Vorgeschichte und erste Erfahrung
Wir waren in eine neue Stadt gezogen. Unser Sohn war gerade mal ein Jahr alt. Wir kannten niemanden, wollten aber gern, dass er mit anderen Kindern zusammenkam. Als wir uns informierten, was es so an Möglichkeiten gab, stießen wir zufällig auf die Anfrage einer alleinerziehenden Studentin, die für ihre etwa gleichaltrige Tochter eine Tagespflegestelle suchte....
Zwei, drei Jahre später sprach uns das Jugendamt an, ob wir nicht eine Bereitschaftspflegefamilie werden und akute Notfälle aufnehmen wollten. Da wir inzwischen einige Erfahrung als Pflegefamilie gesammelt hatten, haben wir zugesagt.
Was dann folgte, waren in den Jahren, in denen wir die Kraft dafür aufgebracht haben, über 50 Kinder, die in akuten Notfällen bei uns untergebracht wurden. Ich berichte hier in loser Reihenfolge davon. Manches davon ist nichts für schwache Nerven, das sei gleich vorweg erwähnt.
Heute:
Ein nächtlicher Anruf.
Die Polizei war von Nachbarn eines heftig streitenden Ehepaars gerufen worden. Es flog das gesamte Geschirr durch die Luft, mittendrin ein sechs Wochen alter Säugling im Kinderwagen. Ergebnis der Ermittlungen: Beide Eltern waren alkoholabhängig. Das Kind auch. Denn die Mutter hatte nicht nur während der Schwangerschaft ungehemmt weitergetrunken, sie hatte den Säugling, wenn er unruhig wurde, mit Wein "ruhiggestellt".
Der Anruf kam mitten in der Nacht. Ob wir den kleinen Kerl nehmen würden. Natürlich haben wir zugesagt. Eine Stunde später hatten wir ihn - buchstäblich - am Hals. Denn es stellte sich heraus, dass er ohne Alkohol in seinem Milchfläschchen auf Entzug war.
Wir haben ihn fast zwei Monate lang abwechselnd herumtragen müssen, bis er den "Turkey" überwunden hatte. Danach war er ein tolles Kind und erholte sich zusehends. Er sagte, als er dann sprechen lernte, "Mama" und "Papa" zu uns.
Kurz bevor er ein Jahr alt war, kam seine Mutter zu uns. Sie hatte eine Entziehungskur gemacht und war offiziell "trocken". Nach einer Übergangszeit, in der sie ihn häufig besuchen durfte, bekam sie ihren kleinen Sohn zurück. Wir waren sehr traurig, ihn gehen lassen zu müssen, denn er war uns ans Herz gewachsen.
Die Mutter hat ihren Erfolg noch am Abend des Tages, an dem sie ihren Sohn bei uns abgeholt hatte, mit zwei Flaschen Schnaps gefeiert. Eine Woche später war er wieder in einer Pflegefamilie untergebracht. Aber nicht bei uns. Denn die Mutter war in ein anderes Bundesland gezogen. Und da hörte die behördliche Vernunft auf. Zuständigkeit war Zuständigkeit. Kindeswohl spielte keine Rolle. Und die Sehnsucht der Pflegeeltern nach einem liebgewonnenen Kind schon gleich gar nicht.
Wir haben geweint.
- Mama brennt! 10.04.2013
- Trennungswaisen 14.03.2013
- Weihnachten und Ostern 04.03.2013
- Winzling 28.02.2013
- Urlaub ganz anders 23.02.2013
Ich bin immer wieder aufs neue entsetzt..
Und, ähm...
Meine Bewunderung !
Es bedeutet sich viel Einfühlungsvermögen und Verständnis und kraft, so etwas zu tun..
Von Geduld red ich mal lieber nicht..
Und die kann man nicht mal erlernen..









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24.02.2013 - 17:23 Uhr
john_doa