04.01.2013 - 18:30 Uhr

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Warum der Froschkönig scheitern muss - und wir auch

Text: teresa-fries - Fotos: mys / photocase.com; privat

Dr. Hans-Jürgen Stöhr ist Experte für das, wovor die meisten riesige Angst haben: das Scheitern. Bis vor Kurzem hatte er eigens dafür eine Agentur. Jetzt berät er in seiner "Philosophischen Praxis" Menschen bei Problemen des täglichen Lebens. Ein Interview über die Kunst, es richtig falsch zu machen.

jetzt.de: Herr Dr. Stöhr, woran ist Ihre Agentur fürs Scheitern gescheitert?
Dr. Hans-Jürgen Stöhr: Ich habe zwar gemerkt, dass ein großes Interesse am Thema "Scheitern" besteht, aber die Leute trauen sich nicht, Hilfe zu suchen. Das Scheitern ist nach wie vor ein Tabuthema in unserer erfolgsorientierten Gesellschaft. Es zählt nur, wer Erfolg und viel Geld hat. Wer arbeitslos wird, Hartz IV empfängt oder sein Studium abbricht - natürlich muss man da auch immer differenzieren - aber der wird von der Gesellschaft stigmatisiert. Für mich gehören Erfolg und Scheitern fest zusammen. Sie sind zwei Seiten ein und desselben Handelns.

Dr. Hans-Jürgen Stöhrs Zukunft sollte eigentlich an einem Lehrstuhl der Uni Rostock stattfinden. Er ist am Mauerfall gescheitert.

Aber auch in Ihrer philosophischen Praxis bieten Sie Seminare zum "gescheiten Scheitern" an?
Ja, ich berate immer noch zum Thema "Scheitern" und biete konkrete Hilfe. Außerdem versuche ich, über Märchen Lebensweisheiten zu vermitteln. Zum Beispiel beim Froschkönig: Da geht es besonders um die Frage, warum die Beziehung zwischen Froschkönig und Prinzessin scheitern muss.

Aber gibt es beim Froschkönig nicht ein Beziehungs-Happy End? Sie wirft ihn gegen die Wand, er verwandelt sich in einen Prinzen und sie bleiben glücklich bis an ihr Lebensende?
Es gibt verschiedene Versionen des Märchens. Ich kenne meine noch von einer Verfilmung aus der DDR-Zeit. Da klatscht der Frosch an die Wand und wird ein Prinz, aber er nimmt die Prinzessin nicht mit in sein Königreich, weil sie ihr Versprechen nicht gehalten hat. Die beiden scheitern zunächst.



Und warum mussten sie scheitern?
Weil die Prinzessin in einer Welt lebt, die sie nicht zu einem erwachsenen Menschen macht. Sie macht sich dann auf den Weg zum Prinzen und wird auf dieser Reise erwachsen und reif. Damit sind dann die Voraussetzungen für ihre Beziehung gegeben und der Prinz holt sie doch in sein Schloss.

Scheitern hat also etwas mit Erwachsensein zu tun. Scheitern also junge Menschen anders als ihre Eltern?
Ja und nein. Es ist keiner vor dem Scheitern gefeit. Das liegt an den Umständen und der Komplexität unseres Lebens. Der Mensch ist nicht perfekt. Deshalb läuft er Gefahr, Fehler zu machen und scheitert manchmal einfach. Außerdem gestehen wir uns das Scheitern oft erst dann ein, wenn wir die Sache richtig gegen den Baum gefahren haben. Das hat aber mit dem Alter nichts zu tun.

Das war das "Nein" auf die Frage. Was ist das "Ja"?.
Junge Leute sind viel risikofreudiger. Damit wächst natürlich auch das Risiko zu scheitern. Sie können sich aber auch schnell wieder aufrappeln und neu anfangen. Ältere sind bedächtiger, abwägender. In dieser Vorsicht vermindern sie ihr Scheitern-Risiko, vergeben sich aber Chancen für Neues und verpassen zugleich Erfolgsmöglichkeiten.

