06.01.2013 - 16:29 Uhr

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… gefundene KUNST.

Text: HEDunckel

"... te espero siempre mi amor"

In Zürich sagte James Joyce am 1. August 1917 nach dem Abendessen: „Odysseus wollte nicht nach Troja ziehen, er wusste, dass der offizielle Kriegsgrund, die Ausbreitung der Kultur Hellas', nur Vorwand war für die griechischen Kaufleute, die neue Absatzgebiete suchten. Als die Aushebungsoffiziere (vom damaligen „casting-team“) kamen, war er gerade beim pflügen. Er stellte sich irrsinnig. Sie legten ihm daraufhin sein zweijähriges Söhnchen in die Furche. Vor dem Kinde hält er mit dem Pfluge. Beachten Sie die Schönheit der Motive: der einzige Mann auf Hellas, der gegen den Krieg ist … und der Vater.“ - Die Odyssee war von Anbeginn eine Reise, die gleichzeitig in Richtung Zurück, wie in Richtung Zukunft orientiert blieb. Der Abenteurer setzt dabei aber nicht auf ein scheinbar reales Konzept von Heimat, sondern auf die Vision eines Ideals. Kunstvoll wird alles aus und in der Form eines entstehenden Bildes entworfen: wo eine nahezu unbegrenzte Folge von Episoden jedes Lebens Platz finden kann. Wiener Kunsthistoriker erkannten erst in den 1930er Jahren die Bedeutung einer Kognitionspsychologie für die Kunst. Wenn unterschiedliche Beobachter dasselbe Bild ansehen, erkennen sie unterschiedliche Dinge … weil: Unser Gehirn ist ein kreatives Instrument! - Wir haben Prägungen angesammelt, um Eindrücke intuitiv zu interpretieren und zu kontextualisieren was wir erleben. In Bruchteilen von Sekunden gleichen wir neue Eindrücke mit unseren Erfahrungen ab, die wir im Gedächtnis gespeichert haben. Manche Leute reagieren dabei so intensiv auf Bilder, dass sie Schmerz oder Wohlgefühl empfinden.

"OPEN the door at 100"

Dass der bedeutendste Roman des irischen Schriftstellers James Joyce richtungsweisend für den zeitgenössischen Sprachgebrauch wurde, war im „Ulysses“ (englisch für Odysseus) durch eine direkte Umsetzung situativer Ästhetik in Worte begründet. Ein Bewusstseinsstrom (stream of consciousness) wurde hier zum zentralen Gestaltungselement eines literarischen Werkes, und reflektiert so nicht nur die äußeren Erscheinungsformen von Geschehnissen, sondern auch die Gedanken seiner Protagonisten mit all ihren Assoziationen, Erinnerungen und Vorstellungen. Die Zeit verstreicht im Ulysses nicht „Stück für Stück“ kontinuierlich. Der Bewusstseinsstrom, einer vital immer diskontinuierlichen Zeit, ergießt sich aus den Wort-Bildern, und zwingt den lesenden Teilnehmer so, entweder mitzuschwimmen („... gern“) oder unterzugehen („... das verstehe ich nicht“). Archetypisch für unsere universelle Eingebundenheit verbringen diverse Individuen gemeinsam Episoden und eine (immer nur scheinbar) objektive Zeitdauer wird im kollektiven Erleben progressiv unscharf. Der berühmte Schlussmonolog von „Penelope“ wurde mit acht langen Sätzen ohne Interpunktion komponiert, um den Bewusstseinsstrom „nahezu unmittelbar“ in seiner situativen Ästhetik erfahrbar werden zu lassen. Joyce ging es nicht um das Übertreffen, Widerlegen oder Einlösen von Publikumserwartungen, weil er derartige Kriterien niemals als konstitutiv für den ästhetischen Wert eines Werkes hätte in Erwähnung ziehen können. Der ästhetische (sinnliche) Wert eines Werkes ist ein grundsätzlich anderer, als ein über soziale Kontexte fixierter (materieller) Wert: Er ist immer der ganz persönliche perzipientelle wie expedientelle „Schatz“ eines Individuums.



