01.01.2013 - 23:48 Uhr

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Dezember 2012 - Zwischen den Jahren

Text: pitz

Donnerstag

Th. erreiche ich leider nur telefonisch, er fährt nach Brüssel, zu Luise. Ich wage nicht, mir etwas dabei zu denken, aber dass sie sich sehen wollen, ist eine Überraschung und schön.

Früh schneide ich dem kleineren Kind die Haare. Die Augen waren zugewachsen, und mich packt Entschlusskraft: wenn schon schneiden, dann kurz, dass es sich auch lohnt. Eine riesige Locke nach der anderen segelt in den Biomüll, und danach sieht das arme Kind seltsam gerupft aus. Große Reue meinerseits, neues, unverhangenes Schauglück auf Seiten des Kindes. Das abgeschnittene Haar als Krone der Biomüllschüssel guckt unglücklich und mahnend in der Küche herum.

Vormittags gehen wir mit den Kindern in den R-Park. Wir überreden das größere Kind, mit dem Rad die Skaterrampe hochzufahren, das Kind nimmt nicht genug Anlauf und fällt unglücklich. Viele Tränen, unterwegs dann auch vom kleineren Kind, aus purer Sympathie. Zu Hause ein weiterer Anlauf zum Glück: Tee mit Plätzchen und anderem Süßkram. Auf beiden Kinderstühlen liegen die riesigen Sofakissen, eher zur mentalen Polsterung.

Nachmittags kommt *s Vater und nimmt das kleinere Kind mit zu sich. Beide Kinder gleichzeitig traut er sich nicht, was ich nicht gerade dumm finde, obwohl das größere Kind sehr traurig ist. Beim Abschied will ich noch zärtliche Wort zu dem Kleinen sagen, das dafür aber keine Ohren hat und loswill, es zappelt wie ein Stichling und ruft, vor Ungeduld platzend: "Nun küss mich endlich, Mama!"

Shalev ausgelesen, ich finde das Buch vor allem sehr komisch und gar nicht schwermütig, eher nervig. Besonders am Ende kommen die Erinnerungen an Israel, die sehr verblasst waren. Neulich googelte ich nach dem Kibbuz, in dem ich damals ein paar Tage untergebracht war. Die Nachricht, dass es dort einen großen Brand mit Toten gegeben habe. Ich klicke mich durch eine Fotostrecke zu dem Brand, mehrere Fotos sind als Triggerwarnung geschwärzt. Ohne die Erklärung wirklich zu lesen, klicke ich auf den anzeigen-Button und sehe, wovor da gewarnt wurde: ein Foto der verbrannten Leichen. Zuerst bin ich geschockt, dann aber vor allem peinlich berührt, denn was geht mich der Tod dieser Leute an? Wieso zeigen sie diese Fotos in der Welt herum? Wieso bin ich so doof, mir die Warnung nicht besser durchzulesen? Mir wird bewusst, wie anders hier Katastrophen bebildert werden, wenn die Regeln sich auch bei uns zu ändern scheinen. Andererseits: sollte man solche Bilder nicht wegstecken können, darf ich das nicht von mir erwarten? Im ganzen bleibt der Eindruck, persönlich getroffen worden zu sein, ohne, dass mich das ganze etwas anginge; ich kann erst nach Tagen überhaupt davon erzählen.

Freitag

Ich sehne mich sehr nach dem kleineren Kind. Eine paradoxe Situation, denn ich genieße durchaus die Ruhe, die sofort in der Wohnung einkehrt, ohne das ständige Flirren und Klirren und Sausen und Fechten.

Um das größere Kind zu trösten, gehen wir ins Schwimmbad und rutschen gefühlte zweihundert Mal. Es geht dem Kind wieder und wieder in Mark und Bein, es brüllt geradezu vor Beschleunigung, Überraschung, Überschwemmtwerden und Leben. Am Ende überziehen wir unsere Badezeit um ein paar einzelne Minuten und müssen 1,80 nachblechen, was mich sauer macht. Nachher finde ich mich knickerig, aber in der Situation kann ich den Ärger nicht überwinden. Das Kind sagt vor Erschöpfung nichts mehr, schiebt schweigend das Salamibrot in sich rein, das ich noch eingepackt habe. Für uns beide ohne Butter.

Sonnabend

Falafel gemacht, aus einem dubiosen Pülverchen angerührt und mit Minzjoghurt serviert. Es schmeckt überraschend gut, vor allem die Kinder sind hin und weg und stopfen sich geradezu damit voll. Ich bin vom Erfolg meiner Idee ganz überrascht. Warum isst man eigentlich bei uns nicht traditionellerweise Minzjoghurt, vor allem zu schweren Sachen? Weltkrieg machen wir, zweimal sogar, aber keinen Minzjoghurt.

Sonntag

Ein Alptraum: ich bin wieder sechs Jahre alt und werde eingeschult, der Liebste hingegen ist schon 58. Ich weine und weine und weine, dass uns so viele Jahre gestohlen werden. Ich vermute, ich sei wiedergeboren worden und habe durch einen Zufall mein Gedächtnis nicht verloren. In der Schule stellen sie idiotische Fragen und ich habe die Wahl, mitzuspielen, also die Fragen zu beantworten, oder die ganze Veranstaltung zu boykottieren. Allerdings komme ich gar nicht so oft dran, und wenn ich dazukomme, was zu sagen, halten sie mir vor: Das kannst du noch gar nicht wissen, und drehen sich zu den anderen Kindern um. Ich platze vor Wut und Hilflosigkeit. - Nach dem Aufwachen fühle ich mich noch lange wie gerädert.

