In der Vergangenheit graben
Noch immer besuche ich meine Familie an Weihnachten, wenn sich alle an dem Ort meiner Kindheit versammeln. Dieses Jahr standen nicht nur die üblichen Pflichtbesuche an. Einen Nachmittag sollte ich im Keller meiner Mutter verbringen und Ordnung schaffen. Ich wohne seit Jahren nicht mehr in der Stadt, von der es mich einst fort trieb, habe über vierhundert Kilometer entfernt meinen eigenen Keller, mein eigenes Leben. Doch ein Stück Vergangenheit blieb damals zurück, wurde sorgsam verpackt und in den feuchten, schimmeligen Raum gebracht, in dem meine Nase zu jucken anfängt, obwohl er dieses Jahr eine neue Schicht weiße Farbe erhalten hat.Erst hatte ich alle zwei Wochen Nachrichten von meiner Mutter vorgefunden. Sie trugen den mahnenden Titel "Mäuse" oder "Flüsterpropaganda" und enthielten Sätze wie "Hier geschehen die verrücktesten Dinge", "Gerüchten zufolge müssen alle Keller geräumt werden", und immer wieder steckten Vorwürfe zwischen den Zeilen, über die Kisten, die seit Jahren niemand mehr geöffnet hatte. Das Haus war in den Besitz einer Erbgemeinschaft übergegangen und die Mieter fürchteten Verkauf und Abriss.
So begann ich, zu sortieren, Gegenstände, die nichts als Träger von Erinnerungen waren, in einer neuen Kiste zu sammeln. Mit jedem Gegenstand, den ich wegwarf, fühlte ich mich leichter, als würde ich ein Stück Vergangenheit abstreifen und nun endgültig und unwiderruflich fort legen.
Ich hatte diesen Tag vor mir hergeschoben. Mir fällt es schwer, mich von Dingen zu trennen, die Endgültigkeit und Vergänglichkeit zu akzeptieren. Außerdem wusste ich, dass in einigen Kisten Erinnerungen ruhten, die ich lieber für immer auslöschen, nicht noch einmal hervorholen wollte. Briefe von meinem Exfreund, in denen er mich siezte und bedrohte. Eine Holzfigur, die auf meinem Schreibtsich stand, als das Haus meiner Kindheit tagtäglich vor Gezank erzitterte.
Einige wenige Dinge nahm ich mit, Fotoalben, Tagebücher, eine Lupe. Doch zu Hause hatte ich das Gefühl, als würde die Vergangenheit meinen neuen Lebensraum durchfluten; ich wollte nicht näher an diese Vergangenheit heran, sondern den Abstand, den ich mir in jahrelanger Arbeit erkämpft hatte, bewahren. Harmlose Dinge können zum Symbol werden, zum Auslöser von Niedergeschlagenheit, nur weil sie zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort standen. Als Ausgleich werde ich einen Schrank oder eine Schublade in meiner Wohnung ausmisten, ebenfalls mit alten Dingen, die zufälligerweise nicht in den Kisten, sondern im Umzugsauto landeten, damals vor sieben Jahren. Denn auch wenn Trennung, Endgültigkeit, schwer fällt, beflügelt sie und löst ein Gefühl der Leichtigkeit aus.
An meiner Umgebung zeigt sich schließlich mein Wandel, ist sie doch auf gewisse Weise Spiegel meiner selbst, da ich sie – mal aktiver, mal weniger aktiv, gestalte. Ich bin ein anderer Mensch heute, die Heranwachsende, die ich einst war, ist mir fremd. Sie starb, und aus ihrer Hülle stieg eine Erwachsene hervor, die es gelernt hat, weniger intensiv zu fühlen, um nicht allzu verletzlich zu sein – und sich nach und nach eine Welt um ihren Schutzwall aufbaute, die weder heiß noch kalt, weder schwarz noch bunt ist, doch "normal", und das ist viel – weit mehr, als ich mir früher je erträumt hatte. Das ist alles, was ich will. Für Gespenster der Vergangenheit ist dort kein Platz.
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und trotzdem sind sie irgendwie da oder nicht?









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28.12.2012 - 23:01 Uhr
schattenfisch