Adressen fürs Gewissen
Am liebsten würde unsere Autorin nur noch fair und ökologisch hergestellte Kleidung tragen, die aber bitte nicht wie aus dem Eine-Welt-Laden aussehen soll. Um herauszufinden, wo es solche Klamotten gibt, ist sie mit einer Modedesignerin durch Münchens Geschäfte gezogen. Eine Tour des guten Gewissens.
In Anna Schweisfurths Atelier in der Schleißheimer Straße sieht es nach Umzug aus. Ordner, Bücher und Jeansstapel liegen am Boden, an der Wand lehnen Stoffrollen in Dreier- und Fünfergruppen. Anna, 28, kniet neben einem großen Koffer, packt Tops und Röcke aus und hängt jedes Teil auf einen Kleiderbügel. Für ihr Label Yubi, das sie 2010 gegründet hat, entwirft sie Jeans, Röcke, Jacken, Braut- und Abendkleider und näht sie zu einem Großteil selbst aus ökologischen Stoffen. Im Dezember ist sie mit ihrem Atelier aus Glonn bei München in die Stadt gezogen.Über faire und nachhaltige Kleidung, wie man sie bei Anna kaufen kann, wird immer mal wieder in den Medien diskutiert. Als in den vergangenen Monaten bei Bränden in Textilfabriken in Bangladesch und Pakistan hunderte Menschen starben, war die Empörung über die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen dort groß. Ein paar Tage lang. Jetzt arbeiten die Menschen in Bangladesch, Pakistan und Indonesien unter denselben Bedingungen weiter.
Am Ende landen wir doch wieder bei H&M. Aus Gewohnheit. Und auch, weil wir nicht so recht wissen, wo es Kleidung gibt, mit der man die Ausbeutung von Menschen, Tieren und der Umwelt nicht noch mehr unterstützt, die bezahlbar ist und nicht aussieht wie aus dem Eine-Welt-Laden. Um das herauszufinden, ziehe ich mit Anna los. „Wenn man es gewohnt ist, sich im Wochenturnus neue T-Shirts zu kaufen, kommt man davon nur schwer wieder weg, das ist wie eine Sucht“, sagt sie. Heute gibt es genug Alternativen für den Entzug. Zum Auftakt geht es trotzdem zunächst in die Kaufingerstraße, zu H&M.

Wir drängeln uns durch zwei Klassenfahrtsgruppen und wissen nicht so recht, wo wir anfangen sollen. Auf unserer Einkaufsliste stehen ein Paar Stiefel, ein Pulli und eine Jeans. Zwischen ein paar Kleiderbügeln nehmen wir ein hellgraues Longsleeve heraus, das von 9,95 auf fünf Euro heruntergesetzt ist. „Made in Bangladesh“ steht auf dem Etikett. Das allein sagt noch nichts über ein Kleidungsstück aus. Aber der Kontext. Anna erklärt: „Wenn du ein T-Shirt für zehn Euro siehst und auf dem Etikett ‚Made in China’, ‚Bangladesh’ oder so steht, ohne Fair-Trade- oder Bio-Siegel, kannst du davon ausgehen, dass es nicht unter koscheren Bedingungen hergestellt worden ist.“ Zur Zeit sind manche Kunden bei Bangladesch zurückhaltend, darum der Rabatt, vermutet Anna. „Es ist gut, dass die Kunden signalisieren, dass sie nicht alles mit sich machen lassen“, findet sie. „Aber sie müssten nicht das Land boykottieren. Überall gibt es inzwischen faire, ökologische Projekte.“ Sie hat in diesem Jahr eine Basic-Linie mit Tops und T-Shirts in einem zertifizierten Betrieb in der Türkei produzieren lassen. „Unsere Baumwolle kommt immer aus dem Ausland, wir haben ja keine Plantagen in Deutschland. Wenn man ein kleines zertifiziertes Unternehmen im Ausland unterstützt, ist das eine gute Sache“, sagt Anna. „Die Stoffe, die ich für meine Kollektionen nutze, kommen aus dem Betrieb, in dem sie auch verarbeitet werden. Dadurch können sie mehr an dem Produkt verdienen.“
Anna geht schon lange nicht mehr zu H&M, Zara und den anderen Textildiscountern, aber sie hat noch ein paar alte H&M-Sachen im Schrank: „Ökologie ist ja nicht nur, wie die Baumwolle angebaut oder der Stoff gewebt wird. Diese Teile habe ich schon so lange, die sind fast ökologisch.“ Skeptisch ist Anna bei den Organic-Cotton- und sogenannten „Conscious“-Kollektionen, die es manchmal bei H&M gibt. Biologische Baumwolle sei natürlich besser als konventionelle, aber nach der Ernte würden die Sachen genauso weiterverarbeitet wie alles andere von H&M. Die Kunden dürften nicht glauben, dass sie das mit gutem Gewissen kaufen können.
