03.02.2013 - 18:30 Uhr

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Das Liebesdrama aus dem Telefon

Text: christian-helten

Wie aus einem Handykauf bei Ebay ein Buch wurde.

Eigentlich war das Handy ein totaler Fehlkauf. Sein neuer Besitzer hatte es auf Ebay erworben, für etwa 40 Euro, ein gebrauchtes Modell von Sony Ericsson. Wirklich benutzbar war es nicht, der alte Akku hielt maximal drei Stunden. Dafür barg das Handy einen unerwarteten Schatz.

Der Speicher war voller Nachrichten aus dem SMS-Posteingang seiner früheren Besitzerin. 900 Stück insgesamt. Der neue Besitzer begann zu lesen – und konnte nicht aufhören, so gebannt war er: „Ich verhedderte mich in einem Netz von Beziehungen, Anschuldigungen und Liebesbeweisen.“ Das schreibt er im Vorwort zu seinem Buch „Die Jule mit den Pizzabrötchen“, Untertitel: „Eine Liebesgeschichte in 52 Akten“. Es enthält 500 der 900 Nachrichten, unkommentiert aneinandergereiht, mit allen Fehlern und Unzulänglichkeiten schnell getippter Botschaften, endend mit der letzten SMS, die auf dem Telefon zu finden war, beginnend mit der ersten, in der die Dramatik schon anklingt: „Schatzi Hasi: Ich mache alles hauptsache ihr gehts gut.“ Dazwischen findet der Leser ein Auf und Ab aus Liebesschwüren, Streitereien und Versöhnungen, Eifersucht und Problemen. Jule, die junge Handybesitzerin, gerät in eine finanzielle Notlage, wird von ihrem Exfreund belästigt und glaubt, schwanger zu sein. Mehr Drama hätte sich der Herausgeber des Buches, der lieber unerkannt bleiben will, nicht ausdenken können. Und Jules Geschichte ist echt passiert.



Auch wenn die Namen aller Beteiligten im Buch geändert wurden, um deren Privatsphäre zu respektieren - die Echtheit der SMS-Konversationen befriedigt voyeuristische Bedürfnisse des Lesers, fordert ihn aber auch heraus. Die Gespräche zwischen den Kurznachrichten bleiben ihm verborgen, ebenso die Nachrichten, die Jule selbst geschrieben hat. Streitereien sind deshalb plötzlich vorbei, ohne dass der Leser weiß, warum. Er muss mutmaßen, interpretieren, Indizien auswerten.

Jules Geschichte ist aber nicht nur ein Liebesdrama, sie ist auch ein kleines Lehrstück über das Kommunikations- und Konsumverhalten unserer Generation. 2011 hat eine Studie in den USA ergeben, dass Jugendliche zwischen 18 und 24 Jahren im Durchschnitt mehr als 100 SMS-Nachrichten austauschen – täglich. Wer sich je gefragt hat, wer diese Menschen sind, hat in Jule jetzt ein imposantes Beispiel vor Augen. Das Telefon ist ihre Lebensader, ohne die sie nicht kann. Auf besonders schockierende Weise wird das deutlich, wenn man in ihrem Posteingang innerhalb weniger Tage Nachrichten liest, aus denen deutlich wird, dass sie einerseits ihre Miete nicht zahlen kann, andererseits von ihrem Mobilfunkanbieter Rechnungen über 227 Euro bekommt.

Aber auch die Entstehungsgeschichte des Buchs selbst konnte es so nur in unserer heutigen Konsumwelt geben. Die elektronischen Produkte, die wir kaufen und verkaufen, speichern unsere Persönlichkeit, und wenn wir nicht aufpassen, geben sie unser Intimstes an den neuen Besitzer weiter. Was damit geschieht, hängt von den Wirren und Wendungen der Wege ab, die das Produkt durch Second-Hand-Läden, Flohmärkte oder Onlineshoppingportale einschlägt. In diesem Fall hat der neue Besitzer dieses Intimste veröffentlicht. Jahrelang hat Jules Geschichte in einem Telefon mit altersschwachem Akku geschlummert. Jetzt ist sie öffentlich geworden.

 
„Die Jule mit den Pizzabrötchen“, 152 Seiten, erschienen bei Possible Books.



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52 Kommentare
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the_6th_sense
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Mag ich Mag ich nicht

3

03.02.2013 - 19:15 Uhr
the_6th_sense

wenn er es ohne jules einverständnis veröffentlicht hat, ist es jedenfalls strafbar

LaLaine
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Mag ich Mag ich nicht

2

03.02.2013 - 22:32 Uhr
LaLaine

the_6th_sense sagte:
wenn er es ohne jules einverständnis veröffentlicht hat, ist es jedenfalls strafbar


Ich vermute mal ganz stark, dass sie nichts davon weiß. Wäre spannend, ihre Reaktion zu sehen, wenn sie es erfährt. Sie hätte die SMS ja zumindest löschen können, bevor sie das Handy verkauft.

