Warum der Froschkönig scheitern muss - und wir auch
Dr. Hans-Jürgen Stöhr ist Experte für das, wovor die meisten riesige Angst haben: das Scheitern. Bis vor Kurzem hatte er eigens dafür eine Agentur. Jetzt berät er in seiner "Philosophischen Praxis" Menschen bei Problemen des täglichen Lebens. Ein Interview über die Kunst, es richtig falsch zu machen.
jetzt.de: Herr Dr. Stöhr, woran ist Ihre Agentur fürs Scheitern gescheitert?Dr. Hans-Jürgen Stöhr: Ich habe zwar gemerkt, dass ein großes Interesse am Thema "Scheitern" besteht, aber die Leute trauen sich nicht, Hilfe zu suchen. Das Scheitern ist nach wie vor ein Tabuthema in unserer erfolgsorientierten Gesellschaft. Es zählt nur, wer Erfolg und viel Geld hat. Wer arbeitslos wird, Hartz IV empfängt oder sein Studium abbricht - natürlich muss man da auch immer differenzieren - aber der wird von der Gesellschaft stigmatisiert. Für mich gehören Erfolg und Scheitern fest zusammen. Sie sind zwei Seiten ein und desselben Handelns.

Aber auch in Ihrer philosophischen Praxis bieten Sie Seminare zum "gescheiten Scheitern" an?
Ja, ich berate immer noch zum Thema "Scheitern" und biete konkrete Hilfe. Außerdem versuche ich, über Märchen Lebensweisheiten zu vermitteln. Zum Beispiel beim Froschkönig: Da geht es besonders um die Frage, warum die Beziehung zwischen Froschkönig und Prinzessin scheitern muss.
Aber gibt es beim Froschkönig nicht ein Beziehungs-Happy End? Sie wirft ihn gegen die Wand, er verwandelt sich in einen Prinzen und sie bleiben glücklich bis an ihr Lebensende?
Es gibt verschiedene Versionen des Märchens. Ich kenne meine noch von einer Verfilmung aus der DDR-Zeit. Da klatscht der Frosch an die Wand und wird ein Prinz, aber er nimmt die Prinzessin nicht mit in sein Königreich, weil sie ihr Versprechen nicht gehalten hat. Die beiden scheitern zunächst.

Und warum mussten sie scheitern?
Weil die Prinzessin in einer Welt lebt, die sie nicht zu einem erwachsenen Menschen macht. Sie macht sich dann auf den Weg zum Prinzen und wird auf dieser Reise erwachsen und reif. Damit sind dann die Voraussetzungen für ihre Beziehung gegeben und der Prinz holt sie doch in sein Schloss.
Scheitern hat also etwas mit Erwachsensein zu tun. Scheitern also junge Menschen anders als ihre Eltern?
Ja und nein. Es ist keiner vor dem Scheitern gefeit. Das liegt an den Umständen und der Komplexität unseres Lebens. Der Mensch ist nicht perfekt. Deshalb läuft er Gefahr, Fehler zu machen und scheitert manchmal einfach. Außerdem gestehen wir uns das Scheitern oft erst dann ein, wenn wir die Sache richtig gegen den Baum gefahren haben. Das hat aber mit dem Alter nichts zu tun.
Das war das "Nein" auf die Frage. Was ist das "Ja"?.
Junge Leute sind viel risikofreudiger. Damit wächst natürlich auch das Risiko zu scheitern. Sie können sich aber auch schnell wieder aufrappeln und neu anfangen. Ältere sind bedächtiger, abwägender. In dieser Vorsicht vermindern sie ihr Scheitern-Risiko, vergeben sich aber Chancen für Neues und verpassen zugleich Erfolgsmöglichkeiten.
Also gibt es Unterschiede zwischen Alt und Jung. Wie steht es mit Mann und Frau?
Das hat mit dem Mann-Sein und Frau-Sein von Natur aus zu tun. Wenn ich dem Mann mal unterstelle, dass er abenteuerlicher und entscheidungsfreudiger ist, dass er Projekte und Aufgaben schneller anpackt, dann ist die Gefahr, dass der Mann scheitert, natürlich größer. Aber er steht auch schneller wieder auf. Die Frau ist überlegter, gerät nicht so schnell in Risikosituationen. Die Frage ist, wie sie bereit ist, Entwicklungen mitzutragen – eher über Sicherheit und Kontinuität. Es gibt Unterschiede, aber alte Menschen oder Frauen scheitern nicht besser oder schlechter als Männer oder junge Leute.
Gibt es denn überhaupt Qualitätsunterschiede im Scheitern?
Ja, ich unterscheide zwischen positivem und negativem Scheitern.
Positives Scheitern? Das müssen Sie erklären.
Die Kunst ist - da Scheitern ein Prozess ist - den Moment des Scheiterns früh genug zu erkennen, so dass man die Weichen noch neu stellen kann und sich dadurch die Möglichkeit des Handelns und des Erfolgs erhält. Schlechtes Scheitern wäre, wenn ich ein Vorhaben komplett in eine Sackgasse bringe und kein Handlungsspielraum mehr besteht. Zum Beispiel mein Studium einfach hinschmeiße, anstatt zu überlegen, das Fach oder die Ausbildungsart zu wechseln.
Man muss also das Scheitern akzeptieren und als neue Chance annehmen. Es ist ja auch ganz klar, dass keiner von uns davon kommt, ohne auch mal zu scheitern. Warum fällt uns das gerade im Studium und im Beruf so schwer?