Wie nachhaltig diese Kollektionen tatsächlich sind, können uns die Verkäuferinnen in dieser H&M-Filiale nicht sagen. Auch bei COS und Mango erhalten wir als Antwort auf unsere Frage nach Bio- oder Fair-Trade-Kleidung nur hochgezogene Augenbrauen. Bei Mango steht auf allen Etiketten „made in green“. Anna schüttelt den Kopf: „Wenn man sich nicht auskennt, glaubt man wahrscheinlich, dass da ‚grün' produziert wird. Vielleicht haben sie eine Topfpflanze in die Fabrik gestellt und behaupten deshalb, es ist im Grünen entstanden.“ Ein unabhängiges oder aussagekräftiges Zertifikat ist das jedenfalls nicht.
Nach dem ernüchternden Ausflug in die Innenstadt ziehen wir weiter zu Veganista in die Barer Straße. Rahel Goldner, selbst Veganerin, hat ihren Laden im Juli vergangenen Jahres eröffnet. Im Hintergrund spielt hier leise Musik, außer uns sind nur noch zwei Leute im Geschäft und das Angebot haben wir gleich überschaut: Rahel verkauft Kleidung und Accessoires, aber auch Bücher und Papeterie – aber nur, wenn nichts Tierisches dafür verarbeitet wurde. Bei Kleidung heißt das zum Beispiel: kein Leder, keine Wolle, keine Hornknöpfe. Außerdem achtet sie auf faire Produktionsbedingungen und ökologische Qualität. Rahel kennt von allen Labels, die sie verkauft, den Produktionsweg: „Ich weiß, warum die Labels nur das eine Siegel oder gar keins haben, und warum ich da trotzdem einkaufen kann.“ Sie nimmt ein Label nur in ihr Sortiment auf, wenn sie ihm vertraut, das ist ihr wichtiger als ein Öko- oder Fair-Trade-Zertifikat. Anna sieht das ähnlich: „Die ganzen Siegel sind für Leute, die die Marken nicht kennen oder nicht die Zeit haben, sich selbst ein Urteil zu bilden.“ Sie findet, dass man in einem kleinen Öko- oder Fair-Trade-Laden mit überschaubarem Sortiment guten Gewissens alles kaufen kann, auch ohne auf Siegel zu achten.
Wenn man sich an Siegeln orientieren will, empfehlen Anna und Rahel das GOTS-Siegel. „Es ist zur Zeit das beste, weil es viele Bereiche abdeckt. Es steht für Fair Trade, biologische Herstellung, Abwasserregelung und soziale Aspekte wie die Versammlungsfreiheit der Mitarbeiter. Wenn das drauf ist, hat man ein verlässliches Teil“, fasst Anna zusammen. Das schwächste Siegel sei der „Öko-Tex Standard 100“, weil es nur die absoluten Basics sicherstelle. Ein gutes Zeichen dagegen: Kleidungsstücke, auf deren Etiketten ganz viele Siegel gedruckt wurden. Wie bei den Stiefeln, die uns gleich gefallen, hellbraune Chelsea Boots mit Keilabsatz von der Marke „Good guys don't wear leather“ für 160 Euro. Nicht besonders günstig, aber noch bezahlbar. Ein Punkt weniger auf unserer Einkaufsliste.
