Was ist Rape Culture?
Seit den Massenprotesten in Indien nach dem Tod einer vergewaltigten Studentin ist sehr viel zum Begriff "Rape Culture" geschrieben worden. Trotzdem wirft das Thema weiterhin Fragen auf. Peter Vignold hat sich in seiner Bachelorarbeit mit Rape Culture beschäftigt und erklärt uns den Begriff und seine Hintergründe.
Rape Culture bezeichnet vereinfacht gesagt eine Gesellschaft, in der sexuelle Gewalt nicht als solche anerkannt, also verharmlost oder gar gutgeheißen wird. Aber welche Formen sexueller Gewalt sind gemeint? Geht es ausschließlich um Vergewaltigung, oder auch um vermeintlich harmlosen Sexismus im Alltag? Gibt es nur weibliche Opfer und männliche Täter? Und inwiefern ist Popkultur von sexueller Gewalt geprägt? Peter Vignold hat lange als Musikproduzent und Journalist gearbeitet und studiert jetzt an der Ruhr-Universität Bochum Medienwissenschaft und Gender Studies. Er hat seine Bachelorarbeit über sexuelle Gewalt gegen Männer im Film geschrieben und plädiert im Gespräch mit jetzt.de dafür, den Begriff Rape Culture neu zu überdenken.jetzt.de: Wie bist dazu gekommen, dich mit dem Thema Rape Culture näher zu beschäftigen?
Peter Vignold: In meinem dritten Semester gab es ein Seminar zur sexuellen Gewalt im Film. Einem Kommilitonen und mir sind dabei auf Anhieb mehrere Filme eingefallen, in denen es auch männliche Betroffene gibt. Die Paradebeispiele sind Gefängnisfilme und Romantische Liebeskomödien, in denen Frauen Täterinnen und Männer Betroffene sind, wo das dann aber nicht als sexuelle Gewalt deklariert wird, sondern einfach als schlecht gelaufener Sex oder Ähnliches. Als ich nach einem Thema für die Bachelorarbeit gesucht habe, hat sich noch eine Lücke aufgetan, nämlich Komödien. Für Filmkomödien hat sich sexuelle Gewalt als beliebtes Motiv etabliert.
Komödien? Das Genre verbindet man ja nicht unbedingt sofort mit dem Thema Rape Culture. Kannst du mir dafür ein paar Beispiele nennen?
Da wäre zum Beispiel „40 Tage, 40 Nächte“ mit Josh Hartnett. Oder „Wedding Crashers“. Der lief erst neulich sonntagnachmittags im ZDF, ganz unhinterfragt. Das sind Filme, die jeder irgendwann mal irgendwo gesehen hat, auch wenn es nicht unbedingt immer Blockbuster sind. Man kann aber auch ganz weit zurückgehen und sich Filme aus den Dreißigerjahren, also Screwball-Komödien anschauen. Da muss man dann aber natürlich mit einer sehr weiten Definition von sexueller Gewalt arbeiten.
Kann man Rape Culture eigentlich einfach mit „Vergewaltigungskultur“ übersetzen? Oder geht es nicht nur um Vergewaltigung, sondern auch um „Alltagssexismus“ in allen möglichen Formen?
Das Problem beginnt eigentlich mit dem Begriff der Vergewaltigung. Der bezeichnet ursprünglich nicht den persönlichen, individuellen Akt der Gewalt gegen eine Frau, sondern den Angriff eines Fremden außerhalb eines Kollektivs auf die Reproduktionsleistung der Gesellschaft. Dadurch wird der eigentliche gewalttätige Akt der Vergewaltigung unterschlagen. Deshalb sollte man nicht von Vergewaltigung, sondern von sexueller Gewalt sprechen. Das ist umfassender und damit lässt sich der Begriff Rape Culture auch besser greifen.
Das heißt, unter den Begriff fallen auch subtilere Formen sexueller Gewalt?
