25.01.2013 - 11:47 Uhr

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Brüderle im Geiste.

Text: synthie_und_roma in JETZTpartei (491)

Man sollte sich selbst nichts schönreden: man selbst ist auch ein Brüderle. Und zwar immer wieder. Die Geschichte mit dem Sexismus ist wie die mit dem Puff. Man kennt immer jemand, der mal im Bordell war, aber man selbst war es nie. Es stellt sich die Frage, wie solche Etablissements überleben können, wenn kein Mann jemals da war (ich natürlich auch nicht). Ein Wunder, ein Mirakel. Vielleicht denkt die FDP in Zukunft mal über Steuersenkungen für Freudenhäuser nach, damit die irgendwie durchkommen. Schließlich steckt in Stundenhotel ja auch das Wort Hotel.


Aber gefickt wird auch in der Krise. Genau wie Sexismus Alltag ist, unabhängig von den Wirtschaftsdaten. Auch meiner. Ich habe mir heute auf Twitter die Tweets unter dem Hashtag #aufschrei durchgelesen. Frauen berichten da von sexuellen Belästigungen in allen Formen: dumme Anmache, angrapschen, eindeutige Angebote, zweideutige Blicke, Herrenwitze. Das alles kommt jeden Tag vor: im Büro, auf der Straße, in der U-Bahn oder einfach nur so im Vorbeigehen. Für mich als Mann ist das schwer nachzuvollziehen, weil Frauen einen normalerweise nicht betatschen oder mit Blicken ausziehen. Mir ist es zwar auch schon passiert, dass mir eine Kollegin einen Klaps auf den Hintern gab mit der Bemerkung „Knackarsch“, aber ich habe das nicht als sexuelle Belästigung empfunden. Vielleicht auch, weil es einmal vorkam und nicht die Regel war. Im gleichen Betrieb hatten wir einen CEO, der alle jungen Frauen antatschte und von allen weiblichen Angestellten nur „Die Hand“ genannt wurden. Auch wir Männer wussten davon und niemand hat was gesagt. Aus Angst, man würde seinen Arbeitsplatz verlieren.


Wegen der aktuellen Diskussion habe ich mein eigenes Verhalten reflektiert: Gut, ich habe niemals eine Kollegin angetatscht, eine Frau auf offener Straße verfolgt oder wildfremde Damen in der U-Bahn zum Sex aufgefordert. Das käme für mich – Stand jetzt – niemals in Frage. Aber ich habe schon Zoten in Meetings gerissen, oder über blöde Herrenwitze gelacht, wenn andere Frauen dabei waren. Selbstverständlich schaue ich bei allen Frauen erst mal auf den Arsch und stimme mich mit den Kollegen über deren Aussehen ab. Ich will das nicht alles unter das Label Sexismus setzen: Als Mann betrachte ich jede Frau nicht nur als Mensch, sondern eben als Frau.


Andererseits habe ich mir einfach mal selbst ein paar Beispiele aus den letzten Wochen vor Augen gehalten: Meetings, in denen ich Ideen mit sexuellem Inhalt präsentierte (die aber keinesfalls als Anmache gemeint waren, der Kunde wollte selbst ein Konzept, bei dem es um das Thema Erektionsstörungen ging). Ich merkte aber bei der Präsentation, dass einer Kollegin mein Vorschlag zu weit ging und sie unangenehm berührt war. Oder noch was: In den letzten Wochen habe ich ein großes Casting mit geleitet: Viele tausend junge Männer und Frauen hatten sich beworben. Viele Frauen hatten ungefragt statt eines gewünschten Portrait-Fotos Bilder im Bikini gesendet – die habe ich mir natürlich als erstes angesehen. Bei einer sehr hübschen Frau schaute ich mir ihr Facebook-Profil an. Sie war unter anderem Unterwäsche-Model und entsprechend sexy. Ich druckte eines dieser Fotos der Dame in Lingerie aus und hing das Foto zum Spaß an die Bürotür – so konnten/mussten alle Kolleginnen es sehen. Ich persönlich sah darin keine sexuelle Belästigung, sehe dies aber nun anders. Das Bild habe ich heute früh abgehängt.


Es steckt eben in jedem ein Brüderle. Eine Zoten-König oder ein Blicke-Belästiger. Ich sollte mein Verhalten überprüfen, auch wenn ich von mir selbst niemals annehmen würde, ich wäre ein Sexist. Aber vielleicht ist das gerade die Gefahr: ich halte mich für einen modernen Mann, der Frauen ernst nimmt und für die Gleichberechtigung und die Frauen-Quote eintritt. Trotzdem bin ich in einigen Dingen nicht besser als ein Ol’ Dirty Brüderle oder ein Franz-Josef Wagner, der eine Bildungsministerin zunächst mal nach dem Äußeren bewertet.


Daher bin ich froh über die Diskussion – weil ich darin in erster Linie eine Aufforderung sehe, mich selbst zu überprüfen.




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85 Kommentare
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MsAufziehvogel
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Mag ich Mag ich nicht

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25.01.2013 - 11:58 Uhr
MsAufziehvogel

das ehrt dich unheimlich!

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Mag ich Mag ich nicht

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25.01.2013 - 11:59 Uhr
MsAufziehvogel

(ist ja wohl keine satire diesmal, oder?)

synthie_und_roma
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Mag ich Mag ich nicht

2

25.01.2013 - 12:03 Uhr
synthie_und_roma

Nein, keine Satire.

MsAufziehvogel
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Mag ich Mag ich nicht

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25.01.2013 - 12:04 Uhr
MsAufziehvogel

synthie_und_roma sagte:
Nein, keine Satire.


schon klar. war auch nur ne sicherheitsfrage :-)

Trilobitin
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Mag ich Mag ich nicht

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25.01.2013 - 12:05 Uhr
Trilobitin

grandios, wenn echt und ehrlich.

JoergAuch
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25.01.2013 - 12:05 Uhr
JoergAuch

Herrn Brüderle braucht man auch nicht satieren, der schafft das ganz alleine. :-D

gartenfrau
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Mag ich Mag ich nicht

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25.01.2013 - 12:11 Uhr
gartenfrau

danke.

pitz
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25.01.2013 - 13:38 Uhr
pitz

wenn das ehrlich geschrieben ist, bin ich angetan, wenn ich auch viele der einsichten inhaltlich für selbstverständlichkeiten halte, für die ich mich nicht zu bedanken habe.

the_it_girl
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25.01.2013 - 13:52 Uhr
the_it_girl

Danke.

afrirali
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Mag ich Mag ich nicht

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25.01.2013 - 18:17 Uhr
afrirali

wie wären wohl die reaktionen, wenn du, als heterosexueller mann, das bild eines knackigen jungen herren in unterhosen an die bürotür hängen würdest?

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