Lexikon des Guten Lebens

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Wie finde ich in einer neuen Stadt neue Freunde?

Text: mercedes-lauenstein

Freundschaften muss man normalerweise nicht suchen, sie haben sich vor Jahren ergeben und sind dann einfach da. Es sei denn, man zieht um und kennt plötzlich niemanden mehr. Im Lexikon des guten Lebens erfährst du, was dir bei der Freundesuche hilft.

Als ich nach der Schule nach Berlin zog, waren viele meiner älteren Freunde schon vor mir da und hatten die Wege für mich geebnet. Alles, was ich tun musste, war in ein bereits vorhandenes und weit verzweigtes Sozialnetz einzutauchen. Erst als ich ein Jahr später für einen Job nach München zog, machte ich zum ersten Mal die Erfahrung allein dazustehen. Wo sollte ich neue Freunde herbekommen? Einfach die nette Bedienung im Café ansprechen oder das Mädchen im Klamottenladen? Ging das noch, wie früher im Kindergarten einfach geradeheraus zu fragen, ob jemand mit einem spielen will? Ich war verunsichert.

Der Persönlichkeitspsychologe Mitja Back von der Uni Münster sagt dazu: „Wichtig dafür, gute Freunde zu finden ist Authentizität". Wenn ich mir komisch dabei vorkäme, jemanden einfach auf der Straße anzusprechen, solle ich es lieber bleiben lassen. „Am besten lernt man Leute in einem Kontext kennen, in dem man sich nicht albern vorkommt, sie anzusprechen." Neue Bekanntschaften mache man deshalb am unkompliziertesten an Orten wie der Uni, in Sportgruppen, Fitnessstudios, Vereinen oder sonstigen Interessengemeinschaften und kulturellen Szenen. Oft reichten schon wenige erste Kontakte aus so einem Umfeld aus, um darüber weitere Menschen kennenzulernen. „Soziale Beziehungen sind ja immer Kettenreaktionen", sagt Back.

Wovon es abhänge, dass zwischen zwei Menschen die „Chemie" stimme, sei laut Back zwar viel erforscht, aber kaum verstanden. „Entscheidend für den Beginn einer Freundschaft sind sicherlich gemeinsame Einstiegspunkte: Dass man ein Thema findet, über das man sprechen kann oder eine emotionale Ebene, die beide empfinden und die sie veranlasst, sich wiedersehen zu wollen." Dann seien Freundschaften aber oft Selbstläufer: plötzlich seien beide Menschen daran interessiert, an die Freundschaft zu glauben und sie so tatsächlich zu konstruieren. Überhaupt spiele der Zufall eine nicht zu unterschätzende Rolle bei menschlichen Beziehungen. Dass wir uns unsere Freunde hundertprozentig selbst aussuchen, stimmt nicht, erzählt Back. „Theoretisch warten überall auf der Welt Tausende von guten Freundschaften auf uns. Letztlich freunden wir uns aber mit denen an, die eben gerade da sind." In einem Uniseminar häufiger mit denjenigen, die direkt neben einem sitzen und in Studentenwohnheimen eher mit denjenigen, die näher an dem eigenen Zimmer wohnen. Wer sich oft sieht, befreundet sich eben schneller.

Sicher ist deshalb: Es gibt keinen Grund, die Einsamkeit auf die neue Stadt zu schieben. Landet man, wie ich damals, nach einem Umzug nicht sofort in einem so „freundschaftspotenten" Kontext wie der Uni, muss man sich diesen eben aktiv suchen. Wer offener ist, lernt automatisch mehr Leute kennen und erhöht die Trefferquote. „Introvertierte sollten sich deshalb aber nicht verkünsteln", rät Back. Nur weil jemand schneller Menschen kennenlernt, heißt das nicht, dass seine Freundschaften besser sind. Wer offener ist, kann auch oberflächlicher oder egozentrischer sein und es schwer haben, tiefe und langfristige Beziehungen aufzubauen. Studien ergeben, dass die meisten Menschen im Durchschnitt zwei bis drei richtig enge Freundschaften haben. Man kann eben nicht mit jedem Menschen gleich eng befreundet sein. Gelegenheitsfreunde oder entfernte Bekanntschaften zu haben erfüllt laut Back allerdings ebenfalls wichtige Funktionen. „Solche loseren Kontakte können spezifische Interessen befriedigen: seine Vorliebe für japanische Horrorfilme oder Synchronschwimmen ausleben zu können oder wichtige Informationen bereitgestellt zu bekommen wie: Wo ist die nächste Party? Wer ist Single? Welcher Job ist ausgeschrieben? Wer repariert meine Waschmaschine?" Aber Vorsicht: Wer zu viel Zeit damit verbringt jeden neu geknüpften sozialen Kontakt aufrecht zu erhalten, hat weniger Zeit und Kraft, neue Kontakte aufzubauen, die sich wirklich lohnen könnten, rät Back.

