18.02.2013 - 18:30 Uhr

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Gefahr für den "Ottonormalprobanden"

Text: kathrin-hollmer - Foto: jala / photocase.com

Victor studiert Medizin und hat schon an mehreren medizinischen Studien teilgenommen. Die Pläne der EU, Arzneimittelversuche am Menschen zu erleichtern, sieht er kritisch. Die meisten Probanden machen nämlich viel zu leichtgläubig bei Studien mit.

Der Medizinstudent Victor S., 26, hat schon Impfstoffe gegen die Vogel- und Schweinegrippe an sich testen lassen. Bei einer Joghurtstudie aß der Münchner 16 Wochen lang jeden Morgen einen Jogurt und führte Tagebuch über seine Verdauung. Medizinische Tests sind für ihn so etwas wie Routine geworden. Sein bisher aufwändigster war eine Antikörperstudie für die Rheumaforschung. Sieben Tage war er dafür in einem Krankenhaus. „Das war wie in Quarantäne“, erinnert er sich. Er durfte keine Leute treffen und sein Zimmer kaum verlassen, nur auf die Toilette oder im Flur spazieren zu gehen war erlaubt. Zwei Mal täglich wurde ihm Blut abgenommen und seine Vitalfunktionen Tag und Nacht überwacht. „So schlimm war es aber nicht“, sagt er, „ich habe die ganze Woche für mein Staatsexamen gelernt. Und 1.900 Euro bekommen. Das waren für mich ein paar Monatsmieten, Geld, das ich im Studium gut gebrauchen konnte.“  



Arzneimitteltests bedeuten schnelles Geld, besonders Studenten verdienen sich oft als Probanden etwas dazu. Meistens werden für die Tests Männer zwischen 20 und 40 Jahren gesucht. Frauen nehmen in der Regel erst an Studien teil, wenn der Wirkstoff schon zugelassen ist. Die Risiken, wenn sie später Kinder kriegen wollen, wären vor der Zulassung zu hoch.

Probanden für medizinische Studien werden eigentlich immer gesucht. Bald vielleicht noch mehr. Die Europäische Kommission plant, Arzneimittelversuche am Menschen zu erleichtern. Die Süddeutsche Zeitung berichtete, dass dafür künftig unter anderem die unabhängigen Ethikkommissionen bei klinischen Tests nicht mehr beteiligt werden sollen. Lange waren die Pläne von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt geblieben, jetzt regt sich endlich Widerstand. Der Arbeitskreis der 52 deutschen medizinischen Ethikkommissionen bezeichnete die Pläne als "bestürzend".

Probanden sind oft Medizinstudenten wie Victor. Er kann die Gefahren eines Arzneimitteltests abschätzen, weil er das Kleingedruckte versteht. "Ich kenne die Wirkstoffe und lese in der Datenbank an der Uni immer alles, was darüber publiziert ist", sagt er. Er weiß aber auch, dass viele Probanden sich nicht einlesen – oder sich überhaupt nicht informieren. An der siebentägigen Studie haben neben Victor noch sechs andere Männer teilgenommen. "Die hat das gar nicht interessiert, sondern nur das Geld", sagt Victor.

Auch für Victor war das Geld der Hauptgrund, an der Studie teilzunehmen, dass er die Forschung unterstützt, ein schöner Nebeneffekt. Er würde jederzeit wieder bei einer Studie mitmachen. Nur chemische Stoffe würde er nicht ausprobieren: "Antikörper sind Proteine, die werden im Körper wieder abgebaut, bei chemischen Stoffen können gefährliche Spätfolgen auftreten. Und man sollte nicht der erste sein, der ein Arzneimittel testet. Das lohnt sich nicht, auch wenn man dafür gleich sehr viel mehr Geld bekommt." Bisher hat er bei seinen Studien keine Nebenwirkungen gespürt, nur bei den Impfstofftests gegen die Vogel- und Schweinegrippe hatte er Nebenwirkungen wie nach einer normalen Grippeschutzimpfung. Angst hatte er keine. Aber er weiß ja auch im Gegensatz zu den meisten Probanden genau, worauf er sich einlässt.  