Unsere nächste Station ist der Fair Trade Shop in den Stachus Passagen. Von außen sieht er zwar tatsächlich aus wie ein Eineweltladen, zwischen Duftstäbchen und Tee entdecken wir aber zumindest schöne Schals und hübschen Schmuck. Die meisten Stücke sind aber wohl eher für eine ältere Zielgruppe gedacht.
Ganz anders sieht es aus, als wir Richtung Gärtnerplatz weiterziehen. Die Sweatshirts, Kleider und Schuhe von Labels wie „People Tree“, „Armed Angels“ und „K.O.I.“, die wir bei ikiM (Fraunhoferstraße 8) und Glore (Baaderstraße 55) entdecken, könnten auch in den vielen anderen Läden im Viertel mit junger, urbaner Mode verkauft werden. Sie überschreiten die H&M-vertraute Preisspanne, sind aber nicht übermäßig teuer. T-Shirts gibt es ab 30 Euro, Jeans um die 120 Euro. Wir entscheiden uns bei Glore für einen dunkelgrauen Pulli von „hempage“. Er besteht aus einem Hanf-Baumwoll-Gemisch, hat einen Reißverschluss am Rücken und kostet 79 Euro. Punkt zwei auf der Liste ist abgehakt.
Im letzten Laden auf unserer Liste, Dear Goods, kauft Anna selbst oft ein. Nicole Noli führt das Geschäft in der Baldestraße seit April 2012. Im Dezember hat sie eine zweite Filiale in der Baaderstraße eröffnet. Im neuen Laden sind die Kleider eine Spur ausgefallener als die Streetwear im ersten, außerdem verkauft sie dort Papeterie und Kosmetik. Nicole kann zu jedem Stück und jedem Label eine Geschichte erzählen. „Bei Recolution mag ich die Etiketten so gern“, erzählt sie. „Der Produktions- oder Lebensweg von einem T-Shirt endet nicht beim Kauf. Hier stehen auf dem Etikett Tipps, wie man den weiteren Umwelteinfluss so gering wie möglich hält: nicht zu heiß waschen, auf Weichspüler und möglichst auf den Trockner verzichten.“ Das klingt protestantisch, aber es sieht nicht danach aus, auch nicht nach Ethno-Look, sondern cool und besonders. Außerdem wertig, das fühlt und sieht man an der Stoffqualität und der genauen Verarbeitung.
Wie Rahel Goldner von Veganista geht es auch Nicole ums Vertrauen. Sie verkauft zum Beispiel die Jacken von „Hoodlamb“, obwohl diese kein Siegel haben, auch wenn ihre Läden dadurch nicht auf der „Grünen Liste“ für Eco-Fashion-Stores stehen. „Hoodlamb produziert nachweislich organisch und fair, aber sie machen bewusst den teuren Zertifizierungsprozess nicht mit, der tausende Euro im Jahr kostet“, sagt Nicole. Kleine Labels könnten sich das nicht leisten. Nicole erzählt, dass sie die Designer persönlich kenne und wisse, dass sie fair und sauber produzieren.
Ein Teil steht noch auf unserer Einkaufsliste – und zum Glück hat Nicole da noch einen guten Tipp: die Jeans von Monkee Genes, die mit 90 Euro nicht übermäßig teuer sind und tatsächlich richtig gut sitzen. Damit ist unsere Liste komplett. Wir haben wirklich schöne Teile gefunden, das gute Gewissen von Kopf bis Fuß kostet allerdings auch insgesamt 330 Euro. Anna findet, dass es das aber wert ist: „Ich habe ein Start-up und am Ende des Monats nicht viel Geld übrig“, sagt sie. Wenn sie einkaufen gehe, nehme sie trotzdem lieber nur ein oder zwei nicht ganz so günstige Teile, die eine gute Geschichte haben und fair produziert sind, statt vieler billiger. Als guten Vorsatz für 2013 kann man das ja vielleicht übernehmen. Schlecht aussehen muss man in korrekten Klamotten jedenfalls garantiert nicht.
