27.01.2013 - 18:30 Uhr

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Wo ist das Hobby hin?

Text: mercedes-lauenstein - Foto: Aenbde / photocase.com

Unsere Autorin hat wie so viele keine Konstante mehr in ihrer Freizeit - und musste erst lernen, das nicht schlimm zu finden.

In den Poesie-Alben meiner Kindheit wurde so selbstverständlich nach Hobbys gefragt wie nach dem Namen oder der Lieblingsfarbe. Mit der Reihe meiner offiziellen Kinderhobbys – Leichtathletik, Reiten, Klavierspielen – die ich jeweils für ein paar Jahre ausgeübt habe, verbindet mich heute allerdings nichts mehr, nicht einmal eine nostalgische Erinnerung. Das Hobby rückte gegen Ende der Schulzeit immer mehr in den Hintergrund, andere Sachen wurden wichtiger, Kellnern, Reisen, Freunde treffen. Hin und wieder las ich, schrieb etwas, zeichnete und nähte, aber als richtiges Hobby konnte ich keine dieser versprengten Tätigkeiten bezeichnen. Bis heute ist das so geblieben: Ich mache immer irgendetwas – nur nichts regelmäßig. Manchmal überfällt mich darüber ein schlechtes Gewissen. Vielen meiner Freunde geht es genau so.

Laut etymologischem Wörterbuch ist das Wort Hobby eine Verniedlichung von horse, das wortwörtliche Steckenpferd eines Menschen, das einfach nur „jegliche Beschäftigung zur Erholung und zum Zeitvertreib“ meint. Will man sich mit dem Begriff des Hobbys befassen, muss man sich also vor allem mit dem Begriff der Freizeit befassen. Und dessen Geschichte ist in Deutschland nicht gerade alt. Die erste Erwähnung des Wortes Freizeit im Duden findet sich im Jahr 1929. Erst durch die Industrialisierung verschob sich der Fokus der Menschen allmählich von der Arbeit auf die Freizeit. Noch bis in die Fünfzigerjahre hinein war die freie Zeit neben der Arbeit zum bloßen, nicht weiter von hohen Erwartungen gebeutelten Ausruhen gedacht.

Das Wort Hobby kommt vom englischen Begriff für Pferd. Manchmal sieht es aus, als wäre dieses Pferd vom Aussterben bedroht.

Der konkrete Hobby-Begriff wurde erst in den Sechzigern populär. 1964 schrieb die Wissenschaftlerin Liselotte Moser in ihrer Doktorarbeit über die Zusammenhänge zwischen Beruf und Hobby: „Ein nicht realisierter, echter Berufswunsch wird oft kompensiert durch ein mit diesem Berufswunsch verwandtes Hobby.“ Über eines ihrer Fallbeispiele, eine junge Medizinstudentin, die lieber Bildhauerin geworden wäre, aber die Kunst nun als Hobby ausübt, schreibt sie: „Ihr bevorzugtes Hobby wirkt gegen die gereizte Stimmung so sicher wie ein gutes Beruhigungsmittel gegen Nervosität.“ So alt dieser Satz ist, so stimmig trifft er das, was wir uns von unserer Freizeit eigentlich versprechen: ein Interesse, das von keinerlei äußeren Erwartungen abhängt und einem eine Art Freund sein kann, der einen als verlässliche Konstante durch Krisenzeiten trägt. Auch ich sehne mich nach solch einer Konstanten. Als Idealbild dessen schwirrt mir noch immer ein Hobby im Kopf herum. Doch gleichzeitig klingt das Wort in meinen Ohren altmodisch, verstaubt, eben nach einem Hobbykeller, in dem ein Mittfünfziger eine Modelleisenbahn fahren lässt.

