Eine Schildkroete fuer mich.

Ich halte die Luft an und dann bist du immer noch da.
Lautsprecherboxen. Asphaltgefluester. Frauen im Anzug und Maenner mit Nagellack. Bunte Krawatten, glatt gebuegelt aufs Herz.
Beach House im Kopf. 10 miles stereo.
Pierre Pejus kleine Kartaeuserin knipst das Licht an, damit ich draussen die vorbeifliegenden Doerfer sehen kann. Schnee stueckelt die Landschaft.
Als ich aussteige, sage ich, dass mir die Stadt zu gross ist. Obwohl ich in einer noch groesseren lebe.
Eine Frau am Kartenautomaten sagt mir, welches Ticket ich brauche. Meine Finger hoeren zu und dann frage ich jemanden, ob das da vorn die richtige Sbahn sei, dabei steht das Ziel laut und deutlich drauf.
Leises Ticken einer Bahnhofsuhr hoere ich in meinem Kopf. Es riecht nach Diesel und eine klobige Dame setzt sich in dem Vierer vor mich, sieht mich verstohlen an, waehrend ich die Stadt draussen nach einem Anhaltspunkt absuche. Sie raeuspert sich und ich finde keinen. Das Brot verknotet sich in meinem Magen, schlaegt Purzelbaeume, Salto mortale ins Publikum, alles schreit, die Sbahn rauscht im Gleichgewicht, mitten durch mich hindurch.
Die Dame hustet, meine Finger sind knochig und Weiss steht hervor, weil ich das Ticket so fest zusammendruecke.
Er haette mich auch abholen koennen, hat er gestern am Telefon noch gesagt. Klingelt mich wieder an, ganz weit entfernt. Ich will nicht reden.
Menschen werden unsichtbar, bewegen sich durchs Abteil, rauschen vorbei, Rauschen durch die Stadt. Sind mir zu gross, ich bin zu klein, sie schrumpfen, ich wachse, bis ich platze. Fussfesseln im Gedankengang und der Schlaf liegt mir noch auf der Zunge. Zwei Stunden Autofahrt, Mitfahrgelegenheit. Ich hab die ganze Zeit geschlafen.
Nicht einmal Musik habe ich dafuer gebraucht.
Ich schreibe V. und L., dass ich fast da bin. Beide kommen mit. Alleine kann ich nicht. Oder will nicht, ich weiss nicht so recht. Ich will sie dabei haben. Fuer den Moment. Den einen Moment, in dem ich ihnen gegenuebertrete.
In dem ich Angst habe, sie koennten mich in den Arm nehmen und sagen, ich waere doch ein Teil von ihnen. Ich halte die Luft an und alles rauscht durch mich hindurch. Die Luft, die Stadt, der Augenblick.
Eine Kurve. Hauptbahnhof. Treffpunkt mit V.
Ich stehe am Rande eines Kiosks, an dem ich frueher mal Sepiapostkarten gekauft habe, hole den Zebrabeutel mit dem Tabak heraus und mir wird eine von diesen atemlosen Filterzigaretten in die Hand gedrueckt. Jemand bietet sie mir an und sagt, er moege das nicht, wenn Leute drehen.
Gut, sage ich, beisse in die Luft, aber sie blutet nicht. Ich glaube, die Reste des Erdbeerbodens habe ich in Krakau vertanzt.
Male mit dem Mund Drachen in die Luft und er erzaehlt etwas. Ich weiss nicht genau, worueber wir geredet haben. Erst als er mich fragt, was ich denn hier mache, sagt er mir, dafuer sei ich aber erstaunlich gefasst. Ich lasse ihn schlucken und hebe endlich ab, als ich noch einmal angerufen werde.
Nein, er muesse mich nicht abholen, sage ich, meine Freundin haette eine Verbindung rausgesucht. Ich habe da gar nicht dran gedacht. Ich habe mir nur den Weg zum Bahnhof rausgesucht. Dann haette ich da gestanden, jemanden angerufen und mich durch das Labyrinth aus Abgasen, Asphalt und kalter Luft lotsen lassen.