Natürlich wird jetzt gerade von der Rape Culture in Indien geredet, weil da jemand zu Tode gekommen ist. Das ist ein dramatischer Fall, der für einen großen Aufschrei gesorgt hat. Aber auch in den USA hat es im letzten Jahr unglaublich viele Fälle von sexueller Gewalt gegeben, die für ein ähnliches Echo gesorgt haben. Ein Fall, der gerade hoch kocht, ist zum Beispiel Steubenville in Ohio. Oder die Kontroverse um das Greta Zimmer-Foto, das berühmte Bild vom angeblichen Paar beim V-Day auf dem Times Square. Da ist herausgekommen, dass die niemals ein Paar waren. Der Matrose ist einfach auf die Krankenschwester zugegangen und hat sie gegen ihren Willen geküsst. In Kalifornien hat ein Mann mit einer betrunkenen Frau geschlafen und sich als ihr Freund ausgegeben. Er ist freigesprochen worden, weil das entsprechende Gesetz nur greift, wenn er vorgegeben hätte, ihr Ehemann zu sein. Es gibt solche Fälle noch und nöcher, darüber könnten wir jetzt stundenlang reden.

Das Unwort des Jahres 2012 ist „Opfer-Abo“. Damit hat Jörg Kachelmann unterstellt, dass Frauen vor Gericht bei dem Verdacht sexueller Gewalt automatisch einen Vorteil genießen. Ist so ein Vorwurf auch ein Rape Culture-Phänomen?
Das ist natürlich ein sehr kontroverses Statement, aber das lässt sich schon in der deutschen Gesetzgebung wiederfinden. Die denkt bei sexueller Gewalt den Mann hauptsächlich als Täter. Es ist ja erst 1997 eine Gesetzesänderung in Kraft getreten, bei der auch Männer als Opfer von sexueller Gewalt berücksichtigt werden können, allerdings da auch nur bei homosexueller Gewalt. Wenn beispielsweise eine Frau einen Mann zum Sex nötigt, kann sie laut deutschem Recht nicht für Vergewaltigung belangt werden, sondern nur für sexuelle Nötigung.
Ist denn Rape Culture weltweit gerade auf einem Höhepunkt, oder kommt es uns nur so vor, weil das Thema zum Beispiel durch die Proteste in Indien so präsent ist?
Der Begriff fällt in letzter Zeit tatsächlich sehr häufig, vor allem im Internet. Letztes Jahr um diese Zeit wurde in der breiten Öffentlichkeit kaum darüber geredet.
Welche Rolle spielen denn das Internet und vor allem Social Media bei der Debatte?
Durch das Internet haben natürlich viel mehr Stimmen die Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen. Da werden nicht nur die großen, dominanten Diskurse reproduziert, sondern es ist auch Platz für alternative Meinungen. Es gibt ja auch seit einigen Jahren eine neue, anhaltende Feminismuswelle, gerade in den USA, die sich mit dem Thema auseinandersetzt. Dementsprechend hat sich natürlich auch wieder eine antifeministische Gegenbewegung gegründet, die versucht, den „Rape-Culture-Mythos“ zu deklassifizieren, also wegzuwischen, was ja dann auch wieder ein Teil der Rape Culture ist.
Kann das Internet denn zu einer Enttabuisierung beitragen, wenn man zum Beispiel an die Kampagne #ichhabnichtangezeigt denkt?
Wenn ein Bewusstsein für irgendwas geschaffen wird, wenn Betroffene das Schweigen durchbrechen, ist das natürlich eine positive Entwicklung. Aber wenn man sich Statistiken zu sexuellen Gewalttaten anschaut, dann ist die Zahl der Verurteilungen immer noch verschwindend gering. Da hat sich seit den Siebzigern nicht viel geändert. Es liegt immer noch an der betroffenen Person, das nachzuweisen. Allerdings ist das Strafsystem ja gestaffelt nach der Schwere der entstandenen Verletzungen. Wenn keine Verletzung entstanden ist, ist es vor einem Gericht schwer nachzuweisen, dass man Opfer einer sexuellen Gewalttat geworden ist. Es gibt ja immer noch den Mythos vom Vergewaltiger, der am Straßenrand hinterm Busch auf vorbeilaufende Frauen wartet. Aber der Großteil der sexuellen Gewalttaten findet in Ehen und Beziehungen statt, oder zwischen Menschen, die sich zumindest flüchtig kennen. In so einem Fall Anzeige zu erstatten kann natürlich das komplette soziale Umfeld zerstören.

