21.01.2013 - 18:30 Uhr

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Nachts im Fernseher

Text: jetzt-redaktion - Foto: kallejipp / photocase


2. Für Rauschzustände jeglicher Art: Bahn-TV, Bob Ross und Bernd das Brot
 

Was:
Alle schimpfen immer darüber, dass nichts im Fernsehen läuft, vor allem nicht nachts. Doch der Rauschseher hat den Schlüssel zur Wahrheit gefunden. Er hat die Gabe, den Witz, die Unterhaltung und die Weisheit hinter dem nächtlichen Fernsehprogramm zu sehen. Nach Alkoholgenuss, Drogenkonsum und anderen bewusstseinserweiternden Aktivitäten werden „Die schönsten Bahnstrecken Europas“ zu Achterbahnfahrten durch ferne Galaxien, Bob Ross zum Freund und Lebensberater und Bernd das Brot zum Quell allen Wissens.  
Warum:
Der Berauschte muss aufpassen, was er sieht. Es darf nicht zu aufregend sein, denn zu viele Farben, zu schnelle Schnitte oder zu viel Gerede können das erweiterte Bewusstsein schnell überfluten. Ein Horrorfilm oder Sonja Kraus könnten da schreckliche Folgen haben. Er steigt deshalb am besten mit den schönsten Bahnstrecken ein. Es dauert ein paar Minuten, aber dann entfaltet die hypnotische Wirkung der vorüberfliegenden Bäume und Büsche ihre ganze Kraft. Mit offenem Mund sitzt der Rauschseher staunend meist mehrere Stunden vor dem Fernseher und freut sich über jeden Baum, als wäre es der erste. Nach dieser reinigenden Fahrt ist der Berauschte bereit für „Bob Ross – The Joy of Painting“. Mit ihm findet er einen geduldigen Freund, dem er alles erzählen kann. Die halbe Nacht kann der Rauschseher mit ihm zusammensitzen und über alles reden was ihm schon immer auf dem Herzen lag. Bob kommentiert alles mit einem verständnisvollen Lächeln und einer sanften, bestätigenden Stimme, während er ein wunderschönes Bild nach dem anderen malt. Diese Phase endet meist damit, dass der Berauschte Arm in Arm mit dem Fernseher im Wohnzimmer sitzt, dem Apparat alle zwei Minuten einen Schluck von seinem Bier anbietet und sich ein Weltschmerz-Tränchen aus dem Auge wischt. Wenn er dann mit sich und der Welt dank Bob wieder im Reinen ist, sieht er zum Schluss noch zwei bis fünf Stunden „Bernd das Brot“ in der Dauerschleife. In der Regel wundert sich der Rauschseher, wie intelligent doch ein Kastenbrot sein kann, denn er hat immer Recht. Alle zehn Minuten zeigt dieses Brot ein neues Dilemma (eigentlich immer das gleiche, aber das bemerkt der Rauschseher nicht) der Menschheit auf. Von Ehrfurcht gepackt baut der Berauschte aus seinem – gerade zubereiteten und eigentlich zum Essen gedachten – Sandwich einen Schrein und beschließt, nie wieder Brot zu essen, sondern es fortan als allwissende Gottheit zu verehren. Nicht selten erwacht der Rauschseher am nächsten Morgen mit einem Teil der Gottheit an der Backe, weil er auf seinem Schrein eingeschlafen ist.  
Wo läuft’s:
„Die schönsten Bahnstrecken Europas“: ARD, „Bob Ross – The Joy of Painting“: BR alpha, „Bernd das Brot“: KiKa  
Alternativen
: Ähnliche Zustände können Wahrsager-Sendungen und der „Domian“ auslösen. Verbringen Rauschseher die Nächte mit ihnen, hat das meist eine sehr hohe Handy-Rechnung zu Folge.
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