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Gruss
Und wenn wir alle ganz ehrlich sind, dann kommen wir um eine Änderung des Konsumverhaltens alle miteinander nicht herum, wenn wir keine Näherinnen in China und Bangladesh mehr töten wollen. Was bei uns in die Altkleidersammlung geht, heißt in Afrika die "Kleidung des toten Mannes", weil man sich dort nicht vorstellen kann, dass Leute kaum getragene Sachen einfach so wegwerfen.
Schade eigentlich.
Wenn man die Wahl hat zwischen: Weniger oder gar keine Kleidung oder non-fair-trade einkaufen, dann ist letzteres das beste (für die Näherinnen vor Ort). Wenn man die Wahl hat zwischen relativ billigem non-fair-trade teurerem fair-trade, dann kann ersteres die bessere Wahl sein - da die Preisaufschläge auf fair-trade Produkte oft völlig unabhängig davon sind, was tatsächlich "mehr" im Land ankommt. Und Fairtrade wird auch nur deshalb mit Öko- und Bio-Produktion verbunden, weil die entsprechende Kundschaft das eben erwartet - nicht, weil es Arbeitnehmern oder Umwelt tatsächlich helfen würde. Fairtrade-Shop Inhaber achten genauso auf ihre Gewinnmarge wie Zara&Co. auch;)
Spart euch das Geld für Fairtrade und spendet das Geld im Zweifel an Entwicklungshilfeorganisationen.
Schnurz sagte:
Ob man nun 100€ für zwei non-fair-trade Jeans ausgibt oder 100€ für eine fair-trade Jeans macht keinen Unterschied: In beiden Fällen fließt genauso viel Geld in das betreffende Entwicklungsland - und auch nicht fairer verteilt.
Mit dem Unterschied, dass für das gleiche Geld in einem Fall die Näherinnen zwei Jeans nähen müssen, im anderen nur eine. Heißt: Der Stundenlohn ist für die Produzenten höher. Heißt: Bei gleicher Arbeitszeit nehmen sie im Fair Trade Fall mehr Geld mit nach Hause und haben dadurch einen besseren Lebensstandard.
Klar wollen auch Fairtrade Unternehmen einen guten Schnitt machen. Ist ja nicht verboten -- im Gegenteil: Weil sie Gewinn machen wollen, machen sie etwas, das schlußendlich (teilweise) den Produzenten zugute kommt, weil dieser Aspekt für ihre Endkunden wichtig ist.
04.01.2013 - 13:23 Uhr
apollyon
benjamin1337 sagte:
Zumal ist es auch einfach eine finanzielle Frage. Bei wachsender Armut ist die Priorität nur "ökö Kleidung" zu kaufen bei den meisten Leuten m.E. eher weiter hinten angesiedelt. Natürlich ist es ein großes Problem, jedoch finde ich ist es für den Durchschnittsdeutschen kaum zu handeln, wie unten bereits angesprochen.
Schade eigentlich.
Ich vermute, dass auch schwächere soziale Schichten mehr Kleidung haben, als unbedingt notwendig.
Möglicherweise wäre eine Lösung, einfach weniger, dafür bewusster zu kaufen.
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03.01.2013 - 22:42 Uhr
AlexanderDerBeneHabitat
Bloß wie soll man sich das alles merken. Ich mein der Preis ist jetzt ja keine Garantie. Und in der Stadt gibt es so viele Boutiquen? Na, und ob es die Verkäufer wissen?
Jedenfalls fühle ich mich als Verbraucher völlig überfordert.
Ich mein, bei technischen Sachen soll man fragen, woher die Rohstoffe herkommen.
Die Schokolade darf man gar nicht mehr kaufen.
Auch beim Fleisch soll man als Verbraucher drauf achten, dass die Tiere Artgerecht gehalten werden. Schließlich soll es noch Öko sein.
Und das Gemüse und Obst soll auch öko sein. Bloß wo überall öko darauf steht ist kein Öko drin.
Und der Experte oder die Expertin steht nicht neben mir, während ich einkaufe.