24.01.2013 - 18:30 Uhr

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Erwachsen

Text: sokratine

Aus: "Wachsen" - ein ernstzunehmendes Wortspiel

Es gibt Menschen, die freuen sich ein Leben lang auf den Moment, erwachsen zu sein. Kaum können sie laufen, wollen sie entlaufen. Kaum können sie trinken, da wollen sie sich betrinken. Erwachsen zu sein, bedeutet, heute, vom Tisch des Lebens zu essen, ohne sich für einen Anteil davon rechtfertigen zu müssen. "Jeder soviel, wie er mag!", deklamiert, twittert, gesichtsbucht die Menge. Und nasengehoben dazu: "Wir dürfen das! Wir sind ja schließlich erwachsen!" Markieren Sie dieses Bild ruhig als poetisch. 
Sie, ja, Sie. Was brauchen wir die gespielte Nähe, wenn wir einander nur noch anrascheln sollen, in Beamtendeutsch und Kundenklaumauk. Wenn wir erwachsen sind, dann sind wir ja quasi ausgewachsen, wie Bäume, die sich fest verankert und großstämmig gegenüberstehen und an deren Blättern das Leben entlang geschrieben wird. Bis einer umknickt, beim Kyrill des Alltags. Aber darüber reden wir heute nicht. Wir sind ja erwachsen.
Erwachsen sein bedeutet auch, trotz Wurzeln gut springen zu können. Um Fettnäpfchen herum. An Tabuthemen entlang. Von den Narben der eigenen Geschichte geführt. Und deswegen bald und oft allein.
So eigentlich ist die erwachsene Zeit die alleinste überhaupt. Denn alle haben ihre Möhren, und Sie haben Ihre. Seien Sie erwachsen. Rennen Sie Ihr nach. Mal sehen, wo und wann Sie wieder aufwachen.
Der Mensch braucht eindeutig mehr zum Leben als Möhren und Schilder. Braucht mehr davon, als sich auf den Rücken zu schmieren: "ich bin jetzt erwachsen". "Ich kann das ab". (Muss die Welt um mich betrügen.) Meine Verletzlichkeit ist vorgespielt. Auch das Gegenteil. Und damit haue ich Ihnen gern die Taschen voll. Bis Sie Ihnen zu schwer zum Tragen sind.
Erwachsensein bedeutet keinen Status Quo, kein lautes Poltern auf Tischen. Es heißt nicht: das Stagnieren auf freiheitlich beliebter Bedürfnisbefriedigung, auf das Ansichreißen von Manschetten und Trophäen, und das Begraben der Hoffnungen an alten Lieben. Darauf wächst kein Baum. Darauf verkümmert er.

Es heißt doch: Nie erwachsen sein. Denn: noch viel weiter wachsen - wollen.


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4 Kommentare
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das_maedchen
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Mag ich Mag ich nicht

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24.01.2013 - 22:52 Uhr
das_maedchen

ich bin unabsichtlich ein bisserl erwachsen geworden und irgendwie taugts mir gar net!

feux
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Mag ich Mag ich nicht

1

25.01.2013 - 08:10 Uhr
feux

schön.

ja zwanghaftes erwachsen sein wollen führt zu dem neulich erst besprochenem heuchlersyndrom.

das problem liegt doch nicht in dem terminus erwachsen sein, sondern darin, wie wir ihn füllen und uns ständig darum sorgen machen. aber für jeden 5 jährigen wirkt doch jeder 21 jährige bereits erwachsen etc.

für mehr wurschtigkeit, gleichmut und souveränität!

arizonadeux
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Mag ich Mag ich nicht

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25.01.2013 - 14:17 Uhr
arizonadeux

Finde ich auch schön. Es gibt nämlich keinen Schaltknopf, den von Genen gedrückt wird und uns erwachsen macht!

TheJoker
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Mag ich Mag ich nicht

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25.01.2013 - 15:45 Uhr
TheJoker

Maturity of mind is the capacity to endure uncertainty

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