Also gibt es Unterschiede zwischen Alt und Jung. Wie steht es mit Mann und Frau?
Das hat mit dem Mann-Sein und Frau-Sein von Natur aus zu tun. Wenn ich dem Mann mal unterstelle, dass er abenteuerlicher und entscheidungsfreudiger ist, dass er Projekte und Aufgaben schneller anpackt, dann ist die Gefahr, dass der Mann scheitert, natürlich größer. Aber er steht auch schneller wieder auf. Die Frau ist überlegter, gerät nicht so schnell in Risikosituationen. Die Frage ist, wie sie bereit ist, Entwicklungen mitzutragen – eher über Sicherheit und Kontinuität. Es gibt Unterschiede, aber alte Menschen oder Frauen scheitern nicht besser oder schlechter als Männer oder junge Leute.

Gibt es denn überhaupt Qualitätsunterschiede im Scheitern?
Ja, ich unterscheide zwischen positivem und negativem Scheitern.

Positives Scheitern? Das müssen Sie erklären.
Die Kunst ist - da Scheitern ein Prozess ist - den Moment des Scheiterns früh genug zu erkennen, so dass man die Weichen noch neu stellen kann und sich dadurch die Möglichkeit des Handelns und des Erfolgs erhält. Schlechtes Scheitern wäre, wenn ich ein Vorhaben komplett in eine Sackgasse bringe und kein Handlungsspielraum mehr besteht. Zum Beispiel mein Studium einfach hinschmeiße, anstatt zu überlegen, das Fach oder die Ausbildungsart zu wechseln.

Man muss also das Scheitern akzeptieren und als neue Chance annehmen. Es ist ja auch ganz klar, dass keiner von uns davon kommt, ohne auch mal zu scheitern. Warum fällt uns das gerade im Studium und im Beruf so schwer?
Das liegt an den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen hier und an der Kultur, in der wir leben. Es zählt nur, was mit Erfolg verbunden ist. Alles andere wird belächelt. Gerade die Deutschen sind dermaßen verbissen und rational gesteuert! In England oder Amerika geht man viel gelassener mit dem Scheitern um.

Gelassen mit dem Scheitern umgehen, das klingt so einfach. Aber machen wir ein konkretes Gedankenexperiment. Ich bin Studentin und breche mein erstes Studium ab. Das kann passieren, darin sehe ich eine neue Chance. Aber nach dem dritten Abbruch und einer an meiner Unzufriedenheit gescheiterten Beziehung können Sie mir nichts mehr von positivem Scheitern erzählen.
In diesem Fall gilt zu überlegen, was das mit Ihnen zu tun hat. Vielleicht ist es ein falscher Traum, den Sie zu erreichen versuchen. Vielleicht sind es nur Erwartungen der Eltern, denen Sie folgen, weil Sie selbst nicht wissen, was Sie wollen und Sie damit fremd- und nicht selbstbestimmt sind.

Sie haben selbst drei erwachsene Söhne. Sind die als Kinder eines Experten fürs gescheite Scheitern besonders erfolgreich?
Sie sind sehr unterschiedlich. Der Älteste hat seinen Weg geradlinig gemacht. Der Dritte hat die Zeit des Scheiterns selbst erlebt, wusste aber früh, was er wollte. Ihm konnte ich dann gut helfen. Der Zweite hat sehr viele Schlängelbewegungen gemacht. In eine Sackgasse rein, wieder raus und in die nächste. Er hat angefangen Kunst zu studieren, wurde Fitnesskaufmann, hat mal profimäßig Basketball gespielt und jetzt studiert er Lehramt.

Das heißt, vor dem Scheitern ist wirklich niemand sicher?
Richtig, ganz genau. Und das ist auch gut so. Denn Scheitern heißt auch, für das eigene Leben lernen und in der Persönlichkeit reifer werden.


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14 Kommentare
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suburbankid
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Mag ich Mag ich nicht

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06.01.2013 - 14:15 Uhr
suburbankid

Paradox_of_Choice sagte:
suburbankid sagte:
und: manchmal hat man auch das gefühl gescheitert zu sein, obwohl alles wunderbar klappt.