Aus diesem Grund sieht Victor die EU-Pläne kritisch. "Im Moment braucht jedes medizinische Projekt die Zustimmung der Ethikkommission. Das ist auch gut so", sagt er. Das Problem sei, dass es Wochen dauert, einen Ethikantrag zu schreiben und noch einmal Wochen, bis man eine Zulassung bekommt, und das für jeden einzelnen Schritt, sobald man zum Beispiel Zellen in einer Petrischale züchten will. "Das Zulassungsverfahren muss man dringend beschleunigen und vereinfachen", sagt er, "viele neue Stoffe haben ein großes Potenzial, noch dauert es zum Teil 15 Jahre, bis sie zugelassen werden. Wenn es schneller ginge, würden Europäer und Amerikaner kritische Trials nicht mehr nach Jugoslawien oder nach Griechenland verlegen. Die Qualität der Studien ist in Deutschland besser und die Tests sicherer."  

Dafür auf unabhängige Ethikkommissionen mit Forschern zu verzichten, ist seiner Meinung nach aber nicht der richtige Weg: "Ich glaube nicht, dass das wirklich geht, und ich weiß auch gar nicht, ob es die Ethik ist, die den Prozess so lange hinauszögert. Viel wahrscheinlicher ist, dass es an der Bürokratie liegt", sagt er. Die "Ottonormalprobanden", die Victor angesprochen hat, müssen geschützt werden. "Natürlich entscheidet jeder für sich selbst, aber es gibt immer Menschen, die für Geld alles tun und die Risiken nicht einschätzen können", sagt er, "sie glauben es einfach, wenn sie erklärt bekommen, dass Nebenwirkungen unwahrscheinlich sind. Auf der anderen Seite ist die Pharmaindustrie, die unheimlich viel Geld macht. Die braucht einen Gegenspieler."


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10 Kommentare
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fuerTiere
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Mag ich Mag ich nicht

-1

19.02.2013 - 10:42 Uhr
fuerTiere

- Für Tierversuche müssen Tiere extremste Schmerzen und Qualen ohne Narkose ertragen
- Für viele Tierversuche werden Tiere qualgezüchtet oder absichtlich krank gemacht
- Tierversuche gefährden die Gesundheit des Menschens, da Ergebnisse nicht auf den Mensch übertragbar sind (auch Contergan wurde ausreichend an Tieren getestet!)
- Für Tierversuche werden Steuergelder in gigantischen Summen verschwendet
- Tierversuche behindern den medizinischen Fortschritt
- Jedes Jahr sterben allein in Deutschland über zwei Millionen Tiere im Tierversuch
- Es gibt ausreichende Alternativen zu Tierversuchen

Anonym123x
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Mag ich Mag ich nicht

0

19.02.2013 - 12:16 Uhr
Anonym123x

fuerTiere sagte:
- Es gibt ausreichende Alternativen zu Tierversuchen

Was ich an diesem Beitrag gut finde ist die Aufzählung, warum man Menschenversuche niemals als "schlimmer als Tierversuche" bezeichnen kann. In manchen Artikeln zu dem Thema kam es so rüber, als ob Menschen nun weniger als Tiere geschützt werden, was natürlich falsch ist.
Aber dass es ausreichende Alternativen zu Tierversuchen gibt, stimmt leider nicht und kann nur von jemand behauptet werden, der sich mit der medizinischen Forschung nicht besonders gut auskennt. Man kann zwar Vorversuche mit Zellkulturen machen, aber wie ein Stoff auf einen lebenden Organismus als Ganzes wirkt, oder wie es mit der Wirkung auf Schwangere aussieht, kann man nicht vorhersagen. Man kann dadurch nur potentiell gefährliche Stoffe schon vorher ausschließen, was immerhin schon etwas ist. Die Grenze zwischen wirksamer und schädlicher Dosis sollte man auch schon einmal im Tierversuch getestet haben, denn man kann zwar auch beim Menschen die Dosis variieren, aber wenn man vorher keine Ahnung hat, ab welcher Dosis es gefährlich werden könnte, würden bei solchen Studien regelmäßig Menschen sterben. Genügend Probanden würde man zwar bei entsprechender Bezahlung sicher finden, aber meiner Meinung nach hat Victor absolut recht, dass diese Leute in ihrer Naivität leider oft nicht wissen, worauf sie sich einlassen.
Statt die unabhängigen Ethikkommissionen abzuschaffen, sollte man besser dafür sorgen, dass diese schneller entscheiden müssen und die Antragsformalitäten entschlackt werden.