Montag

Wieder ein Alptraum: ich bin ein chinesischer Ingenieur, der an einem geheimen Raketenprogramm teilnimmt. Sie schicken mich auf eine Forschungsplattform im Meer, und ich weiß intuitiv, dass ich nicht zurückkommen werde. Mein Leben, denke ich, meine Familie, mein Leben, meine Familie, und denke darüber nach, den Projektleiter zu erschießen oder mir ein Beiboot zu sichern, aber beides erscheint mir auswegslos. - Vor Angst erwache ich, komme den ganzen Vormittag nicht zu mir. Weil ich todmüde bin, mache ich einen Mittagsschlaf, in dem ich träume, Frauen hätten in ihren Kniekehlen weiche Geschlechtsbeutel. Ich wundere mich im Traum, dass mir das bisher noch nicht aufgefallen ist, und nach dem Aufwachen, was für eine blöde Idee das nun wieder war. Sind das nicht die Innernächte, fällt mir ein. Meine Güte.

Nachmittags machen wir uns auf zur Hebamme, die uns zu Silvester eingeladen hat. Sie selbst hat Spätdienst, aber ihre Familie ist da. Wir bekommen Nudeln gekocht, eine gewisse Zerknirschung, dass die Kinder bei anderen Leuten durchaus Tomatensoße essen, bei uns aber nicht. Im ganzen Haus gibt es Kinder, ständig kommen welche vorbei und unsere mischen sich fröhlich in diesen unverständlichen, kichernden Strom ein. Jemand bringt einen kleinen Jungen, stellt ihn an ein Spielzeug heran und dort steht das Kind still und fasziniert und spielt, bis es wieder weggetragen wird. Mein größeres Kind zieht sich unterdessen unter Benutzung des Gastgeber-Kleiderschrankes um, das kleinere suhlt sich im Kinderbett, ich trinke Bier und lehne mich zurück. Zwischendurch machen wir im Hof ein Feuer. Die Kinder bekommen Knüppelteig, der sofort in die Hände der jeweiligen Eltern wandert und am Ende von niemandem gegessen werden will. Die Kinder rennen unterdessen in der blitzenden Dunkelheit ums Haus und spielen "Tod der Einhörner" und "Schwertkampf". Jemand hat ihnen Knicklichter geschenkt, die sehnsüchtig im Dunkeln leuchten. Die Erwachsenen stehen träge am Feuer, trinken Glühwein und starren gefasst auf den Knüppelteig. Als die Salzstangen alle und die Einhörner tot sind, gehen wir hoch.
Gegen elf kommt die Gastgeberin, abgearbeitet, aber silvesterlustig. Das kleinere Kind hat große Angst vor dem Geknalle, und als wir zu Mitternacht auf dem Dach anstoßen wollen, weigert es sich, mit hochzukommen. * und das Kind (blass, müde) bleiben unten, das größere Kind und ich steigen aufs Dach.

Dienstag

Vom Dach aus hat man einen weiten Blick über die Stadt, Elbschlösser, Standseilbahn, Ernemannturm liegen geheimnisvoll im rauchigen Dickicht der Silvesternacht. Als die Kirchglocken Neujahr leuten, stoßen wir an, das Elbtal erzittert im Glitzer der Raketen, Dunstschwaden ziehen durch die Straßen. Das Kind hat Angst, wir könnten zu nahe an den Rand des Daches gehen, und lässt mich nur einen Schritt von der Luke wegtreten. Es bebt vor Müdigkeit, die sich in Kälte übersetzt. Schnell verabschieden wir uns. Als ich vor der Dachluke stehe, weiß ich kurz nicht, wie ich da jemals wieder runterkommen soll, und dann geht es doch.

In der Wohnung schnappen wir uns das kleinere Kind, machen los, großes Hallo und Glückwünsche zwischen Nachbarn und Gästen. Auf der Straße steckt das kleine Kind die Finger in die Ohren und lässt nicht wieder los, bis wir zu Hause sind. Ich genieße den Pulvergeruch und den rötlichen Nebel und ein wenig festliches Silvestergefühl, nachdem Weihnachten so wenig feierlich war. Und dann: Ruhe. Schlaf. Wieder ein Jahr hinter mir gelassen wie ein ausgemustertes Floß, das man unbemannt aufs Wasser fortstößt.


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3 Kommentare
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nany
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Mag ich Mag ich nicht

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02.01.2013 - 09:23 Uhr
nany

Jep das waren die Innernächte / Rauhnächte... wenns dich interessiert guck ich wieder in mein großes Lexikon :)

Und ich wollte dir danken, für ein tolles Jahr voller Geschichten und dem teilhaben lassen an deinen Gedanken und Abenteuern

queen_without_a_country
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Mag ich Mag ich nicht

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03.01.2013 - 13:01 Uhr
queen_without_a_country

ich kann mich der erlauchten Vorschreiberin nur anschließen ;)
(und hoffe auf eine Fortsetzung, ganz still und leise.)

lea2
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Mag ich Mag ich nicht

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06.01.2013 - 23:08 Uhr
lea2

zugewachsene augen und das unbemannte floß, sehr toll!
und schlließe mich der hoffnung der erlauchten vorschreiberin an.

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pitz

ist jetzt-Userin und hat diesen Beitrag verfasst.