Sunset_
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Mag ich Mag ich nicht

1

04.02.2013 - 00:34 Uhr
Sunset_

Der hat mit Sido Ähnlichkeit.

Dr_Wolf
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Mag ich Mag ich nicht

0

04.02.2013 - 09:27 Uhr
Dr_Wolf

Wir haben in Ghana auch gebrauchte Handys für den Alltag gekauft und auf einem waren auch zig hundert deutsche SMS drauf. Also zumindest einfach löschen wäre da intelligent... Sind halt doch auch ganz intime Dinge die da besprochen werden. Wo wir wiederum bei der Datenschutz-Debatte sind.

alter_hund
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Mag ich Mag ich nicht

0

04.02.2013 - 09:29 Uhr
alter_hund

Spannender wäre es, wenn der neue Besitzer auch mal unter "gesendet" geguckt hätte. Wenn da auch 900 Nachrichten sind, könnte das Buch fast so was wie "Gut gegen Nordwind" sein.

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Mag ich Mag ich nicht

0

04.02.2013 - 09:38 Uhr
alter_hund

the_6th_sense sagte:
wenn er es ohne jules einverständnis veröffentlicht hat, ist es jedenfalls strafbar


Nur wenn die sms "gegen unberechtigten Zugang besonders gesichert" sind (§ 202a StGB).

the_6th_sense
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Mag ich Mag ich nicht

0

04.02.2013 - 10:55 Uhr
the_6th_sense

alter_hund sagte:
the_6th_sense sagte:
wenn er es ohne jules einverständnis veröffentlicht hat, ist es jedenfalls strafbar


Nur wenn die sms "gegen unberechtigten Zugang besonders gesichert" sind (§ 202a StGB).


äh... what? ich darf doch nicht ohne zustimmung fremde sms veröffentlichen!
das verstößt gegen das persönlichkeitsrecht (und in diesem fall sogar gegen das urheberrecht.)
in dem paragrafen geht es ja nur um den zugang, aber nicht um eine (kommerzielle) öffentliche verwertung!

und die ist untersagt, sofern die betreffende person nicht selbst damit an die öffentlichkeit getreten ist, ein überwiegendes öffentliches informationsinteresse steht oder die nutzungsrechte erteilt wurden.
(so kenne ich es zumindest aus der filmbranche.)

Arthanis
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Mag ich Mag ich nicht

0

04.02.2013 - 12:10 Uhr
Arthanis

the_6th_sense sagte:
alter_hund sagte:
the_6th_sense sagte:
wenn er es ohne jules einverständnis veröffentlicht hat, ist es jedenfalls strafbar


Nur wenn die sms "gegen unberechtigten Zugang besonders gesichert" sind (§ 202a StGB).


äh... what? ich darf doch nicht ohne zustimmung fremde sms veröffentlichen!
das verstößt gegen das persönlichkeitsrecht (und in diesem fall sogar gegen das urheberrecht.)
in dem paragrafen geht es ja nur um den zugang, aber nicht um eine (kommerzielle) öffentliche verwertung!

und die ist untersagt, sofern die betreffende person nicht selbst damit an die öffentlichkeit getreten ist, ein überwiegendes öffentliches informationsinteresse steht oder die nutzungsrechte erteilt wurden.
(so kenne ich es zumindest aus der filmbranche.)


Verstehe ich auch so. § 202a StGB stellt Ausspähen von Daten unter Strafe, sofern diese wie oben geschrieben besonders gesichert sind.
Veröffentlichen ist allerdings nochmal was anderes; besonders mit kommerziellem Hintergrund.

christian-helten
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04.02.2013 - 12:21 Uhr
christian-helten

Hinweis: Die Namen der beteiligten Personen aus den SMS sind im Buch alle geändert worden. Ich habe diese Information jetzt auch im Text ergänzt...

Montagsgast
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Mag ich Mag ich nicht

1

04.02.2013 - 12:31 Uhr
Montagsgast

Arthanis sagte:
Verstehe ich auch so. § 202a StGB stellt Ausspähen von Daten unter Strafe, sofern diese wie oben geschrieben besonders gesichert sind.
Veröffentlichen ist allerdings nochmal was anderes; besonders mit kommerziellem Hintergrund.



Der Autor hat das Handy doch ganz normal bei einer führenden Online-Platform gekauft.

Nicht mal per Handschlag am Flohmarkt, sondern nachweislich gegen Geld ordnungsgemäss erworben.

Warum soll ihm dann der Inhalt des SMS-Speichers nicht gehören obschon er's doch vollumfänglich gekauft hat, Hard- und Software, incl. aller Daten, auch im Sinne der Urheberschaft?

Ausspähen von Daten?

Ausspähen?

Wenn er ordnungsgemäss für den gesamten Artikel bezahlt hat?

Nur weil die Dummheit, einen vollen SMS-Speicher zu verkaufen peinlich oder anrührend ist, soll die Sache strafbar sein?

Leute, da haperts aber juristisch ganz gewaltig.

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