dietel40
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Mag ich Mag ich nicht

0

19.02.2013 - 13:50 Uhr
dietel40

Die Glückspillen der Freiheit.
Eine bemerkenswerte und zugleich unvorstellbare Geschichte dazu gab es am 18.02.13 bei der ARD unter dem Titel - Gefährliche Glückspillen -. Berichte aus den USA und Deutschland über zahlreiche Todesfälle und Suizid Versuche nach Einnahme. Man kann sagen, was die EU beschließen will, ist schon Realität. Freiheit hat viele Gesichter.

botox
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Mag ich Mag ich nicht

1

19.02.2013 - 21:23 Uhr
botox

... den obigen Artikel zu Ende gelesen, bin ich immer noch erstaunt aus wieviel Unwissen und Falschinformationen ein Artikel geschrieben sein kann.
Stellt sich die Frage, ob es den Medizinstudenten wirklich gibt (oder nur als fiktiver Spezialist für die Autorin herhalten muss). Falls ja, hoffe ich, dass es sich um jemanden aus dem ersten Semester handelt und niemand, der in Bälde auf die Menschheit losgelassen wird.

"...Antikörper sind Proteine, die werden im Körper wieder abgebaut, bei chemischen Stoffen können gefährliche Spätfolgen auftreten."
--> Gerade weil Antikörper Proteine sind, können diese heftigste Immunreaktionen hevorrufen (s. TeGenero / Parexel Skandal aus 2007). Antikörper harmloser als chemisch definierte Arzneistoffe darzusellen ist absoluter Humbug. Da muss es noch sehr viel lernen, der Student.

"Das Zulassungsverfahren muss man dringend beschleunigen und vereinfachen", sagt er, "viele neue Stoffe haben ein großes Potenzial, noch dauert es zum Teil 15 Jahre, bis sie zugelassen werden. Wenn es schneller ginge, würden Europäer und Amerikaner kritische Trials nicht mehr nach Jugoslawien oder nach Griechenland verlegen. Die Qualität der Studien ist in Deutschland besser und die Tests sicherer."
-->Ein Zulassungsverfahren in der EU dauert ca. 1 - 2 Jahre. Diese Zeit ist mehr als angemessen um Qualität, Unbedenklichkeit und Wirksamkeit eines Arzneimittels zu bewerten.
-->Die zitierten 15 Jahre beziehen sich auf die Entwicklungsphase (Formulierung der Darreichungsform, Stabilitätsstudien, Klinische Studien). Gut Ding will Weile haben. Am zeitaufwendigsten sind nun mal die verschiedenen Phasen der klinischen Prüfung.
Es kann niemand ernsthaft, v.a. nicht mit medizinischem Hintergrund, eine Reduzierung dieses Umfangs fordern! Resultat wäre, dass die vor der Zulassung unter strenger Kontrolle durchgeführten Studien auf die Vermarktungsphase nach der Zulassung verschoben werden - und das ohne lückenlose Überwachung durch einen Arzt!!
--> Griechenland ist ein EU-Land - somit sind die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Genehmigung und Durchführung dieselben. Selbst bei Nicht-EU-Ländern müssen diese in Übereinstimmung mit der entsprechenden EU-Richtlinie durchgeführt werden, um für ein Zulassungsverfahren in der EU verwendet werden zu können.
Studien in Deutschland sind weder sicherer, noch besser, noch langsamer - allenfalls teurer.

jetzt_Kaffee
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Mag ich Mag ich nicht