"Armer Poet und Tote Fliege"

In einer Trilogie aus den 1980er Jahren wird eine andere Odyssee geschildert. Robert A. Wilson dehnt in „Schrödingers Katze“ den Bewusstseinsstrom über das bereits Vertraute hinaus, und berichtet in Form von Einträgen in einer zukünftigen Enzyklopädie („Galaktische Archive“) über die Erfahrungen unserer Zeit. „Ulysses“ ist in dieser Geschichte ein enormer, präparierter Penis, der einst einem Transsexuellen entfernt wurde, und nach seinen „Irrfahrten“ (zum Beispiel als „Shivalingam“ im Tempel der Sekte eines zeitgenössischen „Phallizismus“, oder als Roboter-Dildo in einem Orgasmus-Forschungs-Zentrum) am Körper eines „Midgets“ (Zwerg) zu neuem Leben erwacht, und den ursprünglichen Träger im vaginalen Zentrum seiner/ihrer aktuellen Sexualität zur Ekstase bringt: So als Vision eines Ideals in ihr/sein ästhetisches Symbol von Heimat zurückfindet. In den „Archiven“ von 2803 können wir lesen: „Die Erfindung des Symbolismus und der Kodierung gab den ersten terranischen Zivilisationen einen Schlüssel zur Überwindung des Todes. Das Signal „ALLES FLIESST“ beispielsweise, das vor über 33 Jahrhunderten von Heraklits Nervensystem in jedes Nervensystem … hinüberblitzte, erlaubt ihm, über die Zeit hinweg zu kommunizieren.“ - Auch hier verstreicht die Zeit nicht „Stück für Stück“ kontinuierlich, sondern passiert auf einer „Odyssee im Weltraum“ in einem diskontinuierlichen Bewusstseinsstrom. Doch in Wilson's Welt pflegten die höheren Primaten ihre Egos bereits wie permanente Notfallsituationen. Die meisten Prämissen ihres religiösen, wissenschaftlichen und philosophischen Denkens waren folglich tendenziell falsch. „Jede falsche oder auch nur teilweise falsche Prämisse, die exakt und logisch weitergedacht wird, verursacht (jedoch) eine approximative Simulation von Irrsinn.“ - postulierte Blake Williams (einer der Protagonisten) etwa auf Höhe 72nd Street ... den Broadway überquerend.


"SHOP"

Entsprechend unseren Ausführungen wäre es also nicht übertrieben davon auszugehen, dass wir selbst nur Bewusstseinsströme sind; strukturiert in einer einzigartigen und persönlichen „Software“, bekannt als der genetische Code. Und weil jeder Organismus durch den Besitz von Mitteln für das Erlernen, den Gebrauch, die Zurückhaltung und die Übertragung von Information zusammengehalten wird, eine Übertragung von Information nur als Übertragung von Alternativen möglich ist, und es keine denkbaren Beobachtungen gibt, die uns genug Information über die Vergangenheit eines Systems geben könnten, um vollständige Information über seine Zukunft zu erhalten, kann es nur so sein: Wir generieren einen Bewusstseinsstrom und dieser Bewusstseinsstrom prägt die Erscheinungsformen unseres Lebens. Dabei ist die spezifische Leistung von Weltgestaltung immer dort zu finden, wo sie nicht aus hohlen Funktionen reiner Äußerlichkeit sich entblößt. Ohne die Visionen seiner partizipativen Elemente mit all ihren Assoziationen, Erinnerungen und Vorstellungen bleibt ein jedes Bild ausdruckslos. Weil: Soll nur ein möglicher Zustand übertragen werden, dann kann er höchst wirksam und mit geringstem Aufwand durch das Senden von überhaupt keiner Information übertragen werden. Das war die große Fehlleistung der Menschheit am 21.12.2012: Den kommunikativen Wert, einer sich nur selten wiederholenden galaktischen Konstellation des Sonnensystems, weder zu erkennen, noch angemessen zu nutzen. Wir waren nicht fähig einen neuen Zyklus, dessen Ende und Beginn sich weit über unsere (vielleicht auch nur erhaltenen) menschlichen Aufzeichnungen hinaus in ca. 28.500 Jahren vollzieht, als Schnittpunkt allgemeiner Reflexion über unseren Bewusstseinsstrom zu würdigen.


