15.-21. Januar: Fallendes
Am Dienstag treffe ich gleich nach Feierabend eine alte Freundin, die strenggenommen eine Klassenkameradin meines Bruders ist. Ich freue mich immer über ihre erfrischend direkte Art, und wir reden, essen und trinken vier Stunden, ohne auf die Uhr zu schauen. Eine noch ältere Freundin, die ich schon seit der ersten Klasse kenne und die an diesem Abend aus beruflichen Gründen bei mir übernachtet, kommt gegen zehn Uhr dazu. Sie sieht ziemlich müde aus, was daran liegen mag, dass sie schwanger ist. Wir verschwinden relativ bald zu mir und kommen dann doch erst nach Mitternacht ins Bett bzw. ich aufs Sofa in den Schlafsack.Am Mittwoch telefoniere ich mit meinem Liebsten, der aber nur kurz reden kann, weil gleichzeitig ein Freund aus den USA anruft. Mein Liebster hat die letzte Woche besichtigte Wohnung tatsächlich bekommen und schwankt zwischen Euphorie und Geldsorgen, aber wir müssen uns auf den Donnerstag vertagen. Danach bin ich beim Sport, und meine Trainingspartnerin macht ebenfalls einen müden Eindruck, allerdings ohne Schwangerschaft. Wir lästern ein bisschen über die derzeit allgegenwärtigen Hochzeiten und Geburten, und sie sagt beiläufig, dass ihrer Meinung nach der Mann den Heiratsantrag machen müsse, gerade weil er mehr Angst davor habe als die Frau. Das klingt ein bisschen so, als habe sie Desillusionierendes erlebt, aber ich mag nicht nachfragen.
Am Donnerstag müssen wir uns für die Institutshomepage fotografieren lassen, einzeln und in Gruppen, was den Tag noch mehr zerstückelt, als es die wöchentliche Besprechung und der abendliche Vortrag unseres Direktors ohnehin schon tun. Immerhin gibt die Fotositzung die Gelegenheit zu Unterhaltungen, und ein Kollege sagt auf die Frage, wie es ihm gehe, ganz direkt, dass sein Vater gestorben sei. Abends erzählt uns dann unser Direktor sehr spannend von den Meerengen um Europa herum, an denen sich Menschen aus aller Welt über die Jahrhunderte hinweg begegnet sind. Ich mache mich danach schnellstmöglich aus dem Staub, da ich allen Häppchen zum Trotz endlich mal wieder einen Abend zu Hause verbringen und ein paar Dinge erledigen möchte. Beispielsweise aktiviere ich endlich mein am Montag gekauftes Handy und mache auch gleich einen Testanruf bei meinem Freund, der recht lang dauert.
Am Freitagabend treffe ich ihn dann endlich, allerdings ganz kosmopolitisch in Berlin, da wir dort eine Freundin besuchen. Neukölln ist eisig und graugefroren, und wir verbringen praktisch das ganze Wochenende in Cafés, in denen wir diverse Freunde treffen, zum Teil auf Verabredung, zum Teil zufällig. Immerhin schaffen wir es trotzdem, die sehr schöne Ausstellung zur DDR-Fotografie in der Berlinischen Galerie anzuschauen. Evelyn Richters Porträt von Lilja Brik, der wunderschönen alten Dame, bleibt mir im Gedächtnis.
Eine Bekannte aus New York berichtet von plagiierenden Achtzehnjährigen, deren Eltern den Dekan zu erpressen versuchen. Zwischendurch gehen wir in ein Antiquariat, in dem ich das Buch Indiana von George Sand kaufe, das mir am Sonntagabend leider bei einem notwendigen Spurt halbgelesen auf die S-Bahn-Gleise fallen wird. Nun werde ich nie das Ende erfahren. Sowieso ist der Sonntagabend mau, denn ich mag nicht wahrhaben, dass das Wochenende schon vorbei ist und ich nun allein nach Hause fahren muss. Zum Glück schaffen mein Freund und ich es nach einer abenteuerlichen Zusammentelefoniererei im Berliner Hauptbahnhof, die halbe ICE-Strecke bis Hannover doch noch gemeinsam zu fahren.
Auch das macht jedoch den Montagmorgen nicht sanfter, denn Frankfurt steckt unter einer dicken Schicht Eisregen, und mein seit einer Woche nicht abgeholtes Päckchen entpuppt sich als Tüte japanischer Süßigkeiten, die mir meine Brieffreundin aus Taiwan geschickt hat. Wenn ich versuche, sie aufgrund meines nagend schlechten Gewissens vom Päckchenschicken abzubringen, sagt sie nur, ich sei doch ihre beste Freundin - was ich wirklich traurig finde, da wir uns so selten schreiben. Der Abend bringt einen weiteren Vortrag, in dem uns ein älterer Herr enthusiastisch die Geheimnisse der Tora erklärt, und ich komme erst um zehn Uhr nach Hause. Auf dem Heimweg vom Supermarkt singt mein Kopf mit den Counting Crows: Have you seen me lately? I was out on the radio, starting to change, somewhere out in America.
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