05.01.2013 - 19:23 Uhr

2 1

Tiefschnee

Text: Schwatzwaldkirsche

Vor zwei Jahren lag ich in der Silvesternacht in einem großen Bett mit Daunendecke, draußen vor den Fenstern fiel Schnee, der glitzerte, wie es sich für den perfekten Skiurlaub gehört, wir waren auch auf der Piste gewesen, im dritten Monat schwanger, das geht aufs Kreuzbein, aber ich hatte immer davon geträumt: perfekte Berge, eisklarer Himmel mit Wintersonne, Gemsen, die beim Klettern Schnee lostreten und so sichtbar werden, wenn Du vom Lift deinen Blick Richtung Abgrund richtest. Dazu wundervolle Wälder in denen bestimmt Gnome hausen und Rentiere. Sogar eine Kutschfahrt mit zotteligen Kaltblütern machten wir, es hätte schön sein können.

Ich weiß noch, dass wir Tomaten kauften und Käse und Brot und im Hotelzimmer eines unserer legendären Picknicke abhielten, als wäre noch alles wie früher, als läge nicht alles um uns herum in Trümmern. Sahst Du es nicht? Ich brannte von den Fußsohlen bis zu den Haaren. Für einen anderen Mann. Du wusstest es ja. Du wusstest, dass in mir auch eine kleine Flamme täglich größer wurde, jeden Tag ein bisschen mehr. Was dachtest Du? Wie ging es Dir? Warum bist Du geblieben? Wie konnest Du bleiben? (Wie kannst Du bleiben?)

Ich lief am nächsten Tag durch den Tiefschnee, allein, alles leuchtete in der Sonne, die Weite und Du warst weit weg und ich konnte ihn endlich anrufen. Seine Stimme am Telefon war mir mehr zuhause als jede Deiner Berührungen. Ich wollte durchs Telefon zu ihm fliegen, bei ihm sein mit dem Kind, das uns verband (und das jetzt unsere letzte Verbindung ist).
Was dachte ich? Es ging mir schlecht mit Dir. Nicht, weil Du mir etwas antust. Sondern weil Du nichts tust und ich mir das schon so lange antue. Warum bin ich geblieben? Wie konnte ich bleiben? Wie kann ich bleiben?

So viele Situationen, die nicht mehr stimmten, in denen ich mich verbog, in denen ich schluckte, den Atem anhielt, stumm blieb, mich nicht zu mir bekannte, Dich anlog, Deine Grenzen suchte und keine fand. Bis heute. Beim Baden, beim Marathon, am Bahnhof. So viele Momente, die nicht mehr stimmen. So viele Situationen, deren Echo jetzt laut wird. Seit Jahren, wenn ich ehrlich bin. Wo sind Deine Grenzen? Wo ist meine. (Wie könnte ich gehen?)


Neue Texte zum Label 'Entlieben':
Textoptionen
Mehr Texte von
Schwatzwaldkirsche
Mehr Texte zum Label
Entlieben
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
1 Kommentar
Für diese Funktion musst du eingeloggt sein.
alter_hund
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

05.01.2013 - 19:46 Uhr
alter_hund

Auch wenn die Welt in Trümmern liegt, muß man irgendwie satt werden ;-)
Aber warum Du Dich verbiegen mußt, wenn jeder weiß, woran er ist, das ist mir nicht klar ...

Mehr lesen:

...

Jetzt-Mitglied

Schwatzwaldkirsche unbekannt

Schwatzwaldkirsche

ist jetzt-Userin und hat diesen Beitrag verfasst.