Das hat dann aber was von Leiden auf hohem Niveau - im Vergleich zu Leuten, die tatsächlich scheitern.


kommt drauf an. ab wann ist scheitern scheitern? das "wunderbar klappen" bezieht sich eher auf die fremde sicht des eigenen lebens. beispielsweise denken freunde, dass die eine wunderbar zufrieden sei, nette wohnung, gutes studium, netter job, dabei sehnt sie sich nur nach einer intakten beziehung und kriegt das nicht auf die reihe..
das ist nicht unbedingt "leiden auf hohem niveau". ich habe sowie das gefühl, dass das gefühl des scheiterns vor allem ehrgeizige leute betrifft. für diese bricht die welt viel eher zusammen als für solche, die mehr nach dem "mal schauen"-prinzip leben.

und auch das "ich habe doch alles, aber wieso bin ich nicht zufrieden?" kann als scheitern empfunden werden.

Paradox_of_Choice
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Mag ich Mag ich nicht

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06.01.2013 - 16:34 Uhr
Paradox_of_Choice

suburbankid sagte:

Dann, wenn man etwas, das einem persönlich wichtig ist und das man ernsthaft hinzubekommen versucht hat, trotz allem einfach nicht gelingt.
Das kann schon sein, dass die Freunde das, was einem selber grade zu schaffen macht, positiver sehen als man es selbst tut. Andersrum kann es aber auch sein, dass man mit sich selbst vielleicht kritischer ist als mit anderen bzw. sich so auf das 'Unideale' konzentriert, dass man alles andere, was ganz gut läuft, nicht so wahrnimmt oder schätzen kann.

(Zum Leiden auf hohem Niveau wird sowas z.B. dann, wenn die eine sich über die fehlende intakte Beziehung bei jemand anderem beschwert, der diese selbst auch nicht hat und dazu noch keine nette Wohnung/kein gutes Studium/keinen netten Job hat.
Oder andersrum, wenn sich bei der einen, die sich verständlicherweise nach einer Beziehung sehnt, die Freundin laufend über ihre solala-laufende Beziehung beschwert, während sie aber weder selbst was dafür tut noch den Mut hat, sie zu beenden.
Oder wenn sich jemand über einen verpasstes Superprojekt / Aufstiegsirgendwas / Überstunden bei genau dem einen Freund aus seinem Freundeskreis beschwert, der gerade verzweifelt auf der Suche nach einem Job in der selben Branche ist.)

Natürlich hat das mit Ehrgeiz zu tun. Auch mit dieser fehlenden Zufriedenheit, aber die kann man zu einem gewissen Grad lernen. Teils aber auch, wie im Interview angedeutet, ein gesellschaftliches Problem. Ich hoffe, dass wir irgendwann auch wieder großzügiger miteinander umgehen. Man muss auch mal scheitern dürfen, ohne gleich als kompletter Versager abgestempelt zu werden. Schon weil man irgendwann im Leben auch mal Entscheidungen treffen muss, ohne absehen zu können, was sich da entwickelt, und weil nicht alles in unserem Leben allein von uns abhängt.

Vor einer Weile habe ich mal The Conquest of Happiness von Bertrand Russell gelesen. War aber sehr schnell klar, dass es dabei eigentlich nur um genau dieses Problem geht: Leute, die eigentlich alles haben, aber dennoch nicht zufrieden sind.

SchmidtGeorg
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Mag ich Mag ich nicht

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06.01.2013 - 17:26 Uhr
SchmidtGeorg

als Normalbürger ohne akademische Bildung muss ich mich zuerst fragen: was scheitern ist, ok, eine Ehe kann scheitern, aber als Einzelperson wo kann ich scheitern? fehlt mir die Anerkennung im Beruf oder von Freunden ? Scheitern für mich, wäre ein totales Abgleiten , sag ich mal, ein privater SuperGau, aber den gibt es nicht, wenn man normal gestrickt ist und nicht in Selbstmitleid vergeht, es gibt im Leben immer Momente, wos mal garnicht passt, aber deswegen ist man nicht gescheitert. man rappelt sich ja wieder auf , wenn aber die Ansprüche immer höher werden, wenn man nicht mehr zurecht kommt mit sich selbst ist man selber schuld, und gerade gebildete Menschen, sag ich mal, machen sich viel zusehr Gedanken über ihre, oft, Scheinwelt, schon der Verlust eines Statussymbols kann diese zusammenbrechen lassen usw

MarZ12
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Mag ich Mag ich nicht

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09.01.2013 - 15:33 Uhr
MarZ12

positives scheitern. sehr schön...

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teresa-fries offline

teresa-fries

ist jetzt-Mitarbeiterin und hat diesen Beitrag verfasst.