Achter bis zwölfter Februar Zweitausenddreizehn, oder sag ich Zwanzigdreizehn?
Freitag: Die FliegenWir gehen also ins Theater, ich wieder im schwarzen Kleid, grüner Gürtel, neue grüne Strickjacke und dazu der Erbtantenring. Vorher ist keine Zeit, zu Hause zu essen, also stürzen wir schnell im ukrainischen Restaurant hinter dem Schauspielhaus je einen Teller Suppe, ich bin борщ, * ist солянка, ich verschmähe die Sahne. Das Restaurant sehr ukrainisch: nämlich mit komplett verkabelter Kleinstbühne und Kitschpop. Dann im Theater, treffen Eltern aus dem Kindergarten und einen meiner Arbeitskollegen. Der Beginn des Stücks ist großartig, sehr stark, schon dafür ist es sehenswert! Leider versaut der Text alles, Philosophen sollten eigentlich so wahrheitsliebend und einsichtig sein einzusehen, dass sie nicht automatisch kraft ihrer (Wassersuppe?) gute Dramatiker sind. Die Schauspieler geben alles, besonders die zauberhafte Elektra (Sonja Beißwenger), und die Inszenierung ist mit Witz gemacht, besonders das letzte Bild. Am nächsten Morgen wird sie im DLF verrissen: warum der Regisseur am Ende Orest nicht texttreu fliehen, sondern ins Volk gehen lässt? Ist doch logo: das Stück wird Anfang Februar in diesem arg- und wehrlosen, den bösen, fremden Nazis ausgesetzten Nest unbescholtener Bürger zur Premiere gebracht. Sartres Orest, das ist Herbert Wagner, das ist Helma Orosz (der Name, sic!), das ist "Hauptsache, es gibt keine Gewalt". Kriegenburgs Orest ist ein deutliches Signal, das am Ende direkt vor dem Dresdner Publikum steht, ein Standakt, sozusagen. Was ist daran unklar? - Beim Applaus schauen die Schauspieler alle ziemlich unglücklich, das verunsichert uns.
Sonnabend: The Shin
Für Sonnabend habe ich mir eine einzelne Karte für diese georgische Jazzband gekauft, im Publikum entdecke ich dann noch *s Mutter in Begleitung des Chemikers und des erwachsenen Chemikersohnes, nennen wir ihn Gerste. Zu meinem Leidwesen ist auch die ehemalige Chefin, Sybylle, da, und verschont mich nicht mit einem Pausengespräch. Physiognomie der Tyrannja Vamperl, Figur von Beelzebub Irrwitzer, Verstand von Maurizio di Mauro in der Giftmülltonne. - Die Band: ein Gitarrist, schnell, cool, überraschend zärtliche Stimme, ein Perkussionist: Kern der Band, verkörpertes Understatement, schwarzes Seidenhemd mit dezenten silbergrauen Akzenten am Kragen, ein Bassist: nun, kein Unterstatement, Modell Arie Even, ich muss etwas lachen, weil mir Aries Unterhosen einfallen, trägt ein schwarzes Seidenhemd mit roten Linien, die den Umriss eines Frauenkopfes bilden sollen. Zum Schluss spielen sie, welch ein Glück, Lalebi. Nagende Sehnsucht, diese Sprache zu verstehen, ich gehe im Kopf alle möglichen Wörter durch, die mir noch von früher einfallen, aber man kann keinen Staat damit machen. Der Chemiker meint, das seien ja alles nur Volkslieder gewesen, und sehr mönchisch habe es auch nicht geklungen.
Danach gehen wir zu viert ins Watzke. Der Chemiker nennt Wulff eine Edelprostituierte (sie, nicht ihn), aber er kenne sie selber nicht, nicht seine Preisklasse, lacht er und der Witz wirft seinen Oberkörper nach hinten gegen die Stuhllehne, Kopf weit in den Nacken geworfen. *s Mutter schaut nach unten, ich lehne mich zurück und schaue mir den Menschen an. Dann kommen wir über eine aberwitzige Assoziationskette (georgischer Schlagzeuger, Stoibers Transrapidrede als Schlagzeugstück, rhetorische Fähigkeiten von Politikern, dann natürlich unausweichlich Hitler) auf das dritte Reich zu sprechen. Gerste meint, die Menschen seien alle gegen Hitler gewesen, es habe ja kaum eine_r mitgemacht, anders könne es nicht sein, sonst verlöre er doch seinen Glauben an die Menschen (großes Gesicht, große Augen und Mund, nervöse Haut, starkes Haar, zittert vor Erregung und Überzeugtheit). Der Chemiker will das Werk der Desillusionierung schnell für ihn erledigen, Schimpfworte, Türenplauzen. Ich ziehe den Klempererband aus der Tasche, die voces populi wären doch echter und guter Dünger für Gerste, der das Buch nicht kennt. Er wird es nicht lesen.
Sonntag: Vision
Hildegard-Film geschaut. Biopic, sterbenslangweilig, trotz Kostüme und Herzsprung. Was noch? Die Hebamme ist mit Mann und den zwei kleinen Kindern da, es ist gemütlich und behaglich. Sie leiht sich Haushofer und das neue Klitorisbuch aus.
Montag: Vorbereitungen
Alles für den Kinderfasching vorbereitet, gewaschen, gebügelt, Schwanz angenäht, Mitte nicht getroffen, Schwanz abgetrennt (was Feministinnen so machen), Schwanz mittig festgenäht und dreifach verstochen, Nagellack aufgetragen, Klamotten bereitgelegt. Außerdem alles für den Kindergeburtstag am Nachmittag vorbereitet: Geschenk verpackt, kleines Beigeschenk (versteinerte Haifischzähne, ECHT ECHT) rangebammelt, Karte geschrieben, Tomte Tummetot gleich zum Verborgen dazugelegt. Endlich den zweiten Klempererband ausgelesen, jetzt kommt der erste dran. Ein Tag, der wegrinnt wie nichts.
Dienstag: Vargas/Widderkrimi
Koche mir Nudeln, wie sie so vor mir liegen im Nudelsieb, gar, hell, dampfig, knistern sie leise. Es sind Riccioli (wobei mir einfällt, dass ich mich derzeit zur Familienfriseuse, also zur FF, mausere, dicke Locken im Biomüll, ein umwerfend trauriges Bild). Die Nudeln sind noch sehr heiß, ich lasse getrockneten Oregano auf sie herabrieseln, der vom aufsteigenden Dampf in seinem freien Fall gehindert wird, die winzigen Blättchen trudeln zur Seite, fallen zögerlich in Spiralen, kommen unsachlich und verspielt auf der goldenen Masse auf. Lese fieberhaft Fred Vargas' Widderkrimi-Comic, ein kurzer, heftiger Genuss.
Versuche zu verdrängen, wie die Turmfrisur-Kindergärtnerin zu mir sagt: Ach, der Schwanz ... darauf bin ich allergisch, ich schneid den dann ab, ok?
- 10.-16. Juni: Goldmarie 17.06.2013
- 10.06 - 16.06.2013 17.06.2013
- 3.-9. Juni: Dröhnung 09.06.2013
- 03.06 - 09.06.2013 09.06.2013
- 27. Mai bis 2. Juni: Politik 05.06.2013
nany sagte:
Vielleicht solltest du der Turmfrisur Kindergärtnerin als Rache mal die Haare schneiden.
Hehe, super! Ich bin nämlich mittlerweile auch allergisch auf sie ...









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12.02.2013 - 14:35 Uhr
nany