Das liegt an den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen hier und an der Kultur, in der wir leben. Es zählt nur, was mit Erfolg verbunden ist. Alles andere wird belächelt. Gerade die Deutschen sind dermaßen verbissen und rational gesteuert! In England oder Amerika geht man viel gelassener mit dem Scheitern um.
Gelassen mit dem Scheitern umgehen, das klingt so einfach. Aber machen wir ein konkretes Gedankenexperiment. Ich bin Studentin und breche mein erstes Studium ab. Das kann passieren, darin sehe ich eine neue Chance. Aber nach dem dritten Abbruch und einer an meiner Unzufriedenheit gescheiterten Beziehung können Sie mir nichts mehr von positivem Scheitern erzählen.
In diesem Fall gilt zu überlegen, was das mit Ihnen zu tun hat. Vielleicht ist es ein falscher Traum, den Sie zu erreichen versuchen. Vielleicht sind es nur Erwartungen der Eltern, denen Sie folgen, weil Sie selbst nicht wissen, was Sie wollen und Sie damit fremd- und nicht selbstbestimmt sind.
Sie haben selbst drei erwachsene Söhne. Sind die als Kinder eines Experten fürs gescheite Scheitern besonders erfolgreich?
Sie sind sehr unterschiedlich. Der Älteste hat seinen Weg geradlinig gemacht. Der Dritte hat die Zeit des Scheiterns selbst erlebt, wusste aber früh, was er wollte. Ihm konnte ich dann gut helfen. Der Zweite hat sehr viele Schlängelbewegungen gemacht. In eine Sackgasse rein, wieder raus und in die nächste. Er hat angefangen Kunst zu studieren, wurde Fitnesskaufmann, hat mal profimäßig Basketball gespielt und jetzt studiert er Lehramt.
Das heißt, vor dem Scheitern ist wirklich niemand sicher?
Richtig, ganz genau. Und das ist auch gut so. Denn Scheitern heißt auch, für das eigene Leben lernen und in der Persönlichkeit reifer werden.
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und: manchmal hat man auch das gefühl gescheitert zu sein, obwohl alles wunderbar klappt.
noplacespecial sagte:
negatives scheitern als resultat nicht zu wissen, was man eigentlich will, eine folge unseres bildungssystems.
Kann das nicht in jedem Bildungssystem passieren? Ich denke, je mehr Möglichkeiten man hat, desto schwieriger ist es doch, rauszufinden, was man wirklich will.
jurette_ sagte:
noplacespecial sagte:
negatives scheitern als resultat nicht zu wissen, was man eigentlich will, eine folge unseres bildungssystems.
Kann das nicht in jedem Bildungssystem passieren? Ich denke, je mehr Möglichkeiten man hat, desto schwieriger ist es doch, rauszufinden, was man wirklich will.
wenn man bereits in der schule in seinen stärken und interessen gefördert würde, so wüsste man sowohl, was man KANN als auch, was man WILL. findet beides aber nicht statt, sondern nur vorgegebene fächer, in denen man in disziplinen beurteilt wird, die der lehrplan vorgibt.
rhetorische frage: wieviele menschen gehen von der schule und wissen nicht, was sie machen wollen?
noplacespecial sagte:
jurette_ sagte:
noplacespecial sagte:
negatives scheitern als resultat nicht zu wissen, was man eigentlich will, eine folge unseres bildungssystems.
Kann das nicht in jedem Bildungssystem passieren? Ich denke, je mehr Möglichkeiten man hat, desto schwieriger ist es doch, rauszufinden, was man wirklich will.
wenn man bereits in der schule in seinen stärken und interessen gefördert würde, so wüsste man sowohl, was man KANN als auch, was man WILL. findet beides aber nicht statt, sondern nur vorgegebene fächer, in denen man in disziplinen beurteilt wird, die der lehrplan vorgibt.
rhetorische frage: wieviele menschen gehen von der schule und wissen nicht, was sie machen wollen?
Viele wissen das nicht. Aber es gibt auch viele, die es wissen.
Natürlich ist es eine schöne Idee, dass jeder Schüler in dem gefördert will, was er kann und was er will.
Aber ist die Schule mit ihren festen Disziplinen nicht auch dazu da, rauszufinden, was man kann und was man will? Häufig wird ein SChüler ja erst in der Schule mit bestimmten Sachen konfrontiert. Wenn man z. B. aus einem Haushalt kommt, in dem Musik keine Rolle spielt, dann kann es doch passieren, dass ein SChüler im Musikunterricht entdeckt, dass ihm das Freude macht und er musikalisch begabt ist.
Und früher gab es ja in der Oberstufe so ein bisschen eine Förderung der INteressen - durch die damals noch viel freier Wahl der LK und GKs. Führte aber m. E. auch nicht unbedingt dazu, dass die SChüler hinterher schlauer waren was ihre Zukunftspläne betrofft.
Ich stimme Dir sicher zu, dass in unserem Bildungssystem vieles verbesserungswürdig ist, gerade im Hinblick auf die Berufswahl - aber ich habe SChwierigkeiten mir vorzustellen, wie man so ein System umsetzen kann (auch vor dem Hintergrund der personellen Ausstattug, wobei das angesichts schrumpfender Geburtenjahrgänge ja vielleicht besser wird)
PS was kostet eine Stunde Hilfe !?
05.01.2013 - 17:11 Uhr
SchmidtGeorg
Tröstet ein bisschen wenn man selber gerade scheitert.
suburbankid sagte:
und: manchmal hat man auch das gefühl gescheitert zu sein, obwohl alles wunderbar klappt.
Das hat dann aber was von Leiden auf hohem Niveau - im Vergleich zu Leuten, die tatsächlich scheitern.
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04.01.2013 - 19:05 Uhr
soylentyellow