Der Freizeitwissenschaftler Professor Ulrich Reinhardt von der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen in Hamburg führt mit seinem Forschungsteam regelmäßig Umfragen zum Freizeitverhalten der Deutschen durch. Er erklärt, dass die Erwartungen an die Freizeit heute viel höher sind als früher. In einer Zeit mit unzähligen Möglichkeiten wollen die Menschen immer weniger verpassen und ihre Zeit so sinnvoll wie möglich nutzen. In der Konsequenz können sie sich für nichts mehr richtig entscheiden. Das Ergebnis ist einerseits der klassische Freizeitstress – und etwas, das vielleicht erklärt, warum das Hobby als isolierte Tätigkeit an Bedeutung verliert: Ein einziges Hobby ist kaum jemandem noch genug. Fast jeder Deutsche übt alle zwei Stunden seiner Freizeit eine neue Tätigkeit aus. Kaum einer fängt am Samstagmorgen etwas an und hört erst am Abend oder am Sonntag damit auf. Reinhardt sagt: „Wir leben unsere Freizeit in einer Art Zwei-Stunden-Rhythmus. Wir brauchen stets etwas Neues. Den alten Satz meiner Jugend: ‚Tue eines zur Zeit’ gibt es so nicht mehr.“ Die Linien zwischen Freizeit und Arbeit verschwimmen zunehmend. Wir verbinden die Besprechung mit den Kollegen mit einem Feierabendbier. Wofür die Freizeit verwendet wird, ist so für viele kaum mehr überschaubar. Reinhardt betont allerdings, dass der Konflikt mit der Freizeit vor allem einer von Menschen sei, die kreativ arbeiten. Der Werftarbeiter mit festen Arbeitszeiten kann in seiner freien Zeit leichter abschalten als jemand, der noch spät abends in Filmen oder Büchern nach Anregungen und neuen Themen für seine Arbeit sucht.

Letztlich klingt der Begriff des Hobbys für mich also vor allem deshalb so überkommen, weil er nicht in meine Lebenswelt passt. Ich gehöre zur Gruppe derer, deren Leben ein schlecht zu trennender Brei aus Arbeit und Freizeit ist. Alles, was mich interessiert, könnte mich auf neue Ideen fürs Schreiben bringen – und lädt sich dadurch automatisch schon wieder mit einem gewissen Druck auf.

In den Studien der BAT-Stiftung wird neben dem gesteigerten Freizeitstress außerdem ersichtlich, dass kaum jemand sich noch ein Mehr an Zeit für das Internet, den Fernseher oder andere mediale Tätigkeiten wünscht – was laut Reinhardt vor einigen Jahren noch durchaus üblich war. „Der Großteil der Befragten will heute einfach nur eines: Endlich Nichtstun. Und endlich mehr Zeit für die Suche nach der inneren Ruhe übrig haben.“

Es ist also vielleicht überhaupt nicht schlimm, dass ich kein Hobby besitze, so lange ich mich mit Dingen zu beschäftigen weiß, die mir Freude bereiten. Tatsächlich wäre es wahrscheinlich am hilfreichsten für eine gesunde Freizeit, den Anspruch des „Hobbyhabens“ einfach ruhen zu lassen und stattdessen die Muße weiden zu lassen. Und vor allem: ein größeres Selbstbewusstsein für all die scheinbar so unbedeutenden Dinge aufzubringen, die ich in meiner freien Zeit tue. Spazierengehen, in Büchern schöne Stellen markieren und amerikanische Serien gucken – das sind letztlich alles hervorragende Beschäftigungen, die keiner weiteren Rechtfertigung bedürfen, solange sie mir, frei nach Liselotte Moser, „ein gutes Beruhigungsmittel gegen die Nervosität“ sind.



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laui
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Mag ich Mag ich nicht

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27.01.2013 - 19:49 Uhr
laui

Man nennt es vielleicht nicht mehr Hobby. Aber die meisten meiner Bekannten haben noch Hobbies odrr Freizeittätigkeite.
So gehörten Skaterturen mit meiner Tochter zu meinen oder ich fliege meine Drohne und mache Filmaufnahmen.

TheRebornGirl
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28.01.2013 - 00:54 Uhr
TheRebornGirl

Ich konnte schon in Poesiealben-Zeiten mit dem Wort nichts anfangen ...

Vorspeise
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28.01.2013 - 08:23 Uhr
Vorspeise

Ich glaub auch dass das Hobby ausstirbt... Tod dem Hobby! Brennen soll es, im Hobbykeller, wo es dann auch gleich verbuddelt wird.

MojoMenges2
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28.01.2013 - 09:32 Uhr
MojoMenges2

Es ist also vielleicht überhaupt nicht schlimm, dass ich kein Hobby besitze, so lange ich mich mit Dingen zu beschäftigen weiß, die mir Freude bereiten.


Klarer Fall von Zeitgeist: "Also, mein Hobby ist Spaß haben..."

BrittB
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28.01.2013 - 10:35 Uhr
BrittB

an die freundschaftsbücher kann ich mich auch noch erinnern.
als richtiges hobby kann ich auch nur meinen vereinssport bezeichnen und nach dem artikel finde ich das auch nicht mehr schlimm :-)

chrinamu
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28.01.2013 - 11:16 Uhr
chrinamu

Ich kenne immer noch sehr wenige Leute, die wirklich kein "Hobby" haben, auch wenn es bei Erwachsenen dann doch weniger sind als bei den Kindern, die ja von den Eltern sehr dazu animiert werden, eines zu haben, weil man das halt hat. War zumindest bei mir so, dass Lesen nicht zählte... ;) Selber hab ich nur noch eins, nämlich den Sport, und ohne den würde ich das Büro kaum aushalten. Den Sprachkurs hab ich aus Zeitmangel aufgegeben.

zweite_kassa_bitte
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28.01.2013 - 12:16 Uhr
zweite_kassa_bitte

mir fehlt Tennis so sehr

jungfrauMaria
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28.01.2013 - 14:20 Uhr
jungfrauMaria

Ich finde den text großartig. Ich kenne sehr viele Leute ohne "Hobby", obwohl das vielleicht nicht so wäre, wenn man Krimis lesen und Serien schauen als "Hobby" bezeichnen würde.
Ich selber habe eines meiner Jugendhobbys beibehalten und kompensiere damit tatsächlich meinen eigentlichen Berufswunsch. Das ist ganz schön traurig, wenn man da so drüber nachdenkt. Vielleicht bedeutet es ja auf der anderen Seite, dass die Leute, die kein Hobby haben, genau das von Beruf sind, was sie sein wollen.

Raschka
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Mag ich Mag ich nicht

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28.01.2013 - 22:54 Uhr
Raschka

MojoMenges2 sagte:
Es ist also vielleicht überhaupt nicht schlimm, dass ich kein Hobby besitze, so lange ich mich mit Dingen zu beschäftigen weiß, die mir Freude bereiten.


Klarer Fall von Zeitgeist: "Also, mein Hobby ist Spaß haben..."


"Lachen, Freunde treffen..."

theralf
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Mag ich Mag ich nicht

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29.01.2013 - 08:39 Uhr
theralf

Ich mache meinen Traumberuf. Und wie beim Werftarbeiter ist der auch meist zeitlich klar gegliedert. Auf eine bestimmte Weise ist zwar auch Kreativitaet gefordert, Anregungen dazu kann ich aber aus der Freizeit kaum beziehen (eher aus Erfahrung, da Handwerk).

In meiner Freizeit lese ich oder gucke mir Youtubevideos von technischen Geraeten an, aber Hobbies sind das keine richtigen. Aber eins habe ich doch: Motorrad Fahren. Nur fahren, dran rum basteln oder putzen tu ich nur aeuszerst wiederwillig. Wenn man sich da einmal draufsetzt, dauert das auch immer gleich ein paar Stunden (oder Wochen, wenn Urlaub). Und dann haelt man an, um sich interessante Orte oder Dinge anzuschauen und um Freunde zu besuchen. Ein richtig echtes Hobby also: es entspannt, sozialisiert, bildet und haelt sogar gesund. Und es duldet nicht die geringste Nebentaetigkeit! Anachonismus?

Ich mag deinen Artikel uebrigens sehr. Klar, praeziese und doch unterhaltend. Du hast es drauf dass ich mich als Leser persoenlich angesprochen fuehle!

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ist jetzt-Mitarbeiterin und hat diesen Beitrag verfasst.