In den Medien begegnet uns der Begriff Rape Culture vor allem in Zusammenhang mit Fällen aus Indien oder Südafrika. Ist sie auch ein europäisches, ein deutsches Problem?
Ja, natürlich. In erster Linie ist sie aber ein großes amerikanisches Problem, das immer wieder kulturell reproduziert wird. Da ein großer Teil der amerikanischen Kultur über Medienkanäle zu uns rüberschwappt, findet das auch bei uns statt. Man kann sich zum Beispiel aktuelle Cartoonserien ansehen, wo unglaublich viele „rape jokes“ kommuniziert werden. Bei „Family Guy“ ist sexuelle Gewalt einfach ein Witz, der zur gezielten Tabuüberschreitung eingesetzt wird. Das haben wir auch bei vergleichsweise harmlos scheinenden Serien wie „How I Met Your Mother“, wo eine Figur wie Barney Stinson alle möglichen Taschenspielertricks aufwendet, um Frauen gegen ihren Willen zum Sex mit ihm zu bewegen. Zwar ohne sie direkt zu nötigen, aber er wird als Identifikationsfigur aufgebaut.
In Indien protestieren Tausende gegen Rape Culture, sie wird in unzähligen Blogs thematisiert und seit 1998 gibt es den jährlichen V-Day, eine weltweite Kampagne gegen sexuelle Gewalt. Glaubst du, wir stehen bei so viel Widerstand vor einem gesellschaftlichen Umbruch?
Naja, es entsteht natürlich ein Bewusstsein dafür. Aber die Reproduktion einer solchen Kultur passiert ja auf sehr vielen Ebenen. Es gibt so einige Grundannahmen, die erstmal überdacht werden müssen. Man müsste zum Beispiel erstmal einen kulturellen Zustand erreichen, wo den Frauen nicht mehr gesagt wird „zieht euch nicht so an, dann passiert euch auch nichts“, wie der kanadische Polizist im Hörsaal, was dann die Initialzündung für die ersten SlutWalks war.
Inwiefern muss Rape Culture deiner Meinung nach neu definiert werden?
Neben den Vergewaltigungsmythen, die sich auf Frauen beziehen, also Sprüche wie „Zieh dich nicht so an“ und so weiter, gibt es auch männlich zentrierte Mythen. Allen voran die Annahme, dass eine Frau einen Mann nicht vergewaltigen kann. Man kann quasi entweder Mann oder Opfer sein, nicht beides. Das sind natürlich total archaische Ideen, die wir unbedingt aufbrechen müssen. Ich bin für eine Re-Evaluierung des Rape Culture-Begriffs, weil sexuelle Gewalt gegen Männer eine Realität ist, die eine unfassbare Dunkelziffer hat. Frauen müssen nachweisen, dass es passiert ist, Männern wird von vornherein nicht mal geglaubt, dass es überhaupt möglich sein könnte. Da müssen wir alle noch mal gründlich drüber nachdenken.
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aufklaerungsfantasie sagte:
warum muss ein "medienwissenschaftler" uns das "erklären". hallo!? wie abgehoben und weltfremd ist das denn?
weil jetzt.de vornehmlich eine jugendseite ist und die eigentliche zielgruppe sich wahrscheinlich bisher kaum gedanken zum thema gemacht hat... wobei ich befürchte, dass auch viele ältere wenig gedanken an "sowas" verschwenden.