Ich lebe jetzt seit drei Jahren in München und obwohl ich sehr gerne hier bin, eine glückliche Beziehung führe und mittlerweile auch neue Freunde gefunden habe, sehne ich mich manchmal nach "dem einen" festen Freundeskreis, wie ich ihn zu Schulzeiten hatte. Back beruhigt mich: Feste Cliquen seien vorrangig ein Jugendphänomen. Es gebe zwar Freundeskreise, die es schafften ihre Verbundenheit bis ins hohe Alter aufrecht zu erhalten, bei den meisten sei aber eine zunehmende Zerstreuung der Freunde die Regel. Das liege daran, dass man für Studium und Job nicht immer am selben Ort bliebe, an vielen Stellen viele kleine Kreise eröffnet und sich die Kontakte in einer schnellen und mobilen Welt generell zunehmend überlappen, on- und offline, über Kontinente hinweg und auch beruflich und privat. Wenn man jung ist, sei man noch bereiter zu absoluten Ein-und-alles-Freundschaften, die in ihrer Unbedingtheit beinahe an romantischen Beziehungen grenzten.

Brauche ich heute also vielleicht auch keine so intensiven Freundesbeziehungen mehr wie früher, weil mein Freund die Rolle eines besten Freundes gleich mit erfüllt? 
Back sagt, das könne zwar sein, berge aber auch die Gefahr, irgendwann allein dazustehen. Trotz einer guten Beziehung solle man nie auf ein starkes Freundesnetz verzichten. Feedback von platonischen Freunden sei notwendig für die psychische Gesundheit und eine realistische Selbstsicht. Außerdem, so Back, verliehen sie einem in jeder Hinsicht doppelte Stabilität und wichtige Zufluchtsorte, falls es in der Beziehung dann doch mal ein Problem gibt.

Mercedes Lauenstein, 24, glaubt, dass man richtig gute Freunde sowieso immer nur dann findet, wenn man gerade vergessen hatte, dass man sucht.

Fünf Tipps für das Freunde finden in einer fremden Umgebung:

1. Bleib' wer du bist. Zwinge dich nicht, jemanden anzusprechen und tue es nur, wenn es dir natürlich vorkommt.

2. Schiebe deine Einsamkeitsgefühle nicht auf die Stadt oder andere äußere Umstände. Suche Orte, Veranstaltungen und Szenen auf, die dich interessieren.

3. Verkläre deine alten Freunde nicht zu Idealbildern: Auch in dieser Stadt gibt es Menschen, auf die zu verzichten du dir in einigen Monaten schon nicht mehr vorstellen kannst.

4. Nicht alle deiner neuen Bekanntschaften müssen sofort deine besten Freunde werden. Es kann auch schön sein, mit einigen Menschen nur spezifische Interessen zu teilen.

5. Eine gute Beziehung ist viel wert, aber kein Ersatz für platonische Freundschaften. Sie bieten dir Abwechslung, Stabilität und einen Zufluchtsort, falls es in der Beziehung mal nicht so gut läuft. 
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9 Kommentare
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eisengrau
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Mag ich Mag ich nicht

3

12.02.2013 - 23:43 Uhr
eisengrau

Auch nicht schlecht: Kochkurse. Weil man da auch gezwungen ist, etwas gemeinsam zu machen und miteinander zu kommunizieren, und weil man hinterher gleich zum Essen da bleibt.

octopussy
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Mag ich Mag ich nicht

1

13.02.2013 - 12:19 Uhr
octopussy

Also bei mir damals 2002/2003 als sich anbahnte, dass ich nach Hamburg ziehe, habe ich das ja hier auf jetzt.de forciert: ich habe die, die in Hamburg wohnen angeschrieben, und mich dann, wenn ich mal wieder zu Besuch war, zum Kaffee verabredet. Meine erste Freundesgruppe in HH bestand also aus einer jetzt-ler Clique.
Und wie das dann so ist: über Freunde lernt man neue Freunde kennen.
Wenn ich jetzt in eine andere Stadt ziehen würde, würde ich das wieder so angehen. Entweder kennt man schon jmd vor Ort, oder aber ein Freund kennt jmd vor Ort. Damit hat man schon mal den ersten Fuß in der Tür.
Es muss allerdings nicht sein, dass die Bekannten auch zu Freunden werden, man sollte sie eher als Katalysator ansehen.

cosmashiva
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Mag ich Mag ich nicht

2

13.02.2013 - 12:19 Uhr
cosmashiva

"Aber Vorsicht: Wer zu viel Zeit damit verbringt jeden neu geknüpften sozialen Kontakt aufrecht zu erhalten, hat weniger Zeit und Kraft, neue Kontakte aufzubauen, die sich wirklich lohnen könnten, rät Back."