"Zeichen der Zivilisation"

Die Angst vor einer „tabula rasa“ (einem reinen Tisch), hatte sämtliche „terranischen Netstbeschmutzer“ veranlasst, diesen möglichen Wendepunkt oder Neubeginn als karnevalistisches Medien-Event lächerlich zu machen. Ja: Wir sind bereits alle manipuliert und pflegeleicht („... gern“). Kein universelles Bewusstsein setzt uns mehr unter Strom („... das verstehe ich nicht“). Wir pflügen stumpfsinnig unsere Bahnen und stellen uns irrsinnig. Jetzt legt aber ein galaktisches „casting-team“ unser aller Kind, unsere gemeinsame Zukunft in der Furche … weshalb halten wir nicht inne und beginnen eine neue Episode der „Odyssee im Weltraum“? - Hätte nicht eine an galaktischen Positionen orientierte, langfristige und zyklische Zeitordnung ein geniales Mittel zur Lösung der bedrohlichsten Probleme auf diesem Planeten werden können? („... gern“) - Ohne Vormachtansprüche hinderlicher Konventionen zu berücksichtigen? („... das verstehe ich nicht“) - Wo doch seit einigen Jahrzehnten bekannt ist, dass die Mayas mit ihrer Art von Zeitrechnung eine Genauigkeit erreicht hatten, die jeden anderen Kalender der Welt übertrifft … ? - Seit der Renaissance, der angestrebten Wiedergeburt des Menschen in eine ideale, geistige Heimat, gab es massive kontra-positionelle Intentionen, diese Entwicklungen zu unterbinden. Der offizielle „Kriegsgrund“, die sogenannte „Moderation“ einer sich ankündigenden Welt-Kultur eurozentrischer Prägung, galt auch hier als Vorwand für die europäischen Kaufleute, neue und mehr Rohstoffe, Arbeitskräfte und Absatzgebiete für sich zu erschließen. Das Signal „ALLES FLIESST“ wurde als minderwertig unterdrückt, weil Information fortan nur noch als materieller Wert gehandelt wurde, und so als geistiger Impuls verkümmern musste.


"Werbefläche für Metaprogramme"

Dabei ist die Welt voller geistiger Impulse, die aber leider meist ihrer gebührenden Aufmerksamkeit entbehren. In Wort, Bild und Ton gibt es viele Zeugnisse gelungener Kompositionen. Testobjekte für mögliche Kompatibilitäten expedienteller Aktivitäten von Menschen mit ihren sozialen, natürlichen und emotionalen Welten. Viele Aktivitäten drängen jedoch zur Frage: Weshalb gestalten wir uns oft nur eine sehr mittelmäßige Umwelt? - Wenn unser Gehirn ein kreatives Instrument ist, wo wir Prägungen angesammelt haben um Eindrücke intuitiv zu interpretieren und zu kontextualisieren … weshalb agieren wir ständig auf suboptimalen Ebenen? - Andere Zeugnisse hingegen sind ohne eigentliche Absicht entstanden. Werten wir diese als „gefundene Kunst“, erweitern sie unsere Möglichkeiten perzipienteller Aufmerksamkeit („brain-stretching“). Auch hier zeigen sich Kompatibilitäten mit unseren sozialen, natürlichen und emotionalen Welten. Wir erkennen: Unsere „Odyssee im Weltraum“ beginnt unausweichlich in einer situativen Ästhetik (wo auch schon „Alice“ einem Hasen folgte). Der Bewusstseinsstrom (stream of consciousness) wird hier nicht nur zum zentralen Gestaltungselement eines literarischen Werkes, sondern als Metaprogramm zu einem stringenten Konzept der Gestaltung von Welt. Kunstvoll wird alles aus und in der Form eines entstehenden Bildes entworfen: wo eine nahezu unbegrenzte Folge von Episoden jedes Lebens Platz finden kann. Auch „Argos“, der Hund von Odysseus, der den Heimkehrer als erster erkannte, als er nach Jahren, nach vielen Folgen situativer Ästhetik unterschiedlichster Art, wieder nachhause zurück kam.


Holger E. Dunckel


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1 Kommentar
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MAREInecke
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Mag ich Mag ich nicht

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07.01.2013 - 09:34 Uhr
MAREInecke

Dieser ausgezeichnete Text hat mich geradezu genötigt, sofort Jetzt-Mitglied zu werden.
Und das am Montag Morgen! (7. Januar 2012), wo dafür eigentlich gar keine Zeit ist...
Danke, Holger, dass du diesen Jetz-Link bei LInkedin.de in der Gruppe ZWISCHENRÄUME gepostet hast!
Saludos,
Maria
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Holger E Dunckel
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