0

20.02.2013 - 08:20 Uhr
jetzt_Kaffee

Abgesehen davon, dass es (leider) noch keine Alternativen zum Tierversuch gibt: Es ist gesetzlich vorgeschrieben, dass Wirkstoffe zuerst am Tier getestet werden. Da helfen noch so viele Alternativen nicht, wenn dieses Gesetz nicht geändert wird.
Auch wenn das für Medikamente passieren sollte, kann ich mir nicht vorstellen, dass es bei anderen Bereichen solche Fortschritte gibt: Angehende Chirurgen üben auch erst mal an Tieren. Ich finde es zwar auch nicht gut, aber ganz ehlich, würde sich hier jemand als Versuchsobjekt von einem Anfänger operieren lassen...?

chrinamu
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-2

21.02.2013 - 13:06 Uhr
chrinamu

Der Punkt ist doch, dass die Testteilnehmer sich freiwillig dafür entscheiden - im Gegensatz zu Tieren, die zwangsverpflichtet werden. Und was das "Menschen vor sich selber schützen" angeht, so ist das ein vertracktes Thema, aber ich finde, dass man Menschen, denen man ohne Skrupel z.B. zutraut, im Straßenverkehr nicht jeden Tag Massaker anzurichten und Kinder zu erziehen, auch zutrauen sollte, abzuschätzen, ob es nun gut für sie ist, an medizinischen Versuchen teilzunehmen.

herrjemine
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Mag ich Mag ich nicht

1

21.02.2013 - 18:31 Uhr
herrjemine

Doc-Victor sagte:
Antikörper sind Proteine, die werden im Körper wieder abgebaut, bei chemischen Stoffen können gefährliche Spätfolgen auftrete


Mit seinem wissenschaftlich fundierten Hintergrund hat der angehende Mediziner folgerichtig geschlossen, dass Proteine nichts mit Chemie zu tun haben. Schließlich weiß ja jedes Kind, dass Proteine abgebaut werden und sich alle anderen Moleküle wie Schwermetalle im Körper anreichern. Somit ist die Unterscheidung in hohes Risiko (Chemie) und geringes Risiko (Proteine) schnell getroffen und man kann beruhigt zugreifen.

Aber mal ernsthaft: Es ist ja bekannt, dass der naturwissenschaftliche Hintergrund bei Medizinern oftmals vernachlässigbar ist, aber woher kommt diese Neigung damit in die Öffentlichkeit zu gehen?

jetzt_Kaffee
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Mag ich Mag ich nicht

0

22.02.2013 - 22:34 Uhr
jetzt_Kaffee

chrinamu sagte:
Der Punkt ist doch, dass die Testteilnehmer sich freiwillig dafür entscheiden - im Gegensatz zu Tieren, die zwangsverpflichtet werden. Und was das "Menschen vor sich selber schützen" angeht, so ist das ein vertracktes Thema, aber ich finde, dass man Menschen, denen man ohne Skrupel z.B. zutraut, im Straßenverkehr nicht jeden Tag Massaker anzurichten und Kinder zu erziehen, auch zutrauen sollte, abzuschätzen, ob es nun gut für sie ist, an medizinischen Versuchen teilzunehmen.

Der Vergleich hinkt aber gewaltig. Straßenregeln sind um einiges einfacher als medizinisches Kauderwelsch in Studien. Ich arbeite in dem Bereich und selbst ich habe öfter Schwierigkeiten zu verstehen um was es jetzt eigentlich geht.

chrinamu
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Mag ich Mag ich nicht

0

23.02.2013 - 21:59 Uhr
chrinamu

jetzt_Kaffee sagte:
Straßenregeln sind um einiges einfacher als medizinisches Kauderwelsch in Studien. Ich arbeite in dem Bereich und selbst ich habe öfter Schwierigkeiten zu verstehen um was es jetzt eigentlich geht.


Genau. Und wenn ich als vernünftiger Mensch merke, dass ich das nicht verstehe, lass ich es sinnvollerweise eben bleiben.

the_6th_sense
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Mag ich Mag ich nicht

0

03.03.2013 - 11:01 Uhr
the_6th_sense

Ich finde den Artikel auch nicht gerade toll. Den gesamten Text auf den Aussagen eines Medizin-Studenten Victor aufzubauen, aber dann gar nicht das Studententhema im Speziellen, sondern eine allgemeine Haltung und Problematik von Medikamentenversuchen zu diskutieren, da fehlt mir doch etwas die Expertise.

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