Aha.
"Sorry Freunde, aber die Investition in eure Freundschaft lohnt sich nicht mehr. Schließlich gibt es so viele Menschen auf der Welt, bei denen die investierte Zeit und Aufmerksamkeit viel lukrativer angelegt ist. Ich rede jetzt nicht mehr mit euch und suche mir stattdessen neue und bessere Freunde."
Na wenn diese Einstellung mal nicht die optimale Voraussetzung für wirklich tief empfundene, selbstlose Freundschaften ist...

chrinamu
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Mag ich Mag ich nicht

1

13.02.2013 - 12:19 Uhr
chrinamu

Falls man keine richtigen "Hobbies" hat: in manchen Städten, z.B. in Frankfurt, das ja eine klassische Zugezogenen-Stadt ist, gibt es sowas wie "New in Town"-Netzwerke, über die man Gleichgesinnte kennen lernen kann, oder Stammtische für bestimmte Berufsgruppen (wie z.B. Verlagsleute). Über letzteres hab ich so einige gute Freundinnen gefunden.

garconne
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Mag ich Mag ich nicht

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13.02.2013 - 14:00 Uhr
garconne

Ich bin übrigens "neu" in Berlin... Ich kenn hier zwar schon ein paar Leute, freu mich aber immer über neue Bekanntschaften!

drolli
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Mag ich Mag ich nicht

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19.02.2013 - 13:19 Uhr
drolli

Also meist findet man Freunde unerwartet. Hoert sich dumm an ist aber so. Also immer Augen auf.

Awesomeness
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Mag ich Mag ich nicht

0

19.02.2013 - 13:19 Uhr
Awesomeness

Mit diesem Phänomen habe ich auch lange zu kämpfen gehabt. Vielleicht habe ich das noch heute. Ob das mit den festen Cliquen wirklich ein Jugend- bzw. Schulphänomen ist...
Gezwungenermaßen vielleicht; schließlich ist es ja nicht mehr so, dass es schon ungewöhnlich ist, in die Nachbarstadt "auszuwandern".

"Meine Leute" habe ich zum letzten Mal bei der Abifete alle zusammen gehabt. Ich mache mir keine Illusionen, dass wir es jemals wieder schaffen, dass wirklich alle da sind. Dazu hat sich einfach alles zu sehr in die Breite gedrängt.

Und das ist ja noch nicht alles. In der Schule hat man wie nirgendwo sonst alle seine Leute jeden Tag alle zusammen.
Selbst wenn es uns also mal gelänge, alle zusammen mal ein Wochenende wieder zu sehen, könnte es nicht so sein wie früher, weil man sich ja schon am nächsten Tag wieder in das "eigentliche Leben" verstreut.

Obwohl ich mir die wirklich engen Freunde erhalten und auch noch zwei dazu gewinnen konnte, ist es nicht mehr so, dass man bei jedem Anflug von schlechter Laune einfach anrufen und stundenlang quasseln kann - und das vielleicht auch noch nachts um zwei.

Es geht auch nicht, sich einfach auf's 125er-Motorradl zu schwingen und einfach mal überall zu schauen, ob der/die XY gerade zuhause ist und Lust auf einen netten Nachmittag hat.

Und ich muss gestehen, das fehlt mir sehr. Ich glaube auch nicht, dass man noch einmal irgendwann im Leben so etwas haben kann.

Acuteness
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Mag ich Mag ich nicht

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19.02.2013 - 13:19 Uhr
Acuteness

ich mach mal mit: neu in köln ;)

munkepunke
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Mag ich Mag ich nicht

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19.02.2013 - 13:19 Uhr
munkepunke

Nicht zu vergessen, sind Unterschiede in Mentalität und Dialekt je nach Region.
Ein Ur-Bayer, der nach Hamburg zieht, wird es wahrscheinlich schwerer haben als ein Dortmunder, der nach Bochum zieht.
Das hat mit Schüchternheit nicht viel zu tun.
Mir als Rheinländerin hat meine ausgeprägte Geselligkeit im kühlen Nordhessen jedenfalls nicht viel genützt, eher im Gegenteil.

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