19.02.2013
In einem gläsernen Reagenzglas stecke ich im Moment fest, sehe so halb, was draußen vor sich geht (auch nichts besonderes, übrigens), kann mich halb ruckend bewegen, kann mich im Grunde gar nicht beklagen, aber mies ist es trotzdem.
Der Klemperer macht mich halb wahnsinnig, erstens wegen der dauerhaften Depression, die er beschreibt und die ich erfahren will, zweitens, weil er zumindest am Anfang auf recht hohem Niveau deprimiert ist. Dann denke ich an unser räudiges 1,5qm-Bad, mit dem Schimmel auf den Fugen der Fliesen und der gruseligen Originalverfliesung hinter der zweiten Trockenbauwand, der kaputten Klospülung, dem Loch im Fensterrahmen und der langsam versagenden Baumarktbeleuchtung. Andererseits: ich hatte nie ein wesentlich besseres Bad, muss also keinen Rückschritt erdulden, bin auch noch sehr jung. Im übrigen finde ich auch knapp über 50-jährige keineswegs alt, aber das ist vielleicht eine moderne Sicht. Jedenfalls: wieviel Klemperertagebücher darf ich belastend finden? Ist das eine moralische Frage? Ich finde mich so unfein, diese Lamenti nicht so ignorieren zu können wie mein Bad. Wiederum andererseits: ich beschäftige mich auch nicht seit Wochen stundenlang mit meinem Bad. - Schluss damit.
Der Tag bringt ein zufälliges Treffen mit Peltsi, den ich ewig nicht gesehen habe. Ich habe den Eindruck, dass er sich wirklich gefreut hat, mich zu sehen, so wie auch ich wirklich angetan war (das ist seinerseits nicht selbstverständlich, wir sind nicht im guten auseinandergegangen, soweit ich weiß). Wir finden eine gemeinsame Sprache, wenn es auch schwierig ist, sich nach Jahren so auf die Schnelle auszutauschen. Seinen Vater habe ich neulich auf der Blockade gesehen, lächelnd umherstakend und rauchend wie eh und je. Peltsi sagt, er sei froh, dass ihm zum Jahresende gekündigt worden sei, ich weiß sofort, was er meint. Er möchte sich selbständig machen, sagt, er könne nichts richtig, aber vieles ein bisschen, und ich denke, dass man am Ende immer woanders rauskommt, als man zu Beginn intendierte. Was typisch ist für mich: ich lasse ihn reden, sage kaum was über mich. Nicht, dass ich es nicht vermag, ich halte es einfach für nicht interessant. Dabei mache ich doch etwas interessantes. Ich habe aber wenig Lust, mich zu erklären, will lieber machen, zum Beispiel eine Lesung, aber könnte er mir dazu verhelfen? (Nicht, wenn ich die Klappe nicht aufkriege). Kurz und gut: alter, angenehmer Kontakt, und ich stehe mir im Weg.
Das größere Kind plagen seit einigen Tagen stechende Kopfschmerzen, Halsschmerzen, aber nicht im Hals, sondern schalartig drumherum, und Ohrenschmerzen. Kein Fieber, kein eingeschränktes Spiel, blass ist es sowieso immer. Nachdem ich mir schon fürchterliche Sorgen gemacht hatte (F's Schwester mit ihrer kindlichen Leukämie), fiel es mir wie Schuppen von den Augen: der Zahnwechsel ist es. Und siehe da, die unteren Molaren brechen durch. Dass dieser Schrecken nur wenig vermindert wiederkehrt (und doch so schnell dazu), ist ein Schlag. Dazu hat das kleinere schrecklichen Husten, aber nur nachts, ist tagsüber vorlaut und naseweis. So unruhige Nächte hatten wir seit Jahren nicht mehr. Bin aber erleichtert, dass ich das mit den Zähnen kapiert habe. - Beide spielen übrigens sehr wunderbar "Ritter Trenk" nach:
"Komm, wir spielen 'Bettelkind und Ferkel'!" Das Ferkel (kK) heißt minutenlang "Grompi", meistens aber nur 'Ferkelchen'. Es läuft mehr als duldsam Runde um Runde dem Bettelkind hinterher um den Wohnzimmertisch, grunzt nur von Zeit zu Zeit und übersetzt dann, was das in Menschensprache hieß. Das Bettelkind (gK) singt das ganze Trenklied, moderiert das Spiel, imaginiert den Dialog mit fiktiven Burgbewohnern und unterbricht sich sogar selber, um den oder die Burgbewohner_in aussprechen zu lassen. - Wir Eltern haben die beiden lange nicht zum Zähneputzen geholt.
Was sie noch spielen: "Tante Honig" (ein Kindergarten-Abhol-Spiel), "Prinz_essin und Ferkel" (der Titel sagt alles), "Jerry und Gary" (tja), "Mister Khan ist scheiße" (keine Ahnung).
Gesehen: Schatz im Weltall. Schlampig geschnitten, Schauspieler zumeist grottig, die Bauten großartig. Meine Erinnerungen daran, noch von den aufregenden Herbstabenden mit elf 99.
Vermisse Ira und Alan, die sich nicht bei mir melden.
Ein letztes noch: mir ist heute in der Bibliothek etwas sehr unangenehmes passiert. Ich hatte eine CD aus der Hauptbibliothek entliehen (Bob Dylan, wir siezen uns immer noch, es wird wohl auch nichts mehr). Die Hülle war zerkratzt und ein Scharnier war abgebrochen, dafür war ein Vermerk aufgeklebt: Hülle beschädigt. Mir selbst ist daran nichts kaputt gegangen. Die Bibliothekarin nahm mir die CD nicht ab, wegen des Scharniers. Ich so: Aber hier ist doch ein Vermerk, "Hülle beschädigt", aufgeklebt! Sie so: Damit ist aber nicht dieses Scharnier gemeint, die Hauptbibliothek achtet da sehr darauf, nur intakte Hüllen auszugeben. Ich müsse entweder eine neue Hülle anbringen oder einen Euro bezahlen. Weil mir die Sache zu doof war, bezahlte ich den Euro, merkte aber noch einmal an, dass ich das Ganze ungerecht fände (widersprüchlich, ich weiß!), denn ich hätte die CD so ausgehändigt bekommen, ob man da beim Verleih nicht drauf achten könne? Die Frau hinterm Tresen sah mir in die Augen, meinte, sie glaube mir nicht, es sei mir ganz bestimmt passiert, und fertigte mich ab. Sowas ist mir noch nie passiert ... ich meinte nur, dass ich keine Quittung bräuchte und ging grußlos. Wenn ich wieder dorthin komme, will ich sie, komme was wolle, ignorieren, was für mich bequem ist und der Wahrheit auch recht nahe kommt. Aber: wie kann sich denn nur derartig schnell und geradlinig als blöde Kuh qualifizieren? Deutsche Schaltermentalität? Diese Frau war sogar jünger als ich (wenn auch nur wenig), das heißt, sie wird noch vielen Leuten hinter ihrem Tresen coram publico das Lügen unterstellen.

- 13.-20. Mai: Löwen 22.05.2013
- 13.05 - 20.05.2013 20.05.2013
- 13.5.2013 - Gefroren 13.05.2013
- 6.-12. Mai 2013: Countdown 13.05.2013
- 06.05 - 12.05.2013 12.05.2013









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20.02.2013 - 08:44 Uhr
chrinamu
Und von Bob Dylan müsstest du Willie McTell hören, danach duzt ihr euch sicher.