Etwas mehr hätte ich mir von der Interviewerin aber gewünscht, dass sie sich mit der Antwort, es sei vor allem ein amerikanisches Problem nicht hätte abspeisen lassen
"... auf Anhieb mehrere Filme eingefallen, in denen es auch männliche Betroffene gibt. Die Paradebeispiele sind Gefängnisfilme und Romantische Liebeskomödien, in denen Frauen Täterinnen und Männer Betroffene sind, wo das dann aber nicht als sexuelle Gewalt deklariert wird, sondern einfach als schlecht gelaufener Sex oder Ähnliches... hat sich noch eine Lücke aufgetan, nämlich Komödien. Für Filmkomödien hat sich sexuelle Gewalt als beliebtes Motiv etabliert... zum Beispiel „40 Tage, 40 Nächte“ mit Josh Hartnett. Oder „Wedding Crashers“. Der lief erst neulich sonntagnachmittags im ZDF, ganz unhinterfragt."
Was genau passiert denn in diesen Filmen so fürchterliches?
"Wenn beispielsweise eine Frau einen Mann zum Sex nötigt, kann sie laut deutschem Recht nicht für Vergewaltigung belangt werden, sondern nur für sexuelle Nötigung.....männlich zentrierte Mythen. Allen voran die Annahme, dass eine Frau einen Mann nicht vergewaltigen kann. Man kann quasi entweder Mann oder Opfer sein, nicht beides. Das sind natürlich total archaische Ideen, die wir unbedingt aufbrechen müssen. Ich bin für eine Re-Evaluierung des Rape Culture-Begriffs, weil sexuelle Gewalt gegen Männer eine Realität ist, die eine unfassbare Dunkelziffer hat. Frauen müssen nachweisen, dass es passiert ist, Männern wird von vornherein nicht mal geglaubt, dass es überhaupt möglich sein könnte."
Wie genau soll man sich denn eine Vergewaltigung eines Mannes durch eine Frau vorstellen?- es mag ja sogar Einzelfälle geben aber von einer "unfassbaren" Dunkelziffer zu sprechen halte ich doch für eine hysterische (wenig hilfreiche) Übertreibung.
Letztlich hat es die Interviewerin verpasst an den entscheidenden Stellen nochmal nachzuhaken...schade
Was bleibt sind Fragen....viele Fragen
koikarpfen sagte:
In Deutschland wird es ja leider mittlerweile ja schon sexuelle Gewalt aufgefasst, wenn man eine Frau freundlich und interessiert anlächelt...
Eigentlich nicht, aber wir kennen ja dein Lächeln nicht ...
koikarpfen sagte:
In Deutschland wird es ja leider mittlerweile ja schon sexuelle Gewalt aufgefasst, wenn man eine Frau freundlich und interessiert anlächelt...
*knurrt* Damn, not this crap again!
sinaasappel sagte:
koikarpfen sagte:
In Deutschland wird es ja leider mittlerweile ja schon sexuelle Gewalt aufgefasst, wenn man eine Frau freundlich und interessiert anlächelt...
*knurrt* Damn, not this crap again!
Vor etwa zwei Monaten wurde auf sueddeutsche.de eine Studie vorgestellt, in der unter anderem Komplimente als "sexuelle Übergrifflichkeit" klassifiziert wurde. War im Bildungsbereich.
ts66 sagte:
sinaasappel sagte:
koikarpfen sagte:
In Deutschland wird es ja leider mittlerweile ja schon sexuelle Gewalt aufgefasst, wenn man eine Frau freundlich und interessiert anlächelt...
*knurrt* Damn, not this crap again!
Vor etwa zwei Monaten wurde auf sueddeutsche.de eine
Studie vorgestellt, in der unter anderem Komplimente als "sexuelle Übergrifflichkeit" klassifiziert wurde. War im Bildungsbereich.
das kann ich bei manchen "komplimenten" durchaus nachvollziehen.
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16.01.2013 - 18:47 Uhr
Wurzelpetersilie
Und warum hört man darüber jetzt kaum mehr was nachdem die Medien &Gesellschaft monatelang ihren Spass dran hatten?