04.02.2013 - 18:30 Uhr

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Verliebt wie am ersten Tag

Text: juliane-frisse - Illustration: Marie-Claire Nun

Wenn die Liebe schwindet, kann man eines Tages womöglich einfach eine Pille schlucken, schon kehrt das Kribbeln im Bauch zurück: Klingt verlockend, aber auch beängstigend. Sogenannte "love drugs" würden unser Verhältnis zur Liebe auf jeden Fall völlig verändern.

Angestrichen:
"Perhaps we could design "love drugs", pharmaceutical cocktails that could boost affection between partners, whisking them back to the exquisite set of pleasures that colored their first years together. The ability to do this kind of fine-tuned emotional engineering is beyond the power of current science, but there is a growing field of research devoted to it. Some have even suggested developing "anti-love drugs" that could dissolve abusive relationships, or reduce someone's attachment to a charismatic cult leader. Others just want a pill to ease the pain of a wrenching breakup."

Wo steht das denn?
In einem Artikel auf der Website der US-amerikanischen Zeitschrift „The Atlantic“. Ross Andersen schreibt in „The Case for Using Drugs to Enhance Our Relationships (and Our Break-Ups)“ über die Idee, erkaltete Gefühle in langjährigen Beziehungen mit pharmazeutischer Hilfe wiederzubeleben. Das ist im Augenblick zwar noch Zukunftsmusik, genau wie die Anti-Liebeskummer-Pille. Dennoch haben sich Philosophen von der Universität Oxford bereits überlegt, ob solche "love drugs" eine gute Idee wären. Sie meinen: Sollte ein liebeserhaltendes Medikament tatsächlich Realität werden, dann sollte es Paaren, die es wünschen, zur Verfügung stehen. Sie argumentieren außerdem, dass Paare, die eine Familie gegründet haben, moralisch eigentlich sogar verpflichtet wären, auf "love drugs" zurückzugreifen - dem Wohle ihrer Kinder zuliebe.
         


Und was bedeutet das?
Noch ist die Pille, die die Liebe zurückholt, bloß eine Idee. Allerdings eine, an der eifrig geforscht wird, wie Andersen schreibt. Aus naturwissenschaftlicher Perspektive ist Liebe eben vor allem ein biochemischer Prozess. Das bedeutet zumindest theoretisch, dass man ihn mit Hormonen und anderen Stoffen beeinflussen können müsste - und vielleicht sogar irgendwann so zielgenau, dass sich Menschen in langjährigen Partnerschaften wieder frisch verliebt fühlen und umgekehrt Liebeskummer-Geplagte schneller über den Verflossenen hinweg kommen könnten.           

Die Idee solcher (Anti-)Liebespillen klingt verlockend, beängstigend und desillusionierend zugleich. Wäre es einerseits nicht großartig, das Kribbeln im Bauch zurückholen zu können, wenn man sich mit jemandem, den man immer noch sehr mag, aber eben nicht mehr liebt oder begehrt, gemeinsam ein Leben aufgebaut hat? Andererseits: Wie würde es sich anfühlen und verändern, jemanden zu lieben, wenn die eigenen Empfindungen nur noch auf biochemischer Unterstützung beruhen? Was würde es mit der Liebe machen, wenn sie auf einmal komplett kontrollierbar wäre? Was wäre sie dann überhaupt noch wert?

Die Forschung an und der Einsatz von "love drugs" seien im Kern nichts Neues oder Ungewöhnliches, argumentieren die Philosophen Brian Earp, Anders Sandberg und Julian Savulescu im Interview mit dem "Atlantic" anhand mehrerer Beispiele: Schließlich würden zum Beispiel Depressive Psychopharmaka erhalten, die nicht nur die Erkrankung lindern, sondern mit der Verbesserung des seelischen Befindens auch die Beziehung einer depressiven Person positiv beeinflussen würden - die durch die Krankheit oft schwer belastet würde. Viagra ermögliche Paaren ein erfülltes Sexualleben und vom Hormon Oxytocin ist bekannt, dass es die Bindung zwischen Menschen befördert. Als wiederum MDMA noch nicht als Rauschgift eingestuft wurde, kam es vor einigen Jahrzehnten auch gelegentlich in Paartherapien zum Einsatz, um die Empathie und die emotionale Kommunikationsfähigkeit der Klienten zu stärken.

Die Diskussion über "love drugs" erinnert an die Debatte, die vor einigen Jahren über Neuro-Enhancement geführt wurde, nachdem Selbstversuche mit Ritalin zur Konzentrationssteigerung durch die Medien geisterten und Statistiken auftauchten, die besagten, dass nicht wenige Studenten in Prüfungsphasen auf Ritalin und Co. setzen. Der Vergleich zeigt: Was möglich ist, das wird genutzt – nicht unbedingt durch jeden, aber von manchen.

Sollten Pillen, die den Liebeskummer kurieren oder das Kribbeln im Bauch zurückholen, tatsächlich irgendwann auf den Markt kommen, kann sich zumindest die Pharma-Industrie freuen: Die romantische Liebe hat heute einen so hohen Stellenwert, dass sich mit der Aussicht auf Liebesglück eine Menge Geld verdienen lässt. Es ist ein riesiges Geschäftsfeld, von der Paartherapie über das Speeddating bis zu Singlereisen. Allein bei den drei führenden Online-Partnerbörsen hierzulande sind über zehn Millionen Menschen angemeldet. Zuletzt wurde in Deutschland nur mit den Dating-Plattformen 188,9 Millionen Euro Umsatz gemacht.


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Paradox_of_Choice
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Mag ich Mag ich nicht

0

04.02.2013 - 23:08 Uhr
Paradox_of_Choice

Ich hoffe und glaube, dass sich das nie wirklich so umsetzen lässt.

Und irgendwie hat mich das grade daran erinnert, dass ich Eternal Sunshine of the Spotless Mind schon lang mal wieder sehen wollte.

herrjemine
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Mag ich Mag ich nicht

1

04.02.2013 - 23:20 Uhr
herrjemine

Uedreissig sagte:
Blöd, wenn man plötzlich auf die Kollegin anstatt auf die Partnerin "anschlägt".


Soll auch ganz ohne Pille vorkommen ;-)

ruebezahl
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Mag ich Mag ich nicht

0

05.02.2013 - 00:51 Uhr
ruebezahl

Uedreissig sagte:
Liebe (Verliebtheit) mit Medikamenten forcieren, darauf hat die Welt gewartet.

Wo stellt man an der Pille ein, in wen man sich (neu) verliebt? Blöd, wenn man plötzlich auf die Kollegin anstatt auf die Partnerin "anschlägt".

diesen schönen gedanken hat shakespeare im sommernachtstraum mit einer liebessaft-blume durchgespielt und für viel freude im wald gesorgt. http://de.wikipedia.org/wiki/Sommernacht...

mia_mia
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Mag ich Mag ich nicht

1

05.02.2013 - 03:56 Uhr
mia_mia

Montagsgast sagte:
Matinkabela sagte:
XTC?


Exact, MDMA, das ja im Text auch genannt ist.

Muss aber natürlich ganz schröcklicht verboten sein, das Teufelszeug.

Ausser die Chemie-Dealer von Big Pharma können satt Gewinne damit machen (... und nicht irgendwelche obscuren ausländischen Betäubungsmittelgrosshändler ...).

Deswegen ist Kokain verboten, während wir Ritalin ohne drüber nachzudenken den weniger zäpfchenartigen Kindern wie saure Drops verabreichen, auf dass sie sich schön einfügen.
(Ritalin und Kokain sind chemisch nur einige marginale Schritte voneinander entfernt, die schwere Depression als "Downside" haben sie gemeinsam.)

Am lustigsten aber fand ich das hier:

"... Der Vergleich zeigt: Was möglich ist, das wird genutzt – nicht unbedingt durch jeden, aber von manchen. ..."

MDMA und vergleichbare Substanzen ("legal High") werden ebenso wie Kreativitätsverbesserer (Lysergsäurediethylamid, Psylocibin, Meskalin, Psylocin, LSA), wie Leistungsverbesserer (Kokain), wie Zeitrezipienz-verzögerer (von THC bis Opiate), und wie der ganze verschreibungspflichtige Kram (vom Benzodiazepam bis runter zu Pseudoephedrinen) "genutzt", nicht von jedem, weil ja auch die Vertriebswege bisweilen ein bisserl haarig sind, aber doch von einer deutlich wachsenden Schar selbständiger Psychodrogen-Nutzer, die sich nicht auf Whiskey, überteuerte Zigaretten und Verschriebenes reduzieren lassen wollen von willfährig Pharmainteressen vertretenden politischen Entscheidungsträgern auf dem Wege der Willkür.


So ist es, vielen Dank für deinen Beitrag.

Was MDMA oder auch andere Entaktogene wie Methylon (erst seit kurzem BTMG) für Beziehungen tun können ist leider zu wenig Menschen bekannt.

Dass viele Menschen aufgrund der Prohibition keinen Zugang dazu haben und wahrscheinlich niemals haben werden - darüber darf man eigentlich gar nicht nachdenken, und wenn man das dann ausweitet auf psychische Krankheiten wird es noch viel perfider, könnte doch so vielen Menschen z.B. durch psycholytische Psychotherapie geholfen werden, denn die Ergebnisse der Studien waren ja durchweg positiv.

Aber nein, da schickt man Psychotherapeuten lieber in den Knast, die so versuchen ihren Patienten zu helfen und pumpt die Leute dann auf psychiatrischen Stationen mit Neuroleptika zu, die eine chemische Lobotomie bedeuten. Und dann kommt die Pharmafirma wahrscheinlich mit einer Substanz um die Ecke, die pharmakokenetisch genau wie die längst bekannten Entaktogene funktioniert oder schlechter. Ach, es ist so unglaublich traurig.

Das war jetzt ein bisschen vorbei am Thema, aber bei der Thematik kann ich mich einfach nicht zurückhalten.

theralf
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Mag ich Mag ich nicht

1

05.02.2013 - 04:34 Uhr
theralf

Ach, Liebesdrogen, Firlefanz! Das sind Drogen die am Ende nur bewirken dass man sich gluecklich fuehlen kann, wo es ohne Droge nicht geht. Da muss man gar nicht so viel Bahnhof drum machen, das gibts doch schon seit ueber hundert Jahren: Heroin! Ein kleiner Schuss und man ist gluecklich, auch wenn man die schon zwei Tage halbnackt auf ner nasskalten Muellkippe hockt! Wenn alles so einfach waere!

So stelle ich mir auch den Himmel vor: Wenn wir da ankommen, haengt der liebe Gott unsere Seele an nen Kleiderbuegel in seinen Wandschrank der Ewigkeit und bestprueht diese dann einmal taeglich mit goettlicher Liebe. Do macht die Unendlichkeit Spasz!

Montagsgast
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Mag ich Mag ich nicht

0

05.02.2013 - 08:32 Uhr
Montagsgast

mia_mia sagte:

Das war jetzt ein bisschen vorbei am Thema, aber bei der Thematik kann ich mich einfach nicht zurückhalten.


War's nicht, also "vorbei am Thema", denn Psycholyse ist doch, was da angestrebt wird:

Ein paar Tröpferl von diesem oder jenem, und alles wird besser.

Nach Jahrzehnten Depression wird den Patienten der völlig blödsinnige, prohibitive Charakter der von Trinkern geschriebenen BTM-Gesetze ohnehin irgendwann wurscht, und dann kommt auch vermutlich irgend wer um die Ecke und gibt dem Patienten eines der wichtigen Bücher von Stanislav Grof, Samuel Widmer, Timothy Leary, Ken Kesey oder Aldous Huxley "zum mal 'reinlesen".

Dumm nur dass die Substanzen dann trotzdem noch im falschen Set und Setting benutzt werden (müssen), weil die "richtigen" Sets und Settings nach wie vor schwer kriminalisiert werden.

Wer 250 microgramm Mutterkornextrakt einnimmt und dann in eine provinzielle Bauerndisko mit Strobo-Lichteffekten, DJ-Ötzi-Musik und betrunkenen Metzgergehilfen geht, der kommt automatisch auf einen Horrortrip, das ist nicht zu leugnen.

Da kommt der einigermassen Sensible aber eben schon ohne Substanzen sehr leicht auf Horror, was wir ja auch in der marktkonformen Gesellschaft sehr schön anschaulich vorgeführt bekommen, Jahr für Jahr, Legislatur für Legislatur.

Danke für Deinen Beitrag, Mia-Mia. Ich fühl' mich schon nicht mehr so exotisch ;-)

noodle2
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Mag ich Mag ich nicht

0

05.02.2013 - 13:27 Uhr
noodle2

die sollten sich lieber auf wichtigere sachen stürzen...

mia_mia
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Mag ich Mag ich nicht

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05.02.2013 - 14:04 Uhr
mia_mia

@Montagsgast

ebenso, geht mir genauso :)

Und vielleicht liest ja jemand mit, dem es irgendwann mal helfen wird.

ArtisLove
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Mag ich Mag ich nicht

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13.02.2013 - 04:16 Uhr
ArtisLove

Bald gibt es dann auch die Pille für "Bessere Gedanken"? Eine Affi(rmations)pille*lach


Jede Pille erhöht doch auch die Angewohnheit überhaupt eine zu Nehmen!?

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ist jetzt-Mitarbeiterin und hat diesen Beitrag verfasst.