Marathonglotzen oder wöchentliches Date?
Wenn eine neue Serie startet, erlaubt das Diktat des Fernsehprogramms immer nur eine neue Folge pro Woche. Das kann man als Folter empfinden oder als Verlängerung des Serienvergnügens. Ein Fall für zwei.
Soll man aufhören, wenn es am schönsten ist? Bloß nicht, findet Juliane Frisse – und plädiert fürs Marathonglotzen statt künstlicher Verknappung.Es gibt wenig an Menschen, das mir unheimlicher ist, als wenn jemand in der Lage ist, einen angebissenen Schokoriegel zurück in den Kühlschrank zu legen, um sich den Restriegel für später aufzubewahren.
Zugegeben: Maß halten war noch nie meine größte Stärke. Ich feiere lieber, bis die Sonne aufgeht, statt um halb zwei eine Party zu verlassen und am nächsten Morgen durch den Park zu traben und frisch gepressten O-Saft zu trinken. Wenn ich etwas wirklich lustig finde, kann ich stundenlang hysterisch kichern. Und wenn ich Sport mache, möchte ich danach durchgeschwitzt und völlig außer Atem sein. Ich finde Exzess geil. Genauso auch exzessive Askese oder exzessives Arbeiten. Aber dazwischen nur sehr wenig – und vor allem keine angebissenen Schokoriegel. Deshalb sehe ich auch Serien am liebsten staffelweise und nie Folge für Folge.

Wenn ich mir in einer sehr langen Nacht eine komplette Staffel "The Wire" reingezogen habe, dann war ich danach zwar müde und ausgelaugt. Das wäre ich zwar nach einem fesselnden Buch ebenfalls gewesen – nächtelang zu lesen ist allerdings trotzdem nicht so schlecht beleumundet. Wohl, weil es nicht an einem Bildschirm geschieht, denn das ist im Übermaß ja angeblich immer schon die Vorstufe zum gesellschaftlichen Problemfall – egal, ob man fernsieht oder zockt. Dabei glaube ich eigentlich, dass Marathonglotzen vielen Serien eher gerecht wird. Vielleicht nicht unbedingt einer Sitcom, die auf den schnellen Konsum angelegt ist, aber doch den großen, epischen Erzählungen, derentwegen Serien in den Feuilletons als Kulturgut gefeiert werden. Denn wenn ich staffelweise schaue, dann tauche ich wirklich in den Kosmos einer Serie ein, bin, um im Slang eines Fernsehkindes zu sprechen, mitten drin statt nur dabei, ob es die „Projects“ von Baltimore sind oder ein Crystal-Meth-Labor in Albuquerque.
Aber auch die Serien, die etwas leichter daherkommen, sehe ich lieber am Stück. Als die erste Staffel von „Girls“ in den USA lief, erzählten viele, wie toll die Serie sei, dass sie mir bestimmt gefiele und ich sie unbedingt sofort gucken solle. Ich schaute mir daraufhin einen Trailer an, befand, dass die vielen wahrscheinlich Recht hatten – und wartete trotzdem lieber, bis alle Folgen verfügbar waren. Ich finde fast nichts unerträglicher als einen Cliffhanger, nach dem ich tatsächlich eine Woche ausharren soll, bis ich die Auflösung erfahre. (Auch Geduld zählt wohl nicht zu meinen herausragenden Fähigkeiten.)
Aber warum sollte ich mich denn gedulden? Mich einmal pro Woche, womöglich auch noch zu einer festen Uhrzeit, vor den Fernseher (oder den Laptop) zu setzen und dann exakt eine Folge anzusehen, erscheint mir seltsam anachronistisch in einer Welt, in der doch theoretisch alles immer verfügbar ist. Warum sollte ich genau dann etwas konsumieren, wenn irgendwelche Programmplaner befinden, dass es der richtige Zeitpunkt sei? Und warum sollte ich mich unnötig mit Cliffhangern quälen, wenn ich ebenso direkt zur nächsten Folge greifen und den Ausgang des Konflikts erfahren kann? Darauf zu verzichten ist für mich ähnlich absurd, wie ohne Internet und Warmwasser zu leben. Klar, ginge natürlich, aber wenn man nicht muss, wozu?
Warum das Diktat des Fernsehprogramms gar nicht so schlecht sein muss, erfährst du auf der nächsten Seite.
- Musik streamen oder besitzen? 16.05.2013
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