V. gegenueber wiederholt er das noch einmal, als sie mir entgegentanzt. Ganz ruhig, ganz still, als haette jemand Sprache ausradiert. Wir unterhalten uns noch ein Stueck, bis V. sagt, sie muesse noch einmal zur Bank, ich gehe mit. Als wir zurueckkommen, ist er verschwunden. Der Mensch, der mir eine Packung Kippen geschenkt hat, weil er Mitleid hat, nicht verstehen kann, wie gefasst ich bin.
Ich lache manchmal und hab das schlechte Gewissen wegradiert.
Das letzte Mal, als ich hier gewesen bin, habe ich Val gefragt, wie weit es zu deiner Adresse sei. Weil ich Angst hatte, dir unvorbereitet ueber den Weg zu laufen. Ich bilde mir ein, du haettest mich sofort erkannt.
Jetzt ist das siebzehn Tage her, neben mir steht eine Flasche aus Plastik und Beach House schaukelt sich durch die Nacht. Vorgestern haben sie deine Asche in einer Urne beigesetzt, jetzt ist wirklich nichts mehr uebrig von dir.
Einfach nichts.
Manchmal bilde ich mir ein, du wuerdest noch irgendwo sitzen und mir zusehen. Beim Zeichnen, beim Zaehneputzen, ich weiss es nicht. Dann schiebe ich den Gedanken sofort beiseite, weil ich keine Zeit dafuer habe. In der Uni eine Maschinerie, bei der Arbeit muss ich funktionieren.
Eine Woche hat mich ein neuer Hausarzt von der Arbeit freigestellt. Das war das einzige Mal, als ich geweint hab. Entschuldigt hab ich mich bei ihm. Eigentlich dafuer, dass ich so feige bin und nur da Wasser aus meinen Augen gekrochen ist. Ich war wuetend auf mich. Dafuer, dass er gedacht hat, ich haette das deinetwegen getan.
Dabei bin ich einfach nur geplatzt, von innen nach aussen, der gelbe Butterballon, der mit Feuer gefuellt war, in der Luft aufgeloest und der Schnee hat die Geraeusche verschluckt. Der Arzt hat mich in den Arm genommen und gesagt, ich solle mich nicht entschuldigen, und, dass es wichtig sei, das rauszulassen. Dabei habe ich nur laut ausgesprochen, dass mein Vater gestorben ist. Was sonst noch passiert ist, weiss er nicht. Ich habe gedacht, ich haette alles erzaehlen muessen, damit er mir ueberhaupt zwei Tage gibt. Nicht, dass das so einfach ist.
Meinen Mitbewohnern gegenueber kann ich das ganz sachlich sagen. So, als haette ich mir endlich Vorhaenge gekauft. Dass das schon ausreicht, um traurig sein zu duerfen, darueber habe ich gar nicht nachgedacht.
Als ich die Praxis verlasse, schieben meine Fuesse den Schnee beiseite, und zu Hause angekommen, lege ich mich einfach wieder ins Bett. Neben mir liegt das Foto, das sie mir nach dem letzten Lied in die Hand gedrueckt haben.
Als wir rausgegangen sind. An dieser riesigen Holzkiste vorbei, die die ganze Zeit direkt vor mir gestanden hat, waehrend der Raum mich verschluckt hat und Augen sich in meinen Ruecken gebohrt haben, V.s Hand auf meinem Bein. Das mit dem Beistand kann ich nicht.
L. steht mit den drei Rosen vor der Tuer, wartet, nimmt mich in den Arm und entschuldigt sich, dass sie den Zug verpasst hat.
Ach, das ist die Schwester, sagen sie. So, wie sie vorher gesagt haben, Ach, das ist die Tochter. Als ich mit dem Ruecken zum Kondolenzbuch gestanden und nichts reingeschrieben habe. Was denn auch ? Meinen Namen. Ein Etikett im Buch.
Ich steige in ein Auto, eingekesselt von L. und V. Vorne meine Tante und mein Onkel. An Baeumen vorbei, es regnet oder schneit. Und sie lotsen uns zu einem Cafe, waehrend ich in Eindruecken ertrunken bin und nicht verstehe, worueber sie sich unterhalten, vielleicht haben sie auch gar nichts gesagt.
Fotobuecher werden herumgereicht, eine deiner Schwestern hat sie zusammengestellt. Dein Leben als Kurzabriss.
Fakten aneinandergereiht.
In der Trauerrede wurde ich auch mit erwaehnt, fremd. Auch ueber deine Krankheit sprechen sie, sagen nicht, dass es eine Psychose ist. Ich fuehle gar nichts, als ich eine Stunde lang direkt vor dir sitze, dabei kommt esmir wie eine Ewigkeit vor. Zwei grosse Bilder, Blumenkraenze. Keine Kirche, eine Feierhalle direkt am Friedhof. Emotional ausgeloeffelt wie eine kalte Obstschale.
This is the end, my friend von den Doors, ausserdem noch ein anderes Lied, auch von den Doors, aber ich erinnere mich nicht mehr, welches. Nur zu dem ersten habe ich eine Zeichnung gemacht.
Im Cafe sitzt eine meiner Cousinen mir gegenueber, sieht mich an, als koennte sie in mich hineinschauen. Ich rede mit ihr, sage, was fuer ein Zufall es sei, dass sie genau in der Strasse wohne, in der ich arbeite.
Von der Torte bringe ich nicht viel herunter, Zucker, Sahne, ich ersticke fast daran. Ich esse das Stueck auf, weil ich dann das Gefuehl habe, ich sei wieder ausgefuellt, eine pragmatische Handbewegung, ein Zwang koennte mir die Schwerkraft wieder einverleiben.
Es hilft nicht wirklich.
Zwei Stunden spaeter kurven wir weiter durch die Stadt, die gleiche Besetzung wie vorhin, ich stecke auch in einem Rahmen, genau wie du, nur dass ich kein Foto bin. Ich sitze in der Mitte und habe dein Bild in meinen Rucksack geklemmt.
Viel Zeit bleibt nicht, ich habe fuer den Abend gleich die Rueckfahrt organisiert. Ich will so kurz wie moeglich bleiben, vielleicht, weil kurze Zeit so kostbar ist.
Dann sitzen wir in einem anderen Teil der Stadt auf einem grauen Sofa, L. links neben mir, V. auf einem anderen rechts neben mir. Dein Bruder sitzt auch da, und versucht, uns mit allen Mitteln der Kunst zu verkoestigen. Ich habe keinen Appetit, L. und V. lehnen aus Hoeflichkeit alles ab.
Ich haette doch sicher Fragen, sagt dein Bruder zu mir, und mir faellt nichts ein. Ich habe Angst, dass das Glas in meiner Hand in tausend Stuecke zerspringt, waehrend die Tropfen Wasser schluckweise sprunghaft meinen Hals herauf und herunter springen.
Pro forma farge ich nach dem Grund fuer den Ausbruch deiner Krankheit, was der angedeutete Ausloeser in deiner Kindheit gewesen sein soll. Aber dein Bruder ist ungefaehr so abgebrueht wie ich. Er erzaehlt lapidar, dass es da noch einen aelteren Bruder gab, der sich erschossen habe. Den du auszugraben versucht haben sollst.
Einfach so ganz nebenbei.
Dann frage ich nach Bildern von dir, nach Zeichnungen. Eine haben sie da, eingerahmt. Ganz gelb und bunt, ein Selbstportraet, mit vielen Koepfen, die aus einem grossen herauswuchern. Ich blicke irgendwo hinein und fuehle mich damit besser als mit den Fotografien von dir. Das sieht mehr aus wie du, wie ein Teil von dir.
Als M. kommt, sitzen wir im Wintergarten, ich habe mich aus dem Gespraech ausgeklinkt. L. und V. sprechen jetzt fuer mich, und die anderen beiden erzaehlen auch. M. erzaehlt, dass du mir mal eine Schildkroete schenken wolltest, die aber in der naechsten Post zurueck gekommen sei. Das hat meine Mutter mir nie erzaehlt. Du weisst gar nicht, was das aendert fuer mich. Dieser eine Satz, diese kleine Bemerkung.
Ich bin dankbar, dass irgendwann der Mitfahrmensch anruft und sagt, wir koennten auch schon frueher los.
Auf dem Parkplatz bedanke ich mich bei L., die wieder mit dem Zug nach Hause muss, verabschiede mich etwas wortkarg von den beiden Menschen, die uns hingefahren haben, und steige mit V. in das Auto mit Berliner Kennzeichen, das mich einfach verschluckt wie eine Bettdecke, unter der man traeumen kann.
Er versucht, ein Gespraech in Gang zu bringen, V. reagiert manchmal darauf. Ich stuetze meinen Kopf gegen das Fenster, die Nacht ist wach und ich verkrieche mich darin.
Erst auf einem Rastplatz wache ich ein bisschen auf, steige aus dem Auto, in mir drin ein Trancezustand, der nicht wegzukriegen ist, aussenrum kalte Luft und flapsige Daemmerung.
Toilettenpause sagt der Mensch, V. und er verschwinden und ich stehe neben dem Auto und sortiere meine Beine, eins neben dem anderen.
Als sie zurueckkommen, erzaehlt der Mitfahrmensch etwas, an den Anfang erinnere ich mich nicht. Die Luft zerfressen wie die Glieder. Dass seine Frau ganz ploetzlich vor zwei Jahren gestorben sei. Ich halte die Luft an, waehrend er und V. eine rauchen. Von dir erzaehle ich nichts. Ich bin muede, wir sind eine halbe Stunde vor Berlin.
Erst beim Abschied bedanke ich mich, druecke ihm Geld in die Hand und stehe mit V. noch einen Moment vor dem Ubahnhof, um meinen Kopf zu sortieren, auf dem Boden liegt ein rostiger Schluessel, einer von dieser alten breiteren. Ich schiebe ihn mit dem Fuss zur Seite, aufheben will ich ihn nicht. An den drei Rosen, die L. mit zur Trauerfeier gebracht hat, halte ich mich fest.
Wenn V. nicht gesagt haette, sie kaeme danach noch mit nach Berlin, waere ich vermutlich einfach umgefallen, weinen kann ich nicht. Ich glaube, vor zwei Jahren, als ich nach Berlin kam, sind die Druesen versiegt, es ist einfach nichts mehr darin.
Die letzte halbe Stunde Ubahnfahrt kommen mir wie viele Ewigkeiten vor, und ich bin froh, als ich endlich wieder Boden unter den Fuessen habe, als wir in der Kueche sitzen, V. hat Bier gekauft und meine Mitbewohner fragen, wie es dort war, wie meine Familie gewesen ist, wie du gestorben bist. Mein Mund faselt, ich bin muede, er redet jetzt fuer mich, ich kontrolliere das nicht, V. ergaenzt den Gedankengang.
Surreal.
Nichts geht raus und nichts kommt herein. Mein Kopf ist ein Vakuum, das nicht platzen kann, nicht in sich selbst verschwindet. Ich kann nicht traurig sein, ich kann nicht wuetend sein, ich bin nicht einmal durcheinander, ich bin einfach nur irgendwo mittendrin. Mein Koerper fuehrt Handgriffe aus, ich bewege mich mit.
Letzte Woche war R. hier, dessen Vater auch sehr frueh gestorben ist. Lag neben mir, ich war nicht einmal physisch vorhanden. Er hat mich in den Arm genommen, das war mir schon zu viel, und ich hab mich aufgeloest.
Unsichtbar, schreibe ich einer Jetztmenschin, in dieser Nacht war ich einfach unsichtbar. Da war jemand und wollte fuer mich da sein und ich hab mich einfach aufgeloest. Nicht mitgearbeitet.
Ich weiss gar nicht, was ich sagen soll. Was redet man denn dann ?
Mein Kopf summt seit Tagen und mein Magen zieht sich immer weiter zusammen, weil ich nicht sprechen kann. Aber ich finde die Worte einfach nicht, rufe Paula ins Leben. Ein kleines Zeichenprojekt, das mir verbietet, sofort meine Koffer zu packen und abzuhauen. Weit weg, irgendwohin. Nur meine Ratten und ich. Dorthin, wo die Sonne ist.
Sommer.
Wo ich am Meer sitzen und mit den Fuessen im Sand versinken und vielleicht auch mal aufatmen kann, hier kann ich das einfach nicht.

(Diese Schildkroete entstand bei meinem Nebenjob mit den Kiddies.)
Vergiss den Strand, geh da hin wo nichts ist und hoer dem Land zu. Straende wollen immer Aufmerksamkeit.
... Dir alles Gute.









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28.01.2013 - 21:46 Uhr
Fatou_