Fünfern mit zu großen Rucksäcken, Neunern mit Akne und Dreizehnern mit Zigaretten gehabt, wäre mir das Größerwerden sicher weniger aufgefallen. Man schaut ja nicht dauernd an sich herunter und sagt: „Oha, wieder zwei Zentimeter mehr als im letzten Jahr!“ oder: „Ich seh viel reifer aus als in der Neunten!“ Aber wenn ich zu Beginn eines neuen Schuljahrs morgens zu den Toiletten ging, mitten durch diesen Klumpen aus Zehn- und Elfjährigen mit Schnupfnasen in Anoraks, dann war die durchschnittliche Höhe dieses Klumpens schon wieder etwas niedriger geworden und die Kulleraugen noch etwas kindlicher als im Vorjahr.
Heute stelle ich mir mein Schulgebäude manchmal im Querschnitt vor. Dann sehe ich auf den ersten Blick einen wilden Ameisenhaufen, auf den zweiten aber ein geordnetes System. Wenn man als Schüler da hindurchtransportiert wird, weiß man immer genau, wo man sich befindet, in welchem Verhältnis zu den anderen man steht und welchen Status man in diesem Gefüge hat. Am Ende wird man oben, zwanzig bis vierzig Zentimeter größer, ausgespuckt und landet in der Welt, die erst einmal überhaupt nicht mehr nach diesem Prinzip funktioniert. Sie ist ziemlich chaotisch, und es ist viel schwieriger als vorher, jemanden zu finden, der dir seinen Farbkasten leiht. Keiner sagt mehr: „Das ist dein Stockwerk, das ist dein Raum, und das sind deine Klassenkameraden“, und die Fünfer, die dir acht Jahre lang das Gefühl gegeben haben, überlegen zu sein, sind auf einmal auch nicht mehr da. Es gibt keinen Keller und keine Gänge mit Feuerschutztüren mehr. Dafür gibt es auf einmal sehr, sehr viel Unordnung und ebenso viele Möglichkeiten, tausendmal mehr als auf dem Schulhof. Und dann muss man halt einfach losgehen und einen neuen Platz finden.
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Bei uns war das unerreichbare Oberstufenkönigreich der Schulgarten (tatsächlich sehr schön) und der Raucherhof (tatsächlich sehr hässlich). Damals durfte man an Schulen noch rauchen!
Wie mir aber zu Ohren kam, ist aus Platzgründen mittlerweile der Schulgarten auch für die kleinen Pökse erlaubt. Skandal!
Sehr seltsam aber auch ein bisschen lustig ist es dann nach langer Zeit (bei mir 30 Jahre) für eine Stippvisite zurückzukehren. Das Pubertätsuniversum für 9 Jahre ist wohl beim Waschen eingelaufen, es fühlt sich verdammt winzig an - die Schüler sind so jung, dass es weh tut und wenn ich mir dann die Lehrer angucke, da fehlen mir die Worte. Ganz schön lange her ...
Und @octopussy , ja, wir hatten auch nur zwei Toilettenräume für alle Schüler. Bei dem Zustand, in den heimlich rauchende Mittelstufler, raufende Unterstufler und Edding-Künstler aller Art, die es mit dem Zielen aber nicht so genau nahmen, sie versetzten, kann ich aber die Investitionsscheue auch irgendwo nachvollziehen.
In der 7. sagte mal ein Mitschüler zu mir: "Wir merken ja irgendwie gar nicht, dass wir wachsen!" Es ist auch immer wieder ein "Schockeffekt", den man nur bemerkt, wenn gerade die neuen Sextaner eingeschult wurden.
Nach der Schule habe ich es vor allen Dingen im Freundeskreis bemerkt, dass sich Altersstrukturen auflösen. Früher war man meist ja nur mit Leuten in der eigenen Stufe, vielleicht +-2 Klassen darunter oder darüber befreundet - und das ja auch zum Großteil durch Turteleien. :-)
Mittlerweile freundet man sich ja durchaus auch mit Leuten an, die 10-20-30 Jahre älter sind als man selbst, wenn sie gleiche Interessen haben; die "Hürde" ist dann mehr der berufliche Status als die Klasse.
Was ich ziemlich vermisse, ist die meisten seiner Freunde jeden Tag schon am Anfang zu sehen und den Vormittag mit ihnen zu verbringen. Dafür gäbe ich so einiges von den heutigen Vorzügen wieder her!









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11.03.2013 - 19:47 Uhr
nacht_kriegerin