23.01.2013 - 23:26 Uhr

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Doing Things, Going Places

Text: JMW


Ich zucke mit dem rechten Bein
so lange du hersiehst,
ich drehe eine Pirouette,
atme ein, atme aus,
schreie ein wenig,
schlafe ein wenig,
liebe ein wenig,
komme heim, gehe raus,
simuliere Arbeit und eine Krankenversicherung
der gute alte Mein-Leben-ist-voller-Aktivität-und-
ich-hab-jede-Menge-enorm-wichtige-Dinge-vor-Boogie

während die Realität von je her
eher die einer Schildkröte ist,
die sich so tief wie möglich unter dem größten Stein,
den sie finden kann
vergraben will, um so lange die
Luft anzuhalten,
bis es vorbei ist.

Aber damit ist kein Profit zu machen,
kein Genuss und keine Erfahrung
und worauf worauf
kommt es an
auf dieser Seite der Existenz,
nicht wahr,
wenn nicht auf das Vibrieren der Nervenenden,
auf Hedonismus und Sinnhaftigkeit und Optimierung
von Defiziten,
auf Zeitmanagement und Entwicklung der Persönlichkeit,
auf einen großen Freundeskreis, ein abwechslungsreiches
und intensives Liebesleben,
eine stabile Gesundheit, Job, Karriere, die ewige Knete,
ein kleiner Scherz und kreischend falsches Gelächter unter
Arbeitskollegen
um den grauen Morgen ein wenig
vergessen zu machen
(nicht wirklich, nicht wahr?)

worauf

         worauf?

Man spielt das alles, wirklich; man spielt
eine Persönlichkeit, eine sexuelle Orientierung,
man spielt zwei Wochen Urlaub auf der Osterinsel und Fotos
davon auf seinem Smartphone,
man spielt eine Einladung zum Essen und einen Besuch
bei der Familie,
man spielt den freundlich neutralen Angestellten
mit 14. Monatsgehältern der durchdachte Einwände bei
der Teambesprechung macht,
man spielt einen Musikgeschmack,
eine Inneneinrichtung,
man spielt die Erinnerung
und Bewertung einer persönlichen Vergangenheit
aus der heraus man seine Geschichte
und sein Leben lebt
(angeblich)
man spielt den aufmerksamen Zuhörer und
den halbärschigen Zyniker, der nur sehr notdürftig hinter seinem
ätzenden Humor seine Sensibilität versteckt
man spielt Lachen,
man spielt Zustimmung,
man spielt Entrüstung,
man spielt Ablehnung,
man spielt Gefühle,
man spielt die Absenz von Gefühlen,
man spielt, zu spielen
und manchmal auch
nicht zu spielen.

Aber manchmal vergesse ich einfach, zu spielen,
manchmal vergesse ich mich selbst für ein paar Augenblicke,
manchmal inhaliere ich was auch immer gerade da ist,
bis die Nacht sich in weißes Rauschen auflöst
und ich mich selbst auch in mir,
bis all die Mauern da drin,
gegen die ich täglich springen und rennen muss,
plötzlich verschwunden sind
und etwas Größeres als ich
mich einfach aus mir herauszieht,
immer nur kurz, zugegeben,
aber gut genug: Euphorie, Ekstase,
Ich-Zerfall,
die Schwärze des Vergessens,
Tod
und dann: Wiedergeburt aus der Asche
mit den dazugehörigen Geburtswehen ... das Drama
in griechischen Proportionen
innerhalb einer einzigen Nacht. Es ist
nicht schlecht.

Oder auch: Sommersprossen auf einem Arm,
ein echtes Lachen,
echte Freude von jemand, der einen zur Tür reinkommen sieht,
eine Karte mit drei Zeilen ohne Absender
(keine Morddrohung -- das Andere),
warmes Essen auf dem Tisch bei Hunger,
ein plötzlicher Anruf, wenn man sich einsam fühlt,
jemand der daran denkt und daran gedacht hat,
jemand der einen einfach mag und nett zu dir ist
was unter Umständen furchtbar sein kann
manchmal aber auch einfach alles.

Und dann zerfällt es wieder,
der Atem beruhigt sich, die Hautspannung nimmt ab,
die Haare legen sich,
zurück im Spiel:
die Idee einer Persönlichkeit mit Anfang und Ende und
klaren Grenzen, politische Ansichten,
Probleme mit dem Sexleben,
noch 17 Jahren bis zur Pensionierung,
14 Tage Ägypten hin und zurück für 600,-
und der Rest:

Bürger fürchten Ausverkauf des Wassers
Notenbank-Vizechef soll angeklagt werden
Rezession könnte Euro neuerlich bedrohen
Europas Gasindustrie sinkt in den Dämmerzustand
Geiselnahme wegen zu kurzer Toilettenpause
Jährlich verschwinden 1,3 Milliarden Lebensmittel
Nackter Mann lief bewaffnet durch Mödling

Ah, es ist wahr:

Vor Bomben zu flüchten,
vor Hunger an Mülltonnen nagen,
Stacheldraht vor den Fenstern,
Detonationen am Horizont
Grabsteine mit Namen darauf, die man kennt
Religion im Gesetz,
das alles und mehr ist schlimmer,
gehört dazu und ist jederzeit möglich,
auch wenn es gerade nicht
eintritt,
nicht hier zumindest,
zum Glück.

Ah, es ist wahr:

Es gibt das Bild einer Persönlichkeit,
eine Arbeitnehmerexistenz mit mehr Freiheit letztlich,
als der bekiffte Pantomime in der Fußgängerzone,
eine Persönlichkeit, die spätabends heimkommt
(noch eine Sporteinheit reingeschoben zu Feierabend)
(den Menüplan für die komplette nächste Woche bereits im Kopf),
Musik anmacht, sich Alkohol einschenkt,
die Medien der Wahl zur Zerstreuung aktiviert,
die Füße auf den Tisch legt,
die Wand anstarrt
und was jetzt?

Willkommen
im Spiel.


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2 Kommentare
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schwindlicht
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Mag ich Mag ich nicht

0

24.01.2013 - 00:24 Uhr
schwindlicht

Das ist (wieder) sehr gut. Ich mag es. Vor allem die Einstellung.

Lenjia
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Mag ich Mag ich nicht

1

24.01.2013 - 00:45 Uhr
Lenjia

John Lennon: “The more real you get the more unreal the world gets. ”

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