Wagyu-Huhn und Kassler-Punk
Gegessen wird immer, aber jeder macht es anders. In der Kolumne Kosmoskoch dokumentieren jetzt-User und jetzt-Redakteure jeweils eine Woche lang, was am Abend bei ihnen auf den Tisch kommt, und schreiben auf, warum. Heute: jetzt-Mitarbeiter Max Scharnigg
Diese Woche hat sich jetzt-Mitarbeiter Max Scharnigg die Mütze des Kosmoskochs aufgesetzt.Vorbemerkung: Ich campiere schon den ganzen Januar auf meinem Schreibtisch und prokrastiniere dort am neuen Roman herum, meine Freundin arbeitet momentan auch zu Hause. Unsere Tage sind dadurch ziemlich gleich und unser Kochplan deswegen auch relativ klar aufs Abendessen fixiert und ziemlich konstant. Ich mache morgens Kaffee, schreibe, esse irgendwann um eins eine Art Frühstück, mache Kaffee, schreibe, gehe spazieren/einkaufen, trinke Tee, schreibe und, wenn nichts mehr geht, fange ich an zu kochen. Das ist nicht schlechteste Art, den Januar zu verbringen, nur dass man eben irgendwann verrückt wird. Übrigens, sorry für die wackligen Bilder, aber ich finde es fürchterlich, dampfende Teller zu fotografieren, ich will dann essen, nicht gucken. Essen fotografieren ist, als müsste man Ofenwärme rappen.
Montag:

Auf dem Markt ergattere ich ein passables Stück Kabeljau. Eigentlich bin ich frischem Meerfisch in einer Stadt, die so weit vom Meer entfernt ist wie München, nicht sehr zugetan, aber naja. Dazu gibt’s so ein kleines Balsamico-Linsengemüse, J. schneidet winzige Sellerie- und Karottenwürfel dafür, nur deswegen wird’s so gut. Ehrlich, Linsen sind eigentlich immer super. Der Kabeljau ist ok, etwas trocken. Dazu gibt’s noch Vogerlsalat und keinen Weißwein, weil keiner da ist.
Dienstag:

Ich treffe mich abends mit meinem Freund Carl, der aus Berlin zu Besuch ist. Dafür ist die Spezlwirtschaft im Zerwirkgebäude gut, weil es einerseits das älteste Haus Münchens ist (1246!) und andererseits eben eine junge Kneipe, Stadtbesucher kriegen also historische Spannung und Spaß auf einmal. Die Karte ist allerdings doch etwas dürftig und genau die gleiche wie vor einem Monat. Also essen wir Schnitzel, während Carl davon erzählt, wie er in den 90er-Jahren beschloss, Reporter zu werden, auf gut Glück seine erste Reportage schrieb und sie an den "Rolling Stone" schickte, der prompt 3000 DM dafür bezahlte. Das Schnitzel ist ok, allerdings bei Weitem nicht das Beste und der komische kalte Kartoffelstampf dazu funktioniert gar nicht. Mein Essen hier zu fotografieren ist mir höchst unangenehm, deswegen gibt’s nur einen Versuch. Wir trinken Pils und Wein.
Mittwoch:

Heute führt mein Nachmittagsspaziergang beim Asia-Laden vorbei, der wirklich den nettesten Asia-Ladenbesitzer hat, den ich kenne. Er erklärt zu jedem Produkt sämtliche Möglichkeiten, was sogar fast ein bisschen anstrengend ist. Ich kaufe Zitronengras, Bambusstreifen, Thai-Basilikum, Rohrzucker, Nudeln, Kokosmilch und diese süß-scharfe Chili-Soße, die ich in zerstreuten Momenten auch mal pur löffle. Beim Herrmannsdorfer gibt’s heute Wagyu-Huhn, jedenfalls ist es genauso teuer. Asiatisch kochen macht mir allergrößtes Vergnügen, heute umso mehr, weil mir J. beim Schnippeln hilft, sie schneidet wirklich mit bewundernswerter Präzision Julienne-Streifen, ich habe ja meist nach der ersten Paprika gleich keine Lust mehr auf Geometrie. Weil ich kein Sesamöl mehr habe, nehme ich zum Anbraten Kokosfett, das noch von irgendeiner Plätzchen-Produktion im Kühlschrank ist – geht sehr gut.

Donnerstag:

Ah, heute macht J. Zucchinipuffer. Sehen fotografiert aus wie gerupfter Pappkarton, schmecken aber deutlich besser, weil auch Minze drin ist und die Puffer dadurch orientalisch flott wirken. Außerdem ist der Alpkäse, den wir letzte Woche aus der Schweiz mitgebracht haben, darin ziemlich gut aufgehoben. Ich mache den Kräuterquark dazu, mit Basilikum und Petersilie, die wir noch von unserem Acker eingefroren haben - das ist wie alte Bekannte aus den Sommerferien wieder zu treffen. Mein Trick beim Kräuterquark ist die Mischung der Milchprodukte, ich nehme immer einen Becher Quark, einen Becher Joghurt und dazu entweder noch Creme Fraiche oder Schmand oder Saure Sahne, was gerade an Sauermlich da ist, und dann wird ganz viel gerührt. Ich schwöre auf das Rühren, vielleicht ist es aber auch nur Einbildung. Zum Schluss noch einen guten Schuss Olivenöl rein und das Kräutersalz, das mein Vater in Ungarn gemacht hat. Und ein bisschen Knoblauch, natürlich.
Freitag:

Heute friere ich den ganzen Tag und deswegen will ich abends eigentlich gar nicht mehr raus, aber Freund Friedemann überredet mich doch und wie immer in solchen Fällen ist es dann ganz besonders nett. Wir landen in der Gabanyi Bar am Beethovenplatz, wo man nicht nur sehr gut trinken kann, sondern auch verschwörerisch vom Kellner geflüstert bekommt, was es heute in der Küche gibt. Immer dabei: Rindsgulasch und das ist wirklich eine Wucht. Ich bin selbst eine passionierte Gulaschkanone, aber das, was hier präsentiert wird, ist schon sehr irre – genau zwei faustgroße Stücke Fleisch in einer Paprikatunke, auf die jeder Fiakerfahrer stolz wäre. Um solche Brocken so zart zu kriegen, muss ganz schön lang geschmort worden sein und das merkt man dem Gulasch wirklich an. Ich bin so glücklich, dass ich vergesse, ein Foto zu machen, aber es wäre eh zu dunkel gewesen. Deswegen muss ich das jetzt malen, was dem Gulasch natürlich niemals gerecht wird.
Samstag:

Eines der Signature-Gerichte von J. ist Tintenfisch-Pasta. Weil wir noch ein Glas Tinte rumstehen hatten, gibt es das heute, ich muss allerdings weit laufen, um die Tuben dafür zu bekommen, sonst gibt es die eigentlich tiefgefroren überall. Das Gericht ist fototechnisch natürlich eine Katastrophe, schmeckt aber toll, weil der Tintenfisch ganz lange mit Nelken und Piment köchelt, was am Schluss zusammen mit Zitrone und Petersilie einen Geschmack ergibt, der genau konträr zur Farbe ist, irgendwie leicht und sehr südlich. Nudeln von DeCecco und weil das Gericht so aus Venedig kommt, gibt es dazu ein bisschen Prosecco.
Sonntag:

Morgen fahre ich nach Spanien, deswegen gibt’s heute noch mal deutsches Soulfood: Kassler mit Kraut. Das ist nun nicht gerade Punk, aber eben irgendwie doch. Sauerkraut ist was Grundgutes, da gibt es gar nix. Ich reibe immer noch einen Apfel rein, dann wird es ganz mild.
Auf der nächsten Seite liest du den Kosmoskoch-Fragebogen von jetzt-Mitarbeiter Max Scharnigg.
- Burger-Fest und innige Spätzle-Liebe 21.05.2013
- Zugessen und schlotziger Couscous-Salat 13.05.2013
- "Ohne Spargel ist nicht richtig Frühling" 06.05.2013
- Bohnensuppe und Brot aus dem Waffeleisen 29.04.2013
- Nudeltage sind gute